Tag 1
Die letzte Zigarette
Es ist soweit. Heute werde ich die letzte Zigarette anzünden und vor allem rauchen. Ursprünglich lautete der Plan, den großen Abschied direkt nach der Morgenzigarette anzugehen. Nachdem ich jedoch zu unmenschlich früher Stunde eben jene Zigarette im Aschenbecher ausgedrückt habe, finde ich, dass sich ein gewaltiger Schritt am Abend oder besser noch unmittelbar vor dem Schlafengehen besser absolvieren lässt.
Nach dieser Überlegung stellt sich umgehend das Gefühl der Erleichterung ein. Am Vormittag bin ich regelrecht schwerelos, am Nachmittag machen sich erste Gravitationseffekte bemerkbar, die mich dann zum Abend hin allmählich gebückt gehen lassen. Kurzzeitig spiele ich mit dem Gedanken, die Schlafenszeit ein paar Tage nach hinten zu verlegen, dann jedoch gebe ich mir einen Ruck.
Sag' zum Abschied leise Servus
Die letzte Zigarette. Ich halte sie in der Hand und erwische mich dabei, wie ich ihr Kosenamen zuflüstere. Natürlich weiß ich, dass sie mir nichts Gutes will und danach trachtet, mich um wertvolle Lebenszeit zu bringen, aber gerade bin ich bereit, ihr alles zu verzeihen. 13 Jahre lang habe ich mir durchschnittlich 18 Zigaretten am Tag angezündet, und nun soll das hier plötzlich die letzte sein
Der Ausstieg: für die Nachwelt auf Film verewigt
Eine ganze Stunde lang wiege ich sie in meiner Hand und bringe es nicht über mich, sie in Flammen zu setzen. Ich hasse Trennungen. Ich hasse Veränderungen. Erst mein Freund bekommt mich dazu, das Feuerzeug zu zücken. Bevor ich den ersten Zug nehmen kann, baut er die Kamera vor mir auf. Er will den Moment für die Nachwelt festhalten, in der das Rauchen längst kriminalisiert sein wird. Während er mir noch einen Vortrag über den kontinuierlichen Abstieg des blauen Dunstes hält, stelle ich irritiert fest, wie schnell sich so eine letzte Zigarette aufraucht. Ich inhaliere noch einmal tief und huste. Der Filter. Ich kann nichts mehr tun, die Zigarette ist aus. Mit einer ausladenden Geste zerdrücke ich sie im Aschenbecher und denke darüber nach, den Nachweltfilm mit dem Titanic-Soundtrack zu unterlegen.
Nichtraucherin seit 10 Minuten
Ich bin seit zehn Minuten Nichtraucher und bemerke keine Veränderung. Ruhiger als ich ist nur die Ruhe selbst. Wäre ich eine Landschaft, würde ein Heuballen durch mich wehen und ein Falke würde schreien. Oder jemand würde in mir sitzen, auf einem Banjo spielen und dabei rauchen. Ich würde mich durch Letzteres gestört fühlen, weil ich jetzt Nichtraucher bin. Ja, wie gut, dass ich jetzt ein Nichtraucher bin. Ich spüre bereits ungeahnte Kräfte in mir wachsen. Gäbe es in meiner Wohnung eine Stahlstange, wäre sie jetzt verbogen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mich in den nächsten Tagen irgendetwas ausbremsen können wird. Ich bin so voll von Aufbruchstimmung, dass ich kaum ruhig sitzen kann. Zum Glück schläft es sich im Liegen am besten.
Traurigkeit und Baldriantee
Eine weitere Stunde ist vergangen. Mir ist nach Weinen zumute. Vermutlich bin ich gerührt von den Ereignissen des Tages oder einfach nur übernächtigt. Ja, so wird es sein. Weil ich nicht wissen will, ob ich damit richtig liege, trinke ich drei Gläser Baldriantee und verschwinde erneut im Bett. Mein letzter Gedanke: Hoffentlich werde ich nicht schon morgen wieder schwach.






