Willenskraft allein hilft oft nicht

Nikotinsucht: Definition und Folgen der Tabakabhängigkeit

Nikotinabhängigkeit ist eine ernste und chronische Suchterkrankung. Rauchen gilt als das größte vermeidbare Gesundheitsrisiko unserer Zeit. Bis zu 60 Prozent der Raucher entwickeln bei regelmäßigem Tabakkonsum eine Nikotinsucht.

Frau drückt Zigarette aus
Nikotinsucht ist eine Abhängigkeit: Der Entzug verursacht physische und psychische Symptome.
Getty Images/Brand X

Nikotinabhängigkeit ist eine chronische Erkrankung, die durch reine Willensanstrengungen allein nur schwer überwunden werden kann. Eine Nikotinabhängigkeit liegt nach den Kriterien des ICD-10-Systems dann vor, wenn mehr als drei der sechs folgenden Kriterien erfüllt sind: zwanghafter Zigarettenkonsum, eingeschränkte Kontrolle über das Rauchverhalten, Toleranzentwicklung, Vernachlässigung anderer Interessen zugunsten des Substanzkonsums, anhaltender Konsum trotz des Nachweises physischer oder psychischer Folgeschäden und Auftreten körperlicher Entzugssymptome – beispielsweise Konzentrationsstörungen, Reizbarkeit, Aggressivität, die durch den fortgesetzten Konsum unterdrückt werden können.

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Nach Angaben des Deutschen Krebsforschungszentrums entwickeln bis zu 60 Prozent der Raucher bei regelmäßigem Tabakkonsum eine Nikotinabhängigkeit. Ein Maß für die Stärke der Nikotinabhängigkeit bietet der Fagerström-Test für Nikotinabhängigkeit.

Symptome und Folgen der Nikotinsucht

Nikotinabhängigkeit ist charakterisiert durch Symptome wie

  • zunehmender Konsum
  • Rauchen am frühen Morgen
  • Entzugserscheinungen bei längeren Rauchpausen wie Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen, Reizbarkeit, Aggressivität, Unruhe, Angst und Depressivität, vermehrtem Appetit und Gewichtszunahme

Nikotinsucht ist einer der wichtigsten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und viele weitere Erkrankungen. Allein in Deutschland sterben jährlich vermutlich rund 140.000 Personen an den Folgen des Rauchens. Zusätzlich sterben rund 3.300 Personen aufgrund passiver Tabakrauchexposition (Passivrauchen). Raucher sterben im Durchschnitt zehn Jahre früher als Nichtraucher.

Tabak enthält rund 4.000 unterschiedliche Stoffe, von denen mindestens 40 krebserregend sind. Darunter befinden sich neben dem Nikotin verschiedene akut und chronisch wirkende Gifte, zum Beispiel Phenole, Benzol, Schwermetalle und Nitrosamine. Darüber hinaus zählen Kohlenmonoxid und Teer zu den gesundheitlich bedenklichen Stoffen im Tabak.

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Der Zigarettenrauch wird tief in die Atemwege eingesogen und gelangt über die Lunge in den Körper. Er kann fast jedes Organ im menschlichen Körper schädigen und ist Risikofaktor für zahlreiche Krankheiten:

  • Rund zwei Drittel der Krebserkrankungen der Atemwege – Luftröhren-, Bronchial- und Lungenkrebs, Rachenkrebs – werden durch Tabakkonsum verursacht. Das Rauchen ist zudem eine Ursache für Krebserkrankungen von Speiseröhre, Magen, Leber, Bauchspeicheldrüse, Niere, Harnleiter, Blase, Darm, Gebärmutterhals, Brust sowie des Blutsystems (Leukämie).

  • Atemsystem: Das Rauchen schädigt die Atemwege und kann zu akuten und chronischen Erkrankungen wie Reizhusten, Bronchitis, Tuberkulose, Asthma, Lungenentzündung und chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) beitragen.

  • Herz und Gefäße: Nikotinsucht ist einer der wichtigsten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Bei Rauchern ist das Risiko für einen Herzinfarkt um 65 Prozent erhöht. Periphere arterielle Verschlusskrankheiten (PAVK) und Durchblutungsstörungen an Extremitäten ("Raucherbein") und Organen, Gefäßverkalkungen (Arteriosklerose), hoher Blutdruck und Thrombosen werden durch das Rauchen gefördert.

  • Gehirn: Gefäßveränderungen sind auch Auslöser eines Schlaganfalls. Das Gehirn von Rauchern altert zudem wesentlich schneller. Das wirkt sich auf Gedächtnisleistung und Konzentrationsfähigkeit aus. Nikotinkonsum führt auch zu einem Rückgang des Gehirnvolumens (Hirnatrophie). Möglicherweise besteht ein Zusammenhang zwischen Nikotinabhängigkeit und der Entwicklung von Multipler Sklerose, Demenz sowie anderer psychischer und neurologischer Erkrankungen, etwa ADHS und Suchterkrankungen.

  • Knochen und Gelenke: Durch das Rauchen wird bei Frauen der Abbau des Hormons Östrogen beschleunigt. Das kann zu frühzeitiger Osteoporose und vermehrten Knochenbrüchen im Alter führen.

  • Immunsystem: Die Substanzen im Tabakrauch schwächen die allgemeine Abwehrleistung des Körpers und fördert die Bildung freier Radikale, die Zellen schädigen. Die Schleimhäute der Bronchien eines Rauchers bieten Krankheitserregern kaum Widerstand, weil die dafür wichtigen Flimmerhärchen beschädigt sind. Die Folge sind eine erhöhte Infekt- und Krankheitsanfälligkeit sowie eine schlechtere Regenerationsfähigkeit des Organismus.

  • Zähne: Durch das Rauchen wird die Mundflora geschädigt, es kommt nicht nur zur Verfärbung der Zähne: Raucher haben ein erhebliches Risiko, an Parodontitis zu erkranken. Der Rückgang und die Entzündung des Zahlfleisches sind bei Rauchern überdies schwerer zu therapieren.

  • Augen: Raucher haben ein erhöhtes Risiko für eine altersbezogene Makuladegeneration (AMD), grauen Star und schwere Sehbehinderungen.

  • Stoffwechsel, Magen und Darm: Raucher haben ein doppelt so hohes Risiko, an Diabetes Typ II zu erkranken. Nikotinkonsum erhöht zudem das Risiko für Magengeschwüre und chronisch-entzündliche Darmerkrankungen.

  • Fortpflanzung: Bei Frauen zerstört Zigarettenqualm die Eizelle, bei Männern macht sich die gefäßschädigende Wirkung des Tabakrauchs durch Impotenz bemerkbar.

  • In der Schwangerschaft wird das Risiko für Fehlbildungen und Fehlgeburten erhöht. Kinder, die in einem Raucherhaushalt aufwachsen, leiden auch im späteren Leben an den Folgen des Rauchens. Bei ihnen ist zum Beispiel das Immunsystem beeinträchtigt und sie haben ebenfalls ein höheres Risiko für psychische und neurologische Erkrankungen.

  • Haut: Rauchen lässt die Haut schneller altern und begünstigt die Entstehung chronisch-entzündlicher Hautkrankheiten wie Schuppenflechte (Psoriasis).

  • Operationen: Raucher haben ein höheres Risiko für postoperative Komplikationen wie Wundheilungsstörungen und Infektionen. Außerdem brauchen sie häufig mehr Schmerzmittel und Narkosemittel.

So wird aus vermeintlichem Genuss eine Abhängigkeit

Nikotinabhängigkeit beginnt häufig bereits mit dem ersten Rauchen und manifestiert sich bei regelmäßigem Tabakkonsum.

In der Anfangsphase stehen zunächst Experimentierfreudigkeit und Erwartungseffekte im Vordergrund. Die Nikotinabhängigkeit wird durch funktionelle Bindungen an Stressoren, Stimuli oder Verstärker – wie die Zigarette nach dem Essen oder in der Pause – generalisiert und aufrechterhalten. Der Tabakkonsum wird bei vielen Rauchern zur Bewältigungsstrategie sowohl für positive als auch negative Stressoren und Spannungsbedingungen.

Neben diesem erlernten Verhalten spielen auch die positiven Effekte von Nikotin eine Rolle. Nikotin wird von vielen Rauchern als stimulierend, konzentrationsfördernd, beruhigend, appetitmindernd, angstlösend oder antidepressiv wahrgenommen. Neben der psychischen Abhängigkeit kann Nikotin allerdings auch körperlich abhängig machen. Nach längeren Rauchpausen treten Entzugssymptome auf, wie Rauchverlangen, Schlaflosigkeit, Gereiztheit, Appetitsteigerung, Konzentrationsstörungen und depressive Stimmungszustände. Im Gehirn kommt es zu Veränderungen im dopaminergen System (Belohnungszentrum des Gehirns, Nucleus accumbens) und auch der Rezeptoren, an die Nikotin innerhalb von wenigen Sekunden bindet.

Diese (nikotinergen Acetylcholin-Rezeptoren) passen sich an den vorhandenen Nikotinspiegel an, ihre Anzahl nimmt zu. Auch der Noradrenalinspiegel steigt und führt zu erhöhter Aufmerksamkeit. Bleibt die Nikotinzufuhr aus, kommt es zu Entzugssymptomen, die zunächst nur unbewusst wahrgenommen werden.

Definition und Diagnose der Nikotinsucht

Eine Nikotinabhängigkeit liegt vor, wenn mehr als drei der sechs Kriterien des ICD-10-Systems erfüllt sind:

  • zwanghafter Zigarettenkonsum
  • eingeschränkte Kontrolle über das Rauchverhalten
  • Toleranzentwicklung
  • Vernachlässigung anderer Interessen zugunsten des Substanzkonsums
  • Auftreten körperlicher Entzugssymptome wie Konzentrationsstörungen, Reizbarkeit, Aggressivität, die durch den fortgesetzten Konsum unterdrückt werden können
  • anhaltender Konsum trotz des Nachweises physischer oder psychischer Folgeschäden

Im Gegensatz dazu konsumieren nicht abhängige Gelegenheitsraucher nur wenige Zigaretten pro Tag und können problemlos aufhören zu rauchen. Ein Maß für die Stärke der Nikotinabhängigkeit bietet der Fagerström-Test für Nikotinabhängigkeit.

Wege aus der Nikotinabhängigkeit

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Nach groß angelegten Studien sind zur Therapie der Nikotinabhängigkeit Strategien am wirksamsten, die, neben einer ausreichenden Motivation, begleitend psychotherapeutisch orientierte Behandlungsverfahren sowie gegebenenfalls medikamentöse Unterstützung anbieten. Bis zu 50 Prozent der Teilnehmer an solchen Therapieangeboten bleiben innerhalb eines Jahres rauchfrei.

Entwöhnungstherapien bei Nikotinsucht werden oft über sechs bis zehn Wochen in kleinen Gruppen oder individuell angeboten. Tabakentwöhnung (nicht die Medikation) kann als Präventionsmaßnahme durch Krankenkassen nach dem "Präventionsparagraph" 20 SGB V erstattet werden, wenn sowohl der Behandler als auch die Maßnahme zertifiziert sind. Die Teilnehmer treffen sich meist einmal in der Woche und lernen ihr eigenes Verhalten zu beobachten und Situationen, in denen ein möglicher Rückfall droht, zu erkennen. Erfolgversprechend ist es dabei beispielsweise auch, einen Vertrag mit dem Therapeuten zu schließen und sich bei Einhaltung zu belohnen.

Die auftretende Entzugssymptomatik kann mit Nikotinersatzpräparaten beziehungsweise medikamentös unterdrückt werden. Vorrangig werden Nikotinkaugummi, Nikotinpflaster, Nikotinnasalspray, Nikotininhaler, Nikotinlutsch- oder Sublingualtabletten verwendet, sowie Bupropion und Varenciclid. Die beiden letztgenannten Substanzen sind zwar nach Studien etwas effektiver als Nikotinersatztherapeutika, weisen aber auch mehr Nebenwirkungen auf – beispielsweise Schlafstörungen, Schwindel und Übelkeit; eventuell auch depressive Verstimmungen.

Entspannungstraining oder sportliche Aktivitäten sowie Akupunktur, Akupressur oder Hypnose können ebenfalls bei Nikotinsucht hilfreich sein. Die Wirksamkeit ist jedoch nicht sicher belegt.

Der Nikotinabhängigkeit vorbeugen

Die häufigsten Gründe für einen Rückfall bei Nikotinabhängigkeit sind Gewichtszunahme und Entzugssymptome.

Vielen Betroffenen der Nikotinsucht hilft eine vermehrte sportliche Betätigung und eine genaue Beobachtung des eigenen Verhaltens. Wichtige Voraussetzung für den Erfolg ist auch der richtige Zeitpunkt des Rauchstopps, der in einer möglichst stressfreien Zeit unternommen werden sollte. Alle Rauchutensilien sollten beseitigt und typische Rauchsituationen vermieden werden. Freunde und Arbeitskollegen sollten in das Vorhaben eingeweiht werden.

Auch finanzielle Anreize können die Motivation erhöhen, wie das Sparschwein, in das Betroffene jeden Tag das gesparte Zigarettengeld stecken. Mittlerweile ist im Buchhandel oder online zudem eine Vielzahl von Selbsthilfeangeboten wie interaktive Internetprogramme, Selbsthilfebücher und -broschüren, Audio-CDs und Video-DVDs, erhältlich.

Zehn gute Gründe, mit dem Rauchen aufzuhören

Autor:
Letzte Aktualisierung: 09. Februar 2017
Quellen: Deutsches Krebsforschungszentrum (Hrsg.): Tabakatlas Deutschland 2015; www.tabakkontrolle.de Batra A: Therapie der Tabakabhängigkeit: Leitlinien zur Behandlung. Beratung, Motivation und Unterstützung von Rauchern. DNP 2004;4: 36-39 Kunstmann W: Ärztliche Beratung und Behandlung von Rauchern. Bundesgesundheitsbl 2010; 53:196–200 Batra A, Friederich HM, Lutz U: Therapie der Nikotinabhängigkeit. Eine Aufgabe für Psychiatrie und Suchtmedizin. Nervenarzt 2009; 80:1022–1029

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