Krankmachende Langeweile
Stress durch Unterforderung im Job
Zwei Stunden lang werden Akten sortiert und Daten abgeglichen, anschließend qualmt der Telefonhörer oder das DSL-Kabel. Es gibt noch sechs Stunden zu bezwingen und so werden Verabredungen getroffen, das Internet nach Geburtstagsgeschenken der Freundin befragt und der nächste Urlaub geplant. Manch einer würde sich angesichts der Aktenberge, die unbezwingbar auf dem eigenen Schreibtisch liegen, vielleicht über einen solch bequemen Tag im Büro freuen. Zwei Autoren wissen jedoch zu berichten, dass Langeweile oder Desinteresse am Arbeitsplatz auf Dauer ebenso Stress auslösen können wie berufliche Überforderung.
Unterforderung lauert vor allem im Büro
Die Unternehmensberater Philippe Rothlin und Peter Werder warnen vor einer neuen Erscheinung der modernen Arbeitswelt: dem Bore-out. Denn nicht nur für das Unternehmen ist geringes Arbeitsaufkommen gefährlich, sondern auch für die Gesundheit der Arbeitnehmer.
In ihrem Buch "Diagnose Bore-out - Warum Unterforderung im Job krank macht" schreiben sie: "In vielen Fällen schlägt der Bore-out zu: der Stress, beschäftigt wirken zu müssen schon aus Angst um den Arbeitsplatz." In nahezu jedem Beruf kann es laut den Autoren zum krankmachenden Bore-out kommen. "Grundsätzlich kann vom Bore-out betroffen sein, wer in einem Büro an einem Schreibtisch arbeitet und Beschäftigung vortäuscht. Ein Bodenleger hingegen kann nicht vortäuschen, einen Boden zu verlegen. Entweder verlegt er ihn, oder er tut es nicht", sagt Autor Rothlin. "Hier sind die Resultate eins zu eins messbar ganz im Gegensatz zu vielen Bürojobs."
Däumchendrehen bis zum Feierabend
Die Wortschöpfung Bore-out bedeutet so viel wie ausgelangweilt sein" und ist gewissermaßen das Gegenteil vom Burn-out, dem chronischen Ausgebranntsein durch Überlastung. Während das Burn-out schon fast zum guten Ton gehört, ist die Unterforderung am Arbeitsplatz in unserer Leistungsgesellschaft ein klares Tabuthema. Wer brüstet sich schon gern damit, die Zeit bis zum Feierabend schlichtweg abzusitzen? Und genau in diesem Dilemma stecken immer mehr Arbeitnehmer.
Viele genießen es zunächst, immer mal wieder die Füße hochlegen zu können. Wenn es sich jedoch abzeichnet, dass die Unterbeschäftigung kein Ende findet, ist es häufig zu spät. Nach einem Jahr der Monotonie und Langeweile trauen sich viele nicht mehr, sich dem Vorgesetzten anzuvertrauen. Damit er und die Kollegen nicht merken, dass Beschäftigung Mangelware ist, wird bis zum Abend blind in die Tastatur gehauen oder Projekte so in die Länge gezogen, dass dem Chef jeden Tag etwas vorgewiesen werden kann.
Unterbeschäftigung schadet nicht nur der Firma
Dieses ständige Versteckspiel, das den Job sichern soll, kann Stress auslösen, der schlecht für die Gesundheit ist. Typische Symptome sind Konzentrations- und Schlafstörungen, Antriebslosigkeit und Verspannungen bis hin zur Depression. Wer dauerhaft unter Stress durch Unterforderung leidet, kündigt mit der Zeit innerlich. Das schadet dem Unternehmen und schließlich der Volkswirtschaft. Abhilfe kann ein Tätigkeitswechsel schaffen. Peter Werder rät, schon bei der Jobsuche darauf zu achten, dass die Arbeit erfüllend ist. Genauso wichtig wie das Gehalt sei die Frage nach dem Sinn und dem Ausmaß der Arbeit.
Arbeitgeber sollten versuchen, die Mitarbeiter stärker einzubinden. Es ist gut, wenn Mitarbeiter gehen dürfen, nachdem sie ihre Aufgaben erledigt haben. Sie sollten merken, dass ihr Arbeitgeber dies fördert", sagt Renate Rau, Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie in Marburg.









