PD Dr. med. Thomas Ellrott

Adipositas erfolgreich behandeln

Diät, OP, Sport oder Medikamente - Was hilft wem?

Von der Ernährungsbroschüre bis hin zur chirurgischen Versorgung - die Zahl der Behandlungsmöglichkeiten bei Adipositas hat deutlich zugenommen. In einem aktuellen Interview informiert Privatdozent Dr. Thomas Ellrott, Leiter des Instituts für Ernährungspsychologie an der Universität Göttingen, Patienten darüber, welche Maßnahmen für welche Patienten zur Verfügung stehen.


Lifeline

Herr Dr. Ellrott, angenommen, ich wäre deutlich übergewichtig, habe aber zurzeit keine Möglichkeit sportlich aktiv zu werden, was würden Sie mir vorschlagen?

Dr. Ellrott

Selbst eine Steigerung der körperlichen Aktivität im Alltag kann sich bereits lohnen, wenn man gleichzeitig die Kalorienaufnahme auch noch etwas einschränkt. Kleine Aktivitäten in den Alltag einzubauen, wie etwa für nahe Wege das Fahrrad anstelle des Autos zu nutzen oder zu Fuß zu gehen, dürfte für die meisten von uns kein Problem sein. Eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg von Maßnahmen zur Gewichtsreduktion ist, dass die Verfahren im Alltag auch gut umsetzbar sind.

Lifeline

Welche Optionen kommen therapeutisch infrage, wenn eine Ernährungsumstellung und vermehrte körperliche Aktivität keinen hinreichenden Therapieerfolg erzielen?

Dr. Ellrott

Für Menschen, bei denen dies nicht ausreicht, stehen aufwendigere Therapieverfahren, Medikamente oder im Extremfall auch Operationen zur Verfügung.

Die Behandlung der Adipositas, also von deutlichem Übergewicht bzw. Fettleibigkeit, erfolgt stufenweise. Grundsätzlich geht es dabei immer um das Erlernen eines besseren, der Gesundheit förderlicheren Essverhaltens und um das Praktizieren von etwas mehr Bewegung. Das bezeichnet man als verhaltensorientiertes Basisprogramm. Arbeite ich jedoch nur mit diesem Basisprogramm, vergeht bei stark adipösen Patienten unter Umständen viel Zeit, bis die Behandlung einen ausreichenden Erfolg zeigt. Denn bei einem Patienten mit einem BMI von 43, der zum Beispiel 140 Kilo wiegt, geht es auch darum, dass er ziemlich bald erste Erfolge sieht. Das erhöht die Motivation. In diesem Fall macht es deshalb absolut Sinn, am Anfang oder im Verlauf zum Beispiel eine Formula-Diät oder ein Medikament einzusetzen oder sogar beides miteinander zu kombinieren: zur schnellen Gewichtsreduktion eine Formula-Diät, zur Verhinderung des Jo-Jo-Effekts ein Medikament. Mit welcher Behandlungsform ein Basisprogramm ergänzt wird, ist nicht nur abhängig vom Schweregrad der Adipositas, sondern auch von den Bedürfnissen und Möglichkeiten des Patienten.

Lifeline

Wer ist bei der Auswahl dieser Behandlungsvarianten für Patienten der geeignete Ansprechpartner? Und was kann zum Beispiel der Hausarzt hier leisten?

Dr. Ellrott

Nicht jeder Hausarzt hat sich auf Gewichtsmanagement spezialisiert. Es gibt aber Hausärzte, die sich sehr für dieses Thema interessieren, sich dafür speziell fortbilden und selbst Therapieprogramme anbieten. Diese Hausärzte sind natürlich ideale Ansprechpartner, vor allem wenn der BMI zwischen 30 und 40 liegt. Liegt der BMI darüber, bieten spezielle ambulante Adipositas-Zentren maßgeschneiderte Programme an. Diese Zentren sind oft als Ambulanzen unter dem Dach eines Krankenhauses angesiedelt. Bei Patienten mit hohen Adipositas-Schweregraden (BMI größer 40) besteht größter Handlungsbedarf. Sie haben ein hohes Risiko für das Auftreten von Begleit- und Folgeerkrankungen und können am gesellschaftlichen Leben häufig kaum noch teilhaben.

Lifeline

Welche Medikamente kommen zur Therapie der Adipositas infrage?

Dr. Ellrott

Als Arzneimittel zur Gewichtsreduktion sind zurzeit nur zwei Wirkstoffe zugelassen - Orlistat und Sibutramin. Die Wirksamkeit dieser Substanzen auf Gewicht und Begleiterkrankungen konnte durch viele Studien eindeutig belegt werden. Unter den Handelsnamen Xenical® und Reductil® stehen sie als rezeptpflichtige Arzneimittel zum Abnehmen, unter dem Handelsnamen alli® steht Orlistat auch als frei verkäufliches Arzneimittel zum Abnehmen in der Apotheke zur Verfügung. Für alle anderen rezeptfreien Medizinprodukte oder Nahrungsergänzungsmittel zum Abnehmen, die frei verkauft werden, gibt es bis heute keinerlei ernsthaften Beweis der Wirksamkeit. Anders als bei Arzneimitteln muss für Medizinprodukte jedoch kein Wirksamkeitsnachweis vorgelegt werden, damit diese verkauft werden dürfen.

Lifeline

Wie lange müssen diese Arzneimittel angewendet werden?

Dr. Ellrott

Bei der Behandlung eines Bluthochdrucks stellt niemand infrage, dass in den meisten Fällen eine langfristige Therapie angezeigt ist. Zu glauben, ein Patient mit Bluthochdruck müsse ein Blutdruckmedikament nur für sechs Wochen anwenden und der Blutdruck steige nach Absetzen des Medikaments nicht wieder an, wäre aberwitzig. Diese Anforderung stellen wir aber an Pharmaka zur Gewichtsabnahme. Sinkt nach ein paar Wochen das Gewicht, setzt man sie ab und glaubt, die Gewichtsreduktion bliebe automatisch erhalten. Das ist natürlich eine Illusion. Medikamente zur Gewichtsreduktion wirken nur so lange, wie man sie einnimmt. Neueren wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge profitieren viele Patienten jedoch bereits von einem sechsmonatigen Einsatz dieser Medikamente. Voraussetzung dafür ist, dass der Patient gleichzeitig seinen Lebensstil ändert. Die Hersteller der Arzneimittel alli®, Xenical® und Reductil® bieten zusätzlich zu ihren Wirkstoffen kostenfreie verhaltensbasierte Therapieprogramme an, die parallel zur Einnahme der Präparate eine Veränderung des Ess- und Bewegungsverhaltens trainieren. Wird durch das Programm - unterstützt durch die Medikation - der Lebensstil geändert, kann das Gewicht auch ohne eine weitere Gabe des Medikaments gehalten werden und sogar noch weiter sinken. Falls nicht, besteht die Möglichkeit, das Arzneimittel im Rahmen einer Intervalltherapie erneut einzusetzen.

Orlistat oder Sibutramin sind aber leider nicht bei jedem Patienten gleich wirksam - auch das haben Studien eindeutig gezeigt. Kommt es nicht bereits im ersten Monat zu einem Gewichtsverlust von zwei Kilo, sollte das Medikament nicht weiter eingesetzt werden. Der Patient ist dann ein Non-Responder, also jemand, der von dem eingesetzten Medikament keinen hinreichenden Nutzen hat. Ansonsten sollte die Therapiedauer zumindest sechs Monate betragen. Sibutramin darf maximal zwei Jahre lang angewendet werden, Orlistat über maximal vier Jahre. Über diese Zeiträume gibt es hinreichend gute Sicherheitsdaten.

Lifeline

Ab wann kommen chirurgische Verfahren zum Einsatz und für wen sind sie geeignet?

Dr. Ellrott

Nicht alle extrem Adipösen profitieren automatisch von der Ultima Ratio (dem „äußersten Mittel“), der chirurgischen Therapie. Manche Patienten sind bei einem Chirurgen falsch aufgehoben, obwohl sie zum Beispiel 200 Kilo wiegen und die Voraussetzungen für einen operativen Eingriff eigentlich erfüllen. Im Nachhinein stellt sich dann aber heraus, dass sie nach der Operation heimlich flüssige Kalorien trinken und sich die Nuss-Nugat-Creme in der Mikrowelle warm machen. Diese Patienten machen mit ihrem Verhalten den Erfolg einer Operation praktisch zunichte. Das sind Reaktionsweisen, die können wir vor einem chirurgischen Eingriff nur begrenzt vorhersehen.

Für ein chirurgisches Verfahren sprechen ein sehr hoher BMI-Wert und das Vorliegen von Begleiterkrankungen der Adipositas. Als offizielles „Einstiegskriterium“ für Operationen gilt zurzeit ein BMI von 35. Ich halte diesen Wert jedoch für zu niedrig und würde eher einen BMI-Wert von 40 vorschlagen. Ab einem BMI von 50 ist die Entscheidung für ein chirurgisches Verfahren bereits ziemlich wahrscheinlich, bei BMI-Werten von 60 und mehr gibt es praktisch keine Alternativen mehr.

Lifeline

Herr Dr. Ellrott, wir bedanken uns für das Gespräch!

(21.12.2009)

25.01.2010 - Aktueller Hinweis der Lifeline-Redaktion: Ruhen der Marktzulassung von Reductil®

Auf der Grundlage der Ergebnisse der sogenannten SCOUT-Studie (Sibutramine Cardiovascular OUTcomes Trial) zog der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der europäischen Arzneimittelagentur (EMA) den Schluss, dass das Nutzen-Risiko-Verhältnis von Sibutramin nicht mehr positiv ist und hat daher die Empfehlung ausgesprochen, dass alle Marktzulassungen für Arzneimittel mit dem Wirkstoff Sibutramin innerhalb der EU ausgesetzt werden sollen.

Patienten, die zur Zeit mit Sibutramin behandelt werden, wird geraten, für den nächsten geeigneten Zeitpunkt einen Termin mit ihrem Arzt zu vereinbaren, um mit ihm alternative Wege zur Gewichtsabnahme zu besprechen. Hierzu zählen auch Diäten und vermehrte körperliche Bewegung. Patienten, die die Behandlung beenden möchten, bevor sie mit ihrem Arzt gesprochen haben, können das jederzeit tun.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) weist darauf hin, dass die in diesem Rote-Hand-Brief dargestellte Sachlage für sämtliche in Deutschland zugelassenen Sibutramin-haltigen Arzneimittel gilt.

Quelle: Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM); Download vom 25.01.2010


Glossar:
BMI: Der Body-Mass-Index (BMI), auch Körpermasseindex (KMI), ist eine Maßzahl für die Bewertung der Körpermasse eines Menschen. Er berechnet sich aus dem Körpergewicht [kg] dividiert durch das Quadrat der Körpergröße [m2].

Formula-Diät: Trinkfertiger Mahlzeitenersatz zur Gewichtsreduktion. Die Wirksamkeit ist jedoch nur von vorübergehender Dauer. Dem Einsatz muss eine dauerhafte Ernährungsumstellung bzw. Verhaltensänderung folgen. Formula-Diäten müssen daher Bestandteile eines ganzheitlichen Therapieprogramms sein.

Jo-Jo-Effekt: Unerwünschte und mitunter schnelle Gewichtszunahme im Anschluss an eine oder mehrere Reduktionsdiät(en). Die Gewichtszunahme kann dabei die zuvor erreichte Gewichtsabnahme sogar übersteigen.


Autor: Das Interview führte Eduardo Fernández-Tenllado Ramminger
Stand: Jul 18, 2011


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