Tag 4
Hilfe von ganz oben
Wohl zwanzig Minuten halte ich den Fahrradkurier umarmt und vergieße Tränen der Freude. Zum 80sten Mal sagt der Kurier etwas von 81 weiteren Paketen, die er zustellen muss, weil er vier Kinder und zwei Frauen zu ernähren hat. Ich schnäuze in sein glitzerndes Radleroutfit und drücke ihn nur etwas fester an mich. Scheinbar ist er nicht so gut drauf, denn er sagt etwas, das wie „Scheiße, wieder so eine übergeschnappte Prenzlauer-Berg-Kuh“ klingt. Davon lasse ich mich heute nicht beeindrucken, denn neben mir steht und wartet mein „rauchfrei“-Paket der BZgA.
Als mich der Kurier in den Schwitzkasten genommen und nach Androhung einer Onlinefreundschaft bei Myspace rückwärts in mein Wohnzimmer gestoßen hat, kommt mir die Idee, das Paket zu öffnen. Umgehend zerfetze ich Klebeband und Pappe und reiße einen gelben Antiaggressionsball an mich, der nach wenigen Sekunden vollständig zerpflückt ist. Die beiliegenden Aufkleber folgen seinem Vorbild, die Pfefferminzbonbons schlucke ich mit etwas kaltem Kaffee herunter. Bittere Enttäuschung folgt. Sie folgt etwas voreilig, denn gerade als ich den vermeintlich ausgeräumten Karton wegwerfen will, erspähe ich einen Kalender.
Morgen ist auch wieder ein Tag
Ich blättere bis zu Tag 4 meiner Nichtraucherkarriere vor. Dort schaut mich ein Herz an und verschenkt das Versprechen, dass es meinem Kreislauf am heutigen Tag bereits entscheidend besser geht. Ich habe kein Problem, das zu glauben, denn zum ersten Mal in meinem Leben leide ich nicht an zu niedrigem Blutdruck. Der Puls geht ungewohnt schnell, die Haut von einem klebrigen Schweißfilm überzogen. Mein Kopf ist rot, als ich schreie erreicht er Lilatöne. Vermutlich werde ich gleich einen Herzinfarkt erleiden, denke ich und beschließe, mich so lang auf meine Yogimatte aus Nepal zu setzen, bis ich mich beruhigt habe. Nach zwei Stunden ist die rechte Pobacke eingeschlafen, eine Stunde später folgt ihr die linke. Jetzt habe ich zwei eingeschlafene Pobacken und bin immer noch nicht relaxt.
Den Entzug sportlich nehmen
Versuchsweise nähere ich mich meinem Crosstrainer. Bisher diente er vor allem als Garderobe und auch ein bisschen zur Wahrung eines sportlichen Scheins, doch diese Zeiten sind jetzt vorbei. Ganze 30 Minuten strampel ich mich bei einem Puls von durchschnittlich 150 Schlägen pro Minute ab. Noch vor einer Woche hätte ich das nicht geschafft, jetzt schenkt mir die Aggression Superkräfte. Ich bin verblüfft und auch ein bisschen stolz. Automatisch denke ich: Das hast du gut gemacht, jetzt hast du dir eine schöne Zigarette verdient. Obwohl mich das gewohnte Belohnungsmuster kurzzeitig aus der Bahn wirft, bleibe ich einigermaßen gefasst. Schließlich werde ich sogar so ruhig, dass sich mein Freund nicht entscheiden kann, ob er einen Freudentanz aufführen oder sich sorgen soll. Eine Entscheidungshilfe soll meine Erklärung sein, die ich ihm gern gebe. Der Tod hat mich in seinen Klauen. In meinem Brustraum und im Hals steckte etwas Schweres, Felliges fest, das sich schließlich auf die Lunge legt, in meinem Rachen sitzen Unmengen von zähem Schleim, die Nasennebenhöhlen sind völlig verstopft. Das Nichtrauchen hat mir eine deftige Erkältung eingebracht.






