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Der verspätete Vorsatz
Ich sitze gerade erst seit einer knappen Stunde im Flieger zurück nach Berlin und fühle mich bereits wie umgestülpt. Meine Hände sind feucht, das Herz rumpelt etwas zu schnell und meine Zunge trägt Pelz. Ich habe gute Gründe, langsam nervös zu werden, dennoch bleibe ich gefasst, greife in meine Handtasche und hole eine Folienverpackung hervor.
Links neben mir schläft mein Freund, rechts neben mir sitzt ein Fremder, der mir beim Anblick der Verpackung anerkennend zunickt. So fühlt man sich also, wenn man bewundert wird. Und da ist also die Markierung, ein kleiner Riss, und ich werde erlöst sein.
Es reißt nichts, die Markierung bleibt unversehrt. Ich versuche es noch einmal, ergebnislos. Der Fremde schaut noch immer, ich drehe mich von ihm weg und setze die Zähne an. Die Folie wirft Beulen und Blasen, bleibt jedoch geschlossen. Sekunden später habe ich mir die Fingerkuppen und die Unterlippe aufgerissen. Der Fremde hat währenddessen eine stramme Stewardess gebeten, sich umsetzen zu dürfen, doch sein Ansinnen wird abgewiesen. Bevor die Stewardess verschwinden kann, bitte ich sie um ein Messer, eine Nagelschere, ein Schwert oder was sonst gerade zur Hand ist. Vielleicht durch den Anblick des Blutes auf meinem Kinn verunsichert, sagt sie, dass Passagiere an Bord keine scharfen Gegenstände bei sich tragen dürfen.
In einem Anflug von Panik heule ich kurz auf und folge einem inneren Bedürfnis, das meine Zähne in der Rückenlehne des Vordermanns wissen will. Das Schwitzen verstärkt sich, zwei Fliegen finden sich zusammen und umkreisen meinen Nacken. Das ist also Wahnsinn. Bevor ich jemandem ernsthaft schaden kann, will ich versuchen, mich zu beruhigen. Wenn ich meditieren könnte, würde ich jetzt meditieren. Statt dessen erinnere ich mich an den gelungenen Jahreswechsel, den mein Freund und ich im europäischen Ausland zu uns genommen haben. Alles war so, wie es sein sollte, stelle ich zufrieden schmunzelnd fest. Ich schmunzel so lange, bis ich hysterisch lache. Der Kotrollverlust ist zurück, so auch die Stewardess, die wissen will, was mit mir los ist. Nachdem sie meinem Gestammel einen Augenblick zugehört hat, verschwindet sie in der Bordküche.
Eine Minute später dreht sich die Welt endlich wieder richtig herum. Auf meinem Arm kleben gleich zwei Nikotin-Patches und spenden mir Nervengift und neuen Lebensmut. Obwohl ich mich endlich wieder nahezu menschlich fühle und zuversichtlich bin, die 20 Minuten bis zur Landung und damit bis zur nächsten Zigarette überleben zu können, werde ich das Gefühl nicht los, dass ich dringend etwas ändern muss.
Der Fremde räuspert sich und möchte mir auf die Sprünge helfen, scheinbar habe ich laut gesprochen. Er fragt, ob ich schon einmal mit dem Gedanken gespielt habe, das Rauchen zu quittieren. Immerhin habe es sogar der lasterfreundliche Mark Twain geschafft, und das gleich hunderte Male. Er könne außerdem riechen, dass mein Freund Nichtraucher und als solcher sicherlich froh wäre, wenn ich mich nicht mehr sukzessive umbrächte. Es gebe neuerdings auch etwas, das sich „rauchfrei“ nenne. „Rauchfrei“ sei eine Initiative der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Um Rauchern den Verzicht zu erleichtern, habe sie ein Päckchen mit allerlei Kleinkram wie Pfefferminzbonbons, Nichtraucheraufkleber und einem Antiaggressionsball zusammengestellt. Ob ich es nicht also versuchen wolle?
Ich schüttle meinen Kopf und verletze dabei eine der noch immer kreisenden Fliegen. Mir ist unwohl und in mir beginnt sich etwas zu regen. Zunächst halte ich es für das Mittagessen, dann jedoch wird mir klar, dass es etwas ist, das länger nachschmecken wird. Im Moment der Erkenntnis reißt die Landeanflugansage meinen Freund aus dem Schlaf. Mit noch bettwarmem Geist fragt er mich, ob er etwas verpasst habe. Ich fühle ein inneres Schwanken in mir und antworte doch überraschend fest, dass ich ab morgen früh Nichtraucher bin.






