Suizidrisiko steigt stark

Posttraumatische Belastungsstörung: So äußert sich PTBS

Die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist eine schwere und oft chronisch verlaufende Störung, die nach extrem belastenden Ereignissen auftreten kann. Betroffenen durchleben die traumatische Situation immer wieder in der Erinnerung oder durch Albträume. Die PTBS äußert sich durch viele weitere Symptome. Sie treiben Betroffene häufig in den Suizid.

Mann blickt traurig aus dem Fenster
Nach Situationen tiefer Verzweiflung kann es zur PTBS kommen.
iStock

Die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist eine schwere und oft chronisch verlaufende Störung, die nach extrem belastenden beziehungsweise traumatisierenden Ereignissen auftreten kann, wie schweren Unfällen, Naturkatastrophen, Folter, sexuellem Missbrauch, Kriegen oder lebensbedrohlichen Erkrankungen.

Bekannt ist beispielsweise eine Häufung der posttraumatischen Belastungsstörung nach dem Vietnam-Krieg, nach dem Terroranschlag am 11. September 2001 in New York oder nach dem Tsunami 2004 im Indischen Ozean oder aktuell bei den im Irak eingesetzten Soldaten. Die Betroffenen durchleben die Situation immer wieder mit extrem belastenden Wahrnehmungen, Gedanken, Vorstellungen, Albträumen und den entsprechenden Gefühlszuständen. Sie leiden an einem erhöhten Erregungsniveau, Schlafproblemen, Konzentrationsschwierigkeiten, Traurigkeit und erhöhter Reizbarkeit.

Oft treten diese Symptome nur vorübergehend auf. Abhängig von der persönlichen Vorgeschichte sowie der Art und dem Ausmaß der Traumatisierung bleiben die Symptome bei einigen Betroffenen jedoch länger als einem Monat bestehen und es entwickelt sich eine chronische PTBS.

Nach der aktuellen internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10), dem wichtigsten, weltweit anerkannten Diagnoseklassifikationssystem der Medizin, sind Traumata definiert als "kurz oder langanhaltende Ereignisse oder Geschehen von außergewöhnlicher Bedrohung mit katastrophalem Ausmaß, die nahezu bei jedem tiefgreifende Verzweiflung auslösen".

Symptome und Folgen der posttraumatischen Belastungsstörung

Charakteristisch für die Betroffenen einer posttraumatischen Belastungsstörung ist das ungewollte Sich-wieder-Erinnern in Form von Bildern, Geräuschen, lebhaften Eindrücken, das sowohl im wachen Bewusstseinszustand wie im Schlaf geschieht und bis zu einem subjektiv unerträglich erlebten Überflutungszustand führt.

Die Betroffenen einer PTBS empfinden dies als ausgesprochen belastend und fühlen sich wie betäubt, abgestumpft, reagieren aber auch häufig gereizt bis hin zu plötzlichen Wutausbrüchen. Betroffene Kinder können unter Umständen wieder einnässen oder einkoten, nachdem sie vor dem Trauma bereits trocken waren. Viele Menschen mit PTBS fühlen sich auch anhaltend bedroht ("Ich bin nirgends sicher"), oder geben sich selbst die Schuld dafür ("Ich bin schuld daran, dass das passiert ist").

Die Symptome, die laut Diagnoseschlüssel ICD-10 auf eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) hinweisen, sind:

  • sich aufdrängende, belastende Gedanken und Erinnerungen an das Trauma (Bilder, Albträume, Flashbacks)

  • Übererregungssymptome (Schlafstörungen, erhöhte Schreckhaftigkeit, vermehrte Reizbarkeit, Wutausbrüche, Konzentrationsstörungen)

  • Vermeidung der Umstände, die der Belastung ähneln oder mit ihr im Zusammenhang stehen (dieses Vermeiden bestand nicht vor dem belastenden Ereignis).

  • im Rahmen von Verdrängungs- oder Vermeidungsprozessen kann es zu einer Teilamnesie kommen, die Betroffenen erinnern sich nur teilweise an das Erlebte

  • emotionale Taubheit (allgemeiner Rückzug, Interessenverlust, innere Teilnahmslosigkeit)

  • im Kindesalter teilweise veränderte Symptomausprägungen (etwa wiederholtes Durchspielen des traumatischen Erlebens, Verhaltensauffälligkeiten, zum Teil aggressive Verhaltensmuster)

Die posttraumatische Belastungsstörung ist meist mit weiteren Erkrankungen verknüpft. Die häufigsten Begleiterkrankungen sind Angststörungen, Depressionen, Medikamenten-, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Somatisierungsstörungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch Selbstmordgedanken sind häufig. Das Suizidrisiko von Personen mit PTBS ist 15-mal höher als bei nichttraumatisierten Personen. Die Symptome der PTBS, wie Schlafstörungen, erhöhte Schreckhaftigkeit, vermehrte Reizbarkeit, Wutausbrüche und Konzentrationsstörungen, beeinflusst auch das soziale Leben der Betroffenen. Folgen einer PTBS können Familien- und Partnerschaftsprobleme, erhöhte Scheidungsraten sowie Arbeitsprobleme sein.

Hält die posttraumatische Belastungsstörung langfristig an, kann das zum Untergang von Nervenzellen und einer Abnahme des Gehirnvolumens kommen. Bei einer erfolgreichen Behandlung sind dies Prozesse jedoch zum Glück wieder reversibel.

Langfristige Folgen der posttraumatischen Belastungsstörung

Aber auch langfristige Folgen können bei PTBS auftreten. So scheinen Traumata ebenfalls die Aktivität einzelner Gene zu verändern, das heißt, sie führen zu sogenannten epigenetischen Veränderungen. Dabei kommt es zu einem Anbau von sogenannten Methylgruppen an bestimmte Stellen innerhalb der Erbsubstanz (DNA-Methylierung) und anderen Modifizierungen, die dauerhaft die Aktivität und Funktionsfähigkeit von Genen beeinflussen, was wiederum Einfluss auf die Funktionsweise neurobiologischer Systeme hat. Diese Veränderungen können vererbt werden, obwohl die DNA selbst, also die Reihenfolge der einzelnen Basenpaare, unverändert bleibt.

Neben der mehr oder weniger bewussten Weitergabe von emotionalen Erfahrungen und zusätzlichen Lernprozessen könnte dieser Vorgang eine Erklärung dafür bieten, warum auch Kinder von Trauma-Opfern ein erhöhtes Risiko für PTBS und andere psychische Erkrankungen aufweisen. Im Tiermodell konnten solche Schädigungen bis in die dritte Nachfolge-Generation nachgewiesen werden. Eine Forschungsgruppe des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie untersucht deshalb nun Einwohner von New York, die im Zusammenhang mit den Terroranschlägen auf das World Trade Center eine PTBS entwickelt haben.

Schweres Trauma löst PTBS aus

Nach einem schweren Trauma wie Folter, sexuellem Missbrauch, Kriegen oder Entführungen entsteht bei fast allen Beteiligten eine posttraumatische Belastungsstörung. Auch nach Unfällen, ernsten Erkrankungen oder Naturkatastrophen kann manchmal eine PTBS auftreten.

Die Häufigkeit der posttraumatischen Belastungsstörung ist nach schlimmen Erlebnissen nur schwierig abzuschätzen, da in anderen Ländern unterschiedliche Diagnosekriterien für die PTBS herangezogen werden. So gelten in den USA vorwiegend die Kriterien nach DSM-IV, die etwas weicher als die ICD-10-Kriterien sind. Dort leiden vermutlich bis zu zehn Prozent der Bevölkerung mindestens einmal im Leben an einer PTBS. In den USA leben zudem mehr Menschen, die aktiv an Kampfeinsätzen beteiligt waren. In Deutschland sind dagegen schätzungsweise rund zwei Prozent der Bevölkerung von einer PTBS betroffen.

Allerdings liegen die Zahlen bei Bevölkerungsgruppen, die noch den Zweiten Weltkrieg miterlebten, insbesondere für Überlebende des Holocausts, wesentlich höher. Studien zufolge entwickelten nahezu alle Gefangenen, die ein oder mehrere Konzentrationslager überlebten, eine PTBS. Nach direkt erlebten Kriegsereignissen mit persönlicher Gefährdung entwickelt hingegen etwa jeder Zweite (50 bis 65 Prozent) eine PTBS. Besonders hoch ist das Risiko zudem nach einer Vergewaltigung oder sexuellem Missbrauch (50 bis 55 Prozent).

Da Folter nicht selten mit sexuellem Missbrauch einhergeht, erklärt dies auch das ähnlich hohe Risiko für eine PTBS bei Folteropfern. Nach schweren Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Krebs leiden etwa 15 Prozent an einer PTBS, drei bis elf Prozent nach Verkehrsunfällen und rund fünf Prozent nach Natur-, Brand-, Feuerkatastrophen. Frauen scheinen dabei ein größeres Risiko für eine PTBS zu haben als Männer. Die Ursache hierfür ist noch unklar, möglicherweise verarbeiten sie Traumata anders, vielleicht sind sie auch generell verletzbarer als Männer beziehungsweise reagieren empfindlicher auf Katastrophen. Sie sind aber auch häufiger Opfer sexuellen Missbrauchs bzw. von Vergewaltigungen. Kinder, Jugendliche und ältere Personen scheinen ebenfalls besonders empfindlich auf solche schwer belastendenden Ereignisse zu reagieren.

Kommen mehrere Faktoren zusammen, steigt das Risiko, dass ein Mensch an einer PTBS erkrankt. Das Risiko hängt nach heutigem Kenntnisstand sowohl von der Schwere des Traumas wie auch von der jeweiligen Persönlichkeitsstruktur ab. Wie der Einzelne gelernt hat, mit Problemen und Bedrohungen umzugehen, spielt ebenso eine Rolle.

Als hohe Risikofaktoren für die Entwicklung einer PTBS gelten:

  • Schwere des Traumas
  • (Vor-)Traumatisierung in der Kindheit
  • jüngeres Alter zum Zeitpunkt der Traumatisierung
  • weibliches Geschlecht
  • Persönlichkeitsmerkmale wie Neurotizismus und Extraversion

Ausschlaggebend ist zudem, wie die Betroffenen nach dem Trauma mit der Situation umgehen. So kommt es in der Regel bei einem traumatischen Ereignis zu einer Verknüpfung von traumatischen Erlebnissen mit bestimmten Umgebungsmerkmalen und Sinneswahrnehmungen. Werden anschließend der entsprechende Ort oder ähnliche Reize und Situationen gemieden, kann dies zwar kurzfristig angstreduzierend wirken, ist aber auf Dauer keine Lösung.

Neuere Modelle zur Erklärung der Entstehung der PTBS beschreiben fortbestehende Angstsymptome sowie starke Emotionen wie Ärger, Scham oder Trauer, die im Mittelpunkt des Krankheitsgeschehens stehen. Die Art und Weise, wie die Betroffenen das traumatische Erlebnis verarbeiten, kann dabei zu einem Teufelskreis führen, aus dem sie aus ohne Hilfe oft nicht herausfinden. Viele geben sich, obwohl sie zum Beispiel Opfer einer Gewalttat wurden, selbst die Schuld an der erlebten Situation, fühlen sich missverstanden und verlieren ihr Vertrauen in sich selbst und andere.

Auch die Vorgänge auf körperlicher Ebene sind mittlerweile gut untersucht. Nach einem belastenden Ereignis produziert der Körper Stresshormone wie Adrenalin. Dadurch werden verschiedene Gehirnbereiche aktiviert, wie Amygdala (Mandelkern), Hippokampus und Hypothalamus. Diese Zentren veranlassen beispielsweise, dass der Körper zur Stressbewältigung auch körpereigene Opiate (Endorphine) ausschüttet. Außerdem wird im Hypothalamus das zentrale Stressgen CRH (Cortisol Releasing Hormone) aktiviert und in der Folge Cortisol freigesetzt, das kognitive Prozesse bis hin zum Blackout beeinträchtigen kann und so möglicherweise eine Schutzfunktion darstellt. Zusätzlich werden Botenstoffe wie Glutamat ausgeschüttet und weitere Notfallgene und Alarmzentren im Körper aktiviert. Der ganze Körper gerät in den Alarmzustand. Schließlich werden die Erlebnisse in Nervenzell-Netzwerken gespeichert (eingebrannt).

Diese Abbilder werden bewertet und mit früheren Erfahrungen verglichen. Kommt es als Traumafolge zum erneuten Durchleben der Situation, kommt es wiederum zur Aktivierung der Alarmzentren. Die Empfindlichkeit der Nervenzellen im Mandelkerngebiet (Amygdala) wird dauerhaft erhöht. Wird das zentrale Stressgen CRH auf Dauer aktiviert, brechen die normalen Regelkreise der Stressachse zusammen. Es kommt zu einer Fehlregulation verschiedener neurobiologischer Systeme.

Diagnosekritieren der posttraumatischen Belastungsstörung

Die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung wird nach den Kriterien der ICD-10 dann gestellt, wenn die Betroffenen nach dem traumatischen Ereignis bestimmte Symptome (siehe Symptome) aufweisen.

Nach einem weiteren, ebenfalls weltweit anerkannten Diagnosesystem, dem Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen der amerikanischen psychiatrischen Vereinigung (DSM-IV), kann eine PTSD diagnostiziert werden, wenn vier der folgenden sechs Kriterien erfüllt sind:

1. Ereigniskriterium: Die Person hat ein traumatisches Ereignis erlebt, das zwei Bedingungen genügt:

  • Die Person hat ein oder mehrere Ereignisse erlebt oder beobachtet, in der eine potenzielle oder reale Todesbedrohung, ernsthafte Verletzung oder eine Bedrohung der körperlichen Versehrtheit bei ihr selbst oder anderen geschah.

  • Die Person reagiert mit intensiver Furcht, Hilflosigkeit oder Schrecken.

2. Symptomgruppe: Erinnerungsdruck (ein Symptom für Diagnose notwendig):

  • wiederkehrende und belastende Erinnerungen oder Erinnerungsbruchstücke, "Flash-backs", d.h. das Wiedererleben der Situationen oder Albträume

  • physiologische Reaktionen bei Erinnerung oder in ähnlichen Situationen wie dem Trauma, z.B. Schwitzen, Zittern, Atembeschwerden, Herzklopfen oder -rasen, Übelkeit oder Magen-Darm-Beschwerden

3. Symptomgruppe: Vermeidung/emotionale Taubheit (drei Symptome für Diagnose notwendig):

  • Gedanken- und Gefühlsvermeidung

  • Aktivitäts- oder Situationsvermeidung

  • Erinnerungslücken

  • vermindertes Interesse an wichtigen Aktivitäten des täglichen Lebens, berufliche Karriere oder Hobbys

  • Gefühl der Losgelöstheit oder Fremdheit von anderen Personen, die nicht das gleiche traumatische Ereignis erlebt haben. Die Kluft zwischen sich selbst und anderen ist auf einmal unüberwindlich

  • eingeschränkte Zukunft, das heißt, die Betroffenen haben das Gefühl, ihr Leben sei ruiniert und machen keine Pläne mehr für die Zukunft

4. Symptomgruppe: Chronische Übererregung (zwei Symptome für Diagnose notwendig):

  • Ein- und Durchschlafschwierigkeiten
  • erhöhte Reizbarkeit
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • die Betroffenen haben ständig das Gefühl nichts und niemandem mehr trauen zu können
  • übermäßige Schreckreaktion

5. Dauer der Beeinträchtigungen: Symptome der Kriterien 2,3 und 4 bestehen länger als einen Monat.

6. Die Störung verursacht klinisch bedeutsame Belastungen oder Beeinträchtigungen im sozialen und Berufsbereich sowie anderen wichtigen Funktionsbereichen.

Nach DSM IV liegt eine akute PTBS vor, wenn die Symptome seit weniger als drei Monaten bestehen beziehungsweise eine chronische PTBS, wenn die Symptome seit mehr als drei Monaten bestehen. Die Symptomatik kann dabei unmittelbar oder auch erst mit zum Teil mehrjähriger Verzögerung nach dem traumatischen Geschehen auftreten. Letzteres ist jedoch eher selten. Allerdings können sich einzelne Symptome, die lange Zeit nur gering ausgeprägt waren, bei Änderung der Lebensumstände stärker bemerkbar machen, beispielsweise nach Beendigung des Arbeitslebens oder bei Verlust des Ehepartners.

  • zum Test

    Sie haben den Verdacht, an einer Depression zu leiden? Oder Sie machen sich Sorgen um einen Angehörigen? Der Selbsttest bringt mehr Klarheit.

Zur Diagnosestellung werden in der Regel standardisierte Fragebögen eingesetzt. Für Säuglinge ab einem Lebensalter von einem Jahr und für Kleinkinder steht eine spezielle Untersuchungsmethode zur Verfügung, bei der der Arzt mittels eines speziellen Fragebogens die Eltern befragt und das Kind beobachtet.

Bei der Diagnosestellung ist die posttraumatische Belastungsstörung von der akuten Belastungsreaktion abzugrenzen. Diese wird diagnostiziert, wenn innerhalb des ersten Monats nach einem Trauma ein klinisch relevanter psychischer Leidenszustand auftritt, der durch eine schockähnliche Symptomatik, bei der auch die bewusste Wahrnehmung beeinträchtigt sein kann, charakterisiert ist. Weitere Störungen, die sich hinter der Symptomatik verbergen können, sind Persönlichkeitsstörungen wie das Borderline-Syndrom oder affektive Störungen wie Angststörungen oder Depressionen.

Verschiedene Therapien der PTBS

Im Akutfall sind einfache Unterstützungsangebote sinnvoll. Maßnahmen der "Psychischen Ersten Hilfe" (unmittelbar am Katastrophenort) sind Schutz, Ruhe und das Gefühl der Sicherheit. Sie helfen bei einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Psychologische Frühinterventionen in den ersten Tagen und Wochen nach dem Ereignis sind ebenfalls erfolgversprechend bei posttraumatischen Belastungsstörung. Lange Zeit wurde auch das sogenannte Debriefing empfohlen, das heißt, Kurzbehandlungen in Form von eher unspezifischen Gesprächen im Schnellverfahren mit den Traumaopfern von Großschadensfällen, die häufig nicht von ausgebildeten Psychotherapeuten, sondern von Laien durchgeführt wurden. Von den meisten Betroffenen wurde dies zwar durchaus als hilfreich wahrgenommen, die Behandlungsergebnisse scheinen jedoch nur kurzfristig positiv zu sein. Langfristig wird mittlerweile sogar eher von einer Beeinträchtigung der Selbstheilung ausgegangen, da neueren Studien zufolge, die mit Debriefing behandelten Gruppen sogar eine höhere Rate von chronischen PTBS aufweisen als die unbehandelten.

Traumatische Erinnerungen verarbeiten

Nach einem Trauma sollte daher möglichst rasch eine Traumabearbeitung durch entsprechend qualifizierte Psychotherapeuten (ärztliche und psychologische Psychotherapeuten, approbierte Kinder- und Jugendtherapeuten) erfolgen. Je nach Schwere des Traumas kann die Aufarbeitung dabei ambulant oder stationär (in Klinik oder Tagesklinik) erfolgen. Eine ergänzende Therapie kann das "Eye Movement Desensitization and Reprocessing"- Verfahren (EMDR) bieten. Dabei sollen traumatische Erinnerungen mit Unterstützung bestimmter Augenbewegungen leichter verarbeitet werden.

Der Therapeut bewegt bei dieser Methode vor den Augen des Patienten seine Finger hin und her, während der Patient den Bewegungen mit den Augen folgen soll. Dies soll zu einer Synchronisation der Hirnhälften führen, die bei der posttraumatischen Belastungsstörung aus dem Gleichgewicht sind. Einige Patienten können sich bereits nach ein bis zwei Sitzungen deutlich besser entspannen. Auf wissenschaftlicher Ebene ist der Erfolg der EMDR jedoch umstritten. Großangelegte Studien fehlen bislang.

Verhaltenstherapie

Nachweisbar gute Ergebnisse erzielt die kognitive Verhaltenstherapie. Dabei erfolgt zur Aufarbeitung des Traumas eine dosierte Rekonfrontation mit dem auslösenden Ereignis. Ziel ist die Durcharbeitung und Integration unter geschützten therapeutischen Bedingungen. Voraussetzung dafür ist eine ausreichende Stabilität des Betroffenen und ein gutes vertrauensvolles Verhältnis zwischen Therapeut und Patient. Eine weitere Behandlungsmöglichkeit ist die psychodynamische Therapie mittels Psychoanalyse oder tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie.

  • Zum Ratgeber Depressionen

    Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Hoffnungslosigkeit: eine Depression ist eine ernstzunehmende Erkrankung. Lesen Sie alles über Symptome, Behandlungen und Tipps für Angehörige

In der Beziehung mit dem Therapeuten können Konflikte zugelassen, erlebt und bearbeitet werden. Auf diese Weise kommt es zu neuartigen Beziehungserfahrungen, dadurch verändert sich die innere Welt. Das Trauma verliert zumindest partiell seine Macht. Auch mit Körpertherapie oder Kunsttherapie wurden bei gezielter Anwendung gute Ergebnisse erzielt, wie die Erfahrungen aus Traumazentren belegen. Ähnliches gilt für Gesprächstherapie, Hypnose oder psychodynamische Gruppentherapien. Auch Ultra-Kurzzeittherapien wurden entwickelt, deren Wirksamkeit allerdings kontrovers diskutiert wird.

Medikamente

Aufgrund der Komplexität der posttraumatischen Belastungsstörung empfiehlt sich in den meisten Fällen eine Kombination verschiedener Therapien wie körperzentrierte Verfahren, Verhaltenstherapie, psychodynamische Verfahren, Kunsttherapie in Einzel und/oder Gruppensituationen. Auch eine ergänzende medikamentöse Therapie mit Psychopharmaka, zum Beispiel Antidepressiva, die das Gleichgewicht der Neurotransmitter im Gehirn wieder stabilisieren, kann eine wirksame Therapieoption sein. Welche Therapie jeweils die am besten geeignete ist, richtet sich nach dem jeweiligen Betroffenen und dem erlebten Trauma.

Psychologische Hilfe direkt nach Trauma beugt PTBS vor

Im Idealfall sollten Traumata generell vermieden werden. Viele Sportvereine, Volkshochschulen und andere Organisationen bieten Kurse zur Gewaltprävention, Antiaggressionstraining oder Selbstverteidigung an, in denen man lernen kann, auf Aggressionen entsprechend zu reagieren, ohne dass es zu einer Gewalteskalation kommt, beziehungsweise sich selbst besser zu behaupten und sich im Ernstfall zu verteidigen, damit es gar nicht erst zu einer posttraumatischen Belastungsstörung kommt.

Kommt es dennoch zu einem Trauma, sollten Sie, um eine PTBS zu vermeiden oder zumindest die Folgen zu minimieren, möglichst umgehend einen entsprechend qualifizierten Psychotherapeuten (ärztliche und psychologische Psychotherapeuten, approbierte Kinder- und Jugendtherapeuten) aufsuchen.

Je schneller Sie das Trauma verarbeiten können, desto besser ist Ihre Prognose. Auch das Gespräch mit Freunden und Bekannten kann dazu beitragen. Hilfreich können auch Sport oder andere Entspannungstechniken sein, wie beispielsweise autogenes Training oder Yoga, die jedoch nur schwierig in einer angespannten Verfassung zu erlernen sind.

Autor:
Letzte Aktualisierung: 07. Februar 2017
Quellen: Boerner R J: Diagnose und Therapie der posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD). Welche Konzepte sind wirklich evidenzbasiert? DNP 2006;6: 27-32 Maercker A, Forstmeier S, Wagner B, Glaesmer H, Brähle E: Posttraumatische Belastungsstörungen in Deutschland. Ergebnisse einer gesamtdeutschen epidemiologischen Untersuchung. Nervenarzt 2008; 79: 577–586 Maercker A: Therapie der Posttraumatischen Belastungsstörungen. Berlin, Heidelberg, New York: Springer-Verlag, 2003 Klussmann R, Nickel M: Psychosomatische Medizin: Ein Kompendium für alle medizinischen Teilbereiche Berlin, Heidelberg, New York: Springer-Verlag, 2009 Eitinger L: Concentration camp imprisonment and psychological traumatization, Psyche (Stuttg) 1990;44(2):118-32 Eitinger L: Late psychological problems after concentration camp incarceration, Nord Med. 1991;106(4):132-3, 136

Newsletter-Leser wissen mehr

Der kostenlose Gesundheits-Newsletter

Hier bestellen...
Fragen Sie unsere Experten!

Kostenlos. 24 Stunden täglich. Unsere Gesundheitsexperten beantworten Ihre Fragen.

mehr lesen...

Zum Seitenanfang