Tag 2
Bittere Reue
So also fühlt man sich also, wenn man sich nicht gut fühlt. Ich bin noch keine Stunde auf den Beinen und habe bereits sechsmal probiert, mich heimlich zum Rauchen auf den Balkon zu stehlen. Die Augen meines Freundes sind jedoch überall. Er lässt mich nicht auf den Balkon und auch nicht zum Ausführen des Hundes, den wir nicht besitzen, vors Haus. Er ist ernüchtert, weil ich schon nach einer Nacht bereit bin, mein Vorhaben über Bord zu werfen.
Hat jemand meine Motivation gesehen?
Ich bin geradezu besessen davon, meine gewohnte Morgenzigarette zwischen die Zähne zu bekommen und alles hinzuwerfen. Ich habe auch schon eine gute Erklärung für dieses Phänomen. Mir mangelt es ernsthaft an Motivation, oder wie es mein Freund ausdrückt: Mir mangelt es an ernsthafter Motivation. Ich rechne mir aus, wie viel Geld ich durch das Nichtrauchen sparen kann. Die Summe imponiert mir. Um die Motivation weiter in die Höhe zu treiben, rechne ich mir aus, was ich mir mit dem ersparten Geld kaufen könnte. Ich komme auf zwei Päckchen Zigaretten am Tag. In meinem Kopf fühlt es sich ein bisschen verfilzt an, daher beende ich die Rechnung an dieser Stelle.
Von Selbstmitleid und Aggressionen
So langsam habe ich das Gefühl, zu platzen. Ich fühle mich verspult und gleichzeitig total überdreht. Reichlich Selbstmitleid kommt dazu. Nach einer Stunde in der Bodenlosigkeit reicht es mir. Irgendwie muss ich mich durch die nächsten Stunden bringen. Aus Mangel an Ideen versuche ich es mit der Carnegie–Methode und suche im Internet nach der ungeschminktesten Selbsthilfeseite. Ich lese, dass so mancher frischgebackene Nichtraucher mit regelrechten Schreikrämpfen zu tun hat, und atme erleichtert auf. Mir selbst ist nicht nach schreien, ich knabbere eher an einer stillen, traurigen Form der Verzweiflung. Solange ich mich vergewissern kann, dass andere mindestens genauso viel leiden wie ich, ist alles gut. Leider fällt am Nachmittag das Internet aus. Ich spüre einen ersten Anflug von Aggression, den ich so lange in einem Internetcafé ertrage, bis ich gebeten werde, mich an der frischen Luft spazieren zu führen.






