Tag 5
Kein Zurück
Ich bin heiser, fiebrig, so verstopft, wie man nur sein kann, und habe wieder nur vier Stunden Schlaf abbekommen. Das Leben macht mich mürbe, dennoch bin ich keinen Deut weniger aggressiv. Ein unbändiger Druck baut sich gleich nach dem Aufstehen in mir auf und will nach draußen gelangen. Weil das Schreien nicht mehr gelingt, verlege ich mich auf die lautstarke Fortbewegung in der Wohnung. Es ist gerade Mittag geworden, als mich mein Freund bittet, endlich wieder zu rauchen, da er einen wichtigen Bericht schreiben muss. Doch ich denke nicht daran. Die vergangenen Tage dürfen nicht umsonst gewesen sein.
Ablenkung tut not. In einem Nichtraucher-Blog lese ich, dass jemand seine eigene Büroeinrichtung zertrümmert hat, obwohl er stets ein friedfertiger Mensch war. Außerdem musste er dafür 70 Kilometer zur Arbeit fahren, da Wochenende war. Irritiert klicke ich weiter. Auf einer Seite einer renommierten Nachrichtenagentur ist zu lesen, dass etwa 95 Prozent aller Raucher innerhalb eines Jahres einen Rückfall erleben, wenn sie mit der Hauruckmethode versuchen. Nun bin ich dermaßen eingeschüchtert, dass ich beschließe, mir für heute Internetverbot auszusprechen.
Schöner wohnen dank Übersprungshandlungen
Statt Recherche gibt es Übersprungshandlungen satt. Das Resultat ist ein sortierter Kleiderschrank, ein Kochplan für die nächsten Abende, ein frisch frisierter Partner, shampoonierte Katzen und sechsfach geputzte Zähne. Mein frisch frisierter Partner schlägt vor, dass ich arbeite. Ich lache ausgiebig, falle aufs Sofa und schaue an die Wand. Eine Stunde später schaue ich noch immer an die Wand und wippe mit den Füßen. Obwohl ich eigentlich überraschend ruhig bin, erinnert mich mein Freund daran, dass Langeweile schlecht für mich ist. Mir ist nicht langweilig, denn ich habe eine neue Aggressionsattacke. Die kurze Bemerkung meines Freundes hat gereicht. Ich bin selbst überrascht, dass mich der Entzug so in der Gewalt hat, und beschließe kurzerhand, mir echte Hilfe zu suchen.
Nikotinkaugummis für den Seelenfrieden
Eine Zigarette wäre jetzt gut, stattdessen gibt es einen kurzen Abstecher zur Apotheke. Auf dem Weg begegnen mir einige rauchende Menschen. Mein Blick ist auf meine Schuhe gerichtet, doch ich kann ihre Zigaretten gegen den Wind riechen und habe das Bedürfnis, sie zu fragen, ob sie mich anpusten würden. Dann ist es geschafft. In der Apotheke erfahre ich, dass ich als impulsiver Raucher mit Kaugummis am besten beraten bin. Besser noch als sich von Kaugummis beraten lassen ist nur noch, sie zu kauen- und das immer, wenn ich Lust auf eine Zigarette habe. Ich versuche es und meine, dass es mir tatsächlich etwas besser geht. In meinem Mund brennt es pfeffrig, in meinem Magen poltert es, aber ich bin eindeutig ruhiger. Spätestens nach dem dritten Kaugummi steht fest: Ich habe die Aggression überwunden. Ich habe sie überwunden und ernte Übelkeit und leichte Bauchschmerzen.






