Experten-Interview über die Qualität von Glühwein

Billig-Weine verderben den Glühweingenuss

Millionen Liter Glühwein werden in den nächsten Wochen auf deutschen Weihnachtsmärkten getrunken. Das süffige, oft klebrig-süße Heißgetränk ist beliebt – und nicht selten verantwortlich für einen dicken Brummschädel am nächsten Tag. Was trinken wir da eigentlich?

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Für die Glühwein-Produktion ist kein Spitzenwein nötig. Doch in Massen hergestellte Billigweine haben den Glühwein in Verruf gebracht.
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Lifeline sprach mit Herbert Witowski, Apotheker und Oenologe im Zentrallabor Alzey über die Qualität bei Glühweinen – und was einen guten Glühwein ausmacht.

Lifeline: Bei manchem Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt will man gar nicht bis ins letzte Detail wissen, was genau drinnen ist. Was gehört Ihrer Meinung nach rein in den Glühwein - und was nicht?

Herbert Witowski: In einen guten Glühwein gehört für mich ein gescheiter Rotwein, der gesundheitlich unbedenklich ist und der mit natürlichen Pflanzen, Pflanzenbestandteilen oder Auszügen (Extrakten) gewürzt ist. Wenn alle Zutaten natürlich sind, dann ist es für mich ein ordentlicher Glühwein.

Bei den Gewürzen fängt es jedoch schon an: In der Getränkeproduktion sind unzählige Zusatzstoffe zugelassen - statt teurer Gewürze setzen Glühwein-Produzenten sehr oft eine Mixtur künstlicher Aromen ein. Das ist erlaubt. Die Frage ist, ob man als Verbraucher diese künstlichen Aromen wirklich in seinem Glühwein haben will.

Lifeline: Gibt es spezielle Weine, die für die Glühwein-Produktion genutzt werden - oder nehmen die Produzenten das, was "übriggeblieben ist"?

Für einen anständigen Glühwein braucht man keinen Spitzenwein. Auch Weingüter und Winzergenossenschaften in Deutschland oder dem EG-Raum werden sicher nicht ihre besten Gewächse für die Glühwein-Produktion hergeben. Ein sauberer, ordentlicher Basiswein, dessen Qualität geprüft ist, tut es allemal.

Lifeline: Welche Unterschiede bei der Qualität der Weine gibt es?

Leider geht es auch auf diesem Markt heute nur noch um den Preis. Laut Gesetz müssen die Weine für die Weiterverarbeitung lediglich "verkehrsfähig" sein. Und da fängt das Dilemma an: Auf dem internationalen Weinmarkt kaufen Produzenten Wein in riesigen Mengen ein, der gerade noch so dem Lebensmittelrecht entspricht. Für die Flaschenabfüllung will diese Weine keiner mehr haben. Sie sind aber sehr oft das Ausgangsmaterial für den Weihnachtsmarkt-Glühwein.

Lifeline: Welche Gefahren bestehen durch diese billigen Glühweine?

Sie können davon ausgehen, dass billig eingekauftes Material auch sehr billig produziert wird: An Pflanzenschutz in den Rebanlagen wird gespart, die Weintrauben können oft verpilzt und vergammelt sein. Zudem wird bei der Vergärung nicht in nötigem Maße auf Sorgfalt und Hygiene geachtet.

So können zum Beispiel Ochratoxine entstehen. Das sind Pilzgifte von Schimmelpilzen, die die Nieren schädigen können und als krebserregend gelten. Für Ochratoxin gibt es einen gesetzlichen Grenzwert, der auch kontrolliert wird. Bei uns im Labor ist dieses Ochratoxin eine Leitsubstanz: Wenn wir den Stoff in nennenswerten Größenordnungen in einer Probe nachweisen, finden wir in der Regel auch noch andere Stoffe, wie zum Beispiel unerwünschte höhere Alkoholverbindungen, sogenannte Fuselöle. Die machen dann den berühmten Glühwein-Schädel.

Lifeline: Wie wird kontrolliert?

Herbert Witowski
Oenologe Herbert Witowski

Bei uns in Deutschland, auch in Frankreich, Spanien, Italien und anderen EG-Ländern werden die Produzenten und ihre Rebanlagen streng kontrolliert – da haben wir kaum ein Problem mit den Ochratoxinen. In anderen Regionen, wo Billigwein in großen Mengen produziert wird, sieht das schon anders aus. Ein Erzeuger muss zwar dort auch seiner Sorgfaltspflicht nachkommen und seine Basisweine kontrollieren lassen – aber nur in Stichproben. Durch das Verschneiden, dass heißt durch das Mischen von Chargen, hat er zudem noch die Möglichkeit, unter die gesetzlichen Grenzwerte zu kommen.

Damit ist der Wein „verkehrsfähig“ und kostet den Hersteller unter 50 Cent pro Liter. Aufgepimpt mit zugelassenen künstlichen Aromen und jeder Menge Süße kostet der Liter im Supermarkt oder beim Discounter unter einem Euro. Solch ein Glühwein wird dann auch auf dem Weihnachtsmarkt ausgeschenkt – für vielleicht drei Euro pro Tasse.

Lifeline: Wie erkenne ich auf dem Weihnachtsmarkt einen guten Glühwein, welchen ich bedenkenlos genießen kann?

Ein höherer Preis ist nicht allein entscheidend. Suchen Sie vielmehr nach einem Stand eines Winzers oder einer Winzergenossenschaft, die ihren eigenen Wein ausschenken. Und fragen Sie gern auch nach, womit der Glühwein gewürzt ist. Natürlichen Gewürzen sollten Glühwein-Trinker den Vorzug geben.

Lifeline: Welchen Tipp haben Sie für den selbstgemachten Glühwein zu Hause?

Das ist eigentlich ganz einfach: Kaufen Sie eine ordentliche Flasche Rotwein. Das muss kein besonderer, auch kein teurer sein, die Rebsorte ist egal. Nehmen Sie Nelke, Zimt und andere Gewürze dazu, die Sie mögen. Sie können auch fertiges Glühweingewürz kaufen – wenn es natürlicher Herkunft ist. Dazu geben Sie 80 Gramm Zucker pro Liter, erwärmen das Ganze. Ich verspreche Ihnen, Sie bekommen einen Top-Glühwein.

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Letzte Aktualisierung: 16. Dezember 2014

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