Psychische Erkrankungen

Neurose – Wenn die Psyche verrückt spielt

Eine Neurose ist eine seelische oder psychosozial bedingte Störung, für die sich keine körperliche Ursache finden lässt. Es gibt verschiedene Formen, beispielsweise die Phobie oder Zwangsstörung. Betroffen sind nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder. Die Ursachen sind sehr unterschiedlich und reichen von erlerntem Verhalten über Umwelteinflüsse bis hin zur erblichen Veranlagung. Die klassische Therapie ist die Psychoanalyse.

Frau betrübt
Frauen sind häufiger von Neurosen, zum Beispiel Angst- oder Zwangsneurosen, betroffen als Männer.
(c) George Doyle

Eine Neurose ist eine seelische oder psychosozial bedingte Störung, bei der sich keine körperliche Ursache finden lässt. Nur noch der Volksmund spricht heute von einer Neurose. Ärzte verwenden diesen Begriff kaum mehr, sondern ordnen die Erkrankung jetzt spezifischer ein, zum Beispiel als Angststörung, Zwangsstörung, Phobie oder depressive Störung.

Kaum ein Begriff in der Psychiatrie und Neurologie hat sich in den vergangenen Jahren so verändert wie jener der Neurosen. Der englische Arzt William Cullen prägte das Wort im Jahr 1776. Es leitet sich von der griechischen Bezeichnung für Nerv "neuro" ab. Cullen verstand unter einer Neurose alle Krankheiten des Nervensystems. Erst im 20. Jahrhundert setzte sich schließlich die Auffassung durch, dass es sich um seelisch bedingte Störungen handelt ohne körperliche (organische) Ursache. Wegbereiter für diese Erkenntnis waren auch die Veröffentlichungen des Psychoanalytikers Sigmund Freud.

Angst und Hysterie als Anzeichen

Walter Bräutigam, Gründer der psychosomatischen Klinik Heidelberg, definierte Neurosen in den 1980er Jahren als eine Gruppe von seelisch bedingten Krankheiten mit chronischem Verlauf, die sich in bestimmten Symptomen wie Angst, Zwangsgedanken, trauriger Verstimmung und hysterischen Anzeichen äußern. Oder auch in bestimmten Eigenschaften wie Hemmung, Selbstunsicherheit, emotionaler Labilität und innerer Konflikthaftigkeit.

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Neben dieser Definition gibt es eine Vielzahl weiterer Beschreibungen. Je nach Ausbildung und Spezialisierung des Therapeuten unterscheiden sie sich zum Teil erheblich. Aus heutiger Sicht lässt sich eine Neurose am besten als seelische oder psychosozial bedingte Erkrankung beschreiben, bei der keine körperliche Ursache nachweisbar ist.

Wie viele Menschen sind betroffen?

Wie viele Menschen tatsächlich unter einer Neurose leiden, lässt sich durch die unterschiedlichen Definitionen nur schwer abschätzen. Auch eine scharfe Abgrenzung von anderen Krankheitsbildern ist nicht immer möglich.

Große Beobachtungsstudien aus den 80er-Jahren ergaben, dass in Deutschland etwa 25 Prozent der Gesamtbevölkerung neurotische Symptome zeigen. Andere Untersuchungen gehen dagegen von etwa zehn bis 15 Prozent aus. Allerdings ist der Übergang zwischen "gesund" und "krank" fließend. Neurosen können sich auch spontan wieder bessern. Schon in der Kindheit kann sich die Erkrankung  entwickeln. Meist tritt der Neurotizismus aber zwischen dem 20. und 50. Lebensjahr in Erscheinung.

Neurosen und Depressionen treten oft gemeinsam auf

Am häufigsten scheinen bei Neurotikern depressive Neurosen zu sein, gefolgt von Angstneurosen und Phobien. Letztere sind sehr starke, nicht rational begründbare Ängste vor bestimmten Situationen oder Objekten. Bekannt sind vor allem die Phobien vor Spinnen oder engen Aufzügen, aber auch vor großen Menschenansammlungen. Frauen leiden häufiger unter diesen Formen der Neurose als Männer. Umgekehrt ist das "starke Geschlecht" öfter von einer Herzneurose betroffen, vor allem im dritten und vierten Lebensjahrzehnt. Sie leben in ständiger Angst, einen Herzinfarkt zu erleiden. Psychologen sprechen von einer Organneurose, weil sich die Ängste tatsächlich in Funktionsstörungen des Herzens niederschlagen können.

Bis zu drei Prozent der Bevölkerung haben eine Zwangsneurose, schätzen Ärzte. Hier lassen sich bei der Anzahl der Patienten keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen ausmachen. Betroffene spüren den inneren Zwang, bestimmte, meist unsinnige Handlungen, ständig zu wiederholen oder diese nach einem bestimmten, immer gleichen Schema auszuführen. Menschen mit einer Zwangsneurose müssen zum Beispiel aus einem inneren Drang heraus ihren Kleiderschrank nach einem festgelegten Prinzip oder Farben ordnen. Andere müssen sich permanent die Hände waschen.

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Von Stottern bis Ängstlichkeit: Neurosen äußern sich ganz unterschiedlich

Eine Neurose kann Menschen treffen, die mitten im Leben stehen, aber auch Personen, die aufgrund seelischer Probleme schon schwer beeinträchtigt sind. Die Symptome sind sehr unterschiedlich und richten sich nach der Form der Erkrankung.

Arten von Neurosen

Am häufigsten kommen folgende Formen vor:

  • Depressive Neurose
  • Angstneurose
  • Phobie
  • Zwangsneurose
  • Hysterische Neurose
  • Hypochondrische Neurose
  • Neurotische Persönlichkeitsstörungen (Charakterneurosen)

Je nach Art der Neurose stehen unterschiedliche Symptome im Vordergrund. Neurotiker können sich aber auch völlig unauffällig verhalten und nur in bestimmten Situationen Neurose-Symptome zeigen.

Anzeichen bei Erwachsenen

Folgende Anzeichen können bei Erwachsenen auf eine Neurose hindeuten:

  • Häufige Verstimmungen und Stimmungsschwankungen
  • Unsicherheit
  • Ängstlichkeit
  • Gehemmtheit, Hemmungen
  • Regression: Betroffene reagieren in problematischen Situationen nicht ihrem Alter entsprechend; sie zeigen Symptome der Hilfslosigkeit oder Angst.

Neurose-Symptome bei Kindern

Bei Kindern und Jugendlichen zeigen sich folgende Anzeichen:

  • Stottern
  • Einnässen, Einkoten
  • Essstörungen
  • Nägelkauen
  • häufiges Weglaufen
  • Aggressivität oder überdurchschnittliches Anlehnungsbedürfnis.

Bei Organneurosen, zum Beispiel der Herzneurose, lassen sich entsprechende körperliche Funktionsstörungen beobachten – in diesem Fall ist die Herzfunktion aufgrund der massiven Ängste beeinträchtigt. Die Organneurose kann aber auch die Funktion von Magen, Darm, Lunge oder Gelenken stören.

Konflikte, Defizite & Co. – Ursache von Neurosen

Als Auslöser haben Psychologen und Psychiater verschiedene Faktoren ausgemacht. Sie sehen den Konflikt zwischen den eigenen Wünschen und Trieben und der Realität als Ursache an (Konfliktmodell). Der Neurotizismus kann aber auch auf erlerntes Verhalten (Lernmodell), persönliche Defizite (Defizitmodell) sowie Umwelteinflüsse und Vererbung zurückzuführen sein.

Wahrscheinlich müssen mehrere Faktoren zusammenkommen, damit eine Neurose entsteht und ein Mensch zum Neurotiker wird. Das Erkrankungsrisiko hängt auch von der jeweiligen Persönlichkeitsstruktur ab, die wiederum ein Ergebnis von erblichen Anlagen, Umwelteinflüssen, Lernerfahrungen, emotionalen Erlebnissen und Konflikten ist. Zudem kann der individuelle Umgang mit Problemen und schwierigen Ereignissen das Risiko erhöhen.

Das Konfliktmodell als Ursache

Die Psychoanalyse führt Neurosen auf bisher nicht gelöste Konflikte zurück, die dem Betroffenen meist nicht bewusst sind. Dabei liegen der Neurose immer zwei Mechanismen zugrunde: ein konflikthaftes Geschehen in der Kindheit und ein aktueller Konflikt, der die Erkrankung auslöst.

Sigmund Freud entwickelte zur Entstehung der Neurose das Strukturmodell der Psyche, das aus dem "Ich", "Es" und dem "Über-Ich" besteht.

  • "Ich" steht für das bewusste Denken, das Selbstbewusstsein.
  • "Es" repräsentiert die eigenen Wünsche, Triebe und Bedürfnisse.
  • "Über-Ich" symbolisiert gesellschaftliche Norm- und Wertvorstellungen, die ein Mensch im Lauf seines Lebens mehr oder weniger gut integriert und damit zum Teil des eigenen Selbst macht.

Bei Neurotikern entwickelt sich dieser Theorie zufolge ein Konflikt zwischen den eigenen Wünschen und Trieben sowie der Realität oder den Forderungen des Über-Ichs. Dieses kann aufgrund besonderer Entwicklungsbedingungen zum Beispiel sehr streng angelegt sein.

Das Defizitmodell als Ursache

Das Defizitmodell geht davon aus, dass die Betroffenen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung eingeschränkt wurden oder es sind; deshalb weisen sie Defizite auf. Eine Traumatisierung in der Vergangenheit, erbliche Faktoren und die erlebten Bindungen und Erfahrungen haben dazu geführt, dass die Beziehung zu anderen gestört ist. Das "Ich", das für Selbstbewusstsein und bewusstes Denken steht, kann zu schwach sein, sodass die Betroffenen ihre Wünsche und Bedürfnisse ungehemmt ausleben. Auch das Gegenteil kann der Fall sein, weil sie sich zu sehr an Gesetzen und Moralvorstellungen orientieren. Als Kompensation können dann neurotische Symptome auftreten.

Schon leichte Stresssituationen rufen bei den Betroffenen große Angst und ein Gefühl der Überforderung hervor. Die Angst kann auch in impulsives, aggressives Verhalten umschlagen. Ist die "Ich-Schwäche" sehr deutlich ausgeprägt, kann sie sich als eine narzisstische Störung oder Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) äußern.

Was ist eine Borderline-Störung?

Eine Borderline-Störung (englisch borderline = Grenze, Grenzlinie) ist eine Persönlichkeitsstörung, die im Grenzbereich zwischen einer Psychose und Neurose liegt. Menschen mit einer Psychose verlieren zeitweise den Bezug zur Realität. Ihre Wahrnehmung und Verarbeitung der Umwelt funktioniert anders als bei gesunden Menschen. Typische Psychose-Symptome sind Wahnvorstellungen (etwa Verfolgungswahn) und Halluzinationen. Die Übergänge zwischen einer Neurose und Psychose sind oft fließend. Menschen mit einer Borderline-Störung sind äußerst instabil und schwankend hinsichtlich ihrer Gefühle und Gestaltung ihrer Beziehungen.

In einer akuten Krise entwickeln Menschen mit einer Borderline-Störung manchmal psychotische Symptome. Dieser psychotische Zustand hält in der Regel nur ein bis zwei Tage an. Umgekehrt können Menschen mit einer Psychose deutliche Borderline-Symptome zeigen. Ebenso wirken manche Menschen mit Neurosen in Krisensituationen wie Borderline-Patienten; selten erkranken sie zusätzlich an einer Psychose.

Das Lernmodell als Ursache einer Neurose

Neurosen lassen sich auch als erlerntes Verhalten interpretieren. Im Rahmen einer klassischen Konditionierung sind bestimmte Verhaltensmuster erlernbar, wenn sie durch Belohnung oder Bestrafung verstärkt werden. Die Grundlage für diese Überlegungen waren die Versuche des russischen Arztes Iwan Petrowitsch Pawlow. In einem Experiment verband er die Fütterung seiner Hunde mit einem Glockenton. Nach einigen Wiederholungen genügte schon der Glockenton, um die Speichelproduktion des Tieres anzuregen. Für den Hund waren von nun an der Glockenton und das Futter praktisch identisch. Bei Menschen kann es zu einer entsprechenden Konditionierung kommen.

Beispiel für eine Konditionierung

Ein kleiner Junge läuft auf ein Spinnennetz zu, sieht die Spinne in der Mitte und will sie berühren. Seine Mutter erkennt diese Situation, beginnt laut zu schreien und erschreckt so das Kind. Unter Umständen kann dieses Erlebnis des Jungen für eine lebenslange Konditionierung ausreichen. Als Erwachsener entwickelt er möglicherweise schon beim Reiz "Spinne" erhebliche Angst.

Umwelteinflüsse und Vererbung

Umwelteinflüsse und Vererbung spielen vermutlich ebenfalls eine Rolle für die Entstehung einer Neurose. So wissen Forscher aus Untersuchungen mit Zwillingen, dass bei eineiigen Zwillingen die gleichen neurotischen Symptome wesentlich häufiger zusammentreffen als bei zweieiigen Zwillingen. Bestimmte Charaktereigenschaften wie Temperament, Einfühlungsvermögen (Empathie), Triebhaftigkeit, Ängstlichkeit oder Antriebsschwäche sind vererbbar.

Wissenschaftler diskutieren zudem sogenannte epigenetische Veränderungen. Dabei sorgen Umwelteinflüsse dafür, dass sich an die Erbsubstanz DNA bestimmte chemische Schnipsel anheften. Das Erbgut selbst, also die Reihenfolge der einzelnen Bausteine in dem DNA-Strang, bleibt unverändert. Diese epigenetischen Veränderungen beeinflussen die Aktivität und Funktionsfähigkeit von Genen und damit auch die Arbeit von Organen, Geweben und dem Gehirn. Eltern können diese epigenetischen Veränderungen auf ihre Kinder vererben.

Weitere Risikofaktoren für eine Neurose sind die Erziehung und Umwelteinflüsse. Eine deutliche Häufung von Neurosen fanden Forscher beispielsweise bei Kindern von alleinerziehenden Müttern oder Vätern. Auch wenn Kinder in der Schwangerschaft unerwünscht waren oder Ablehnung innerhalb der Familie oder einer sozialen Gruppe erfuhren, könnte das Risiko für eine Neurose erhöht sein.

Formen der Neurose – Depressionen, Ängste oder Zwänge?

Neurosen zählen zu den häufigsten seelischen Erkrankungen. Fachleute wie Psychiater oder Psychotherapeuten vermeiden aber den Begriff "Neurose" bei der Diagnosestellung nach Möglichkeit. Vielmehr sprechen sie differenzierter von Angststörung, Phobie oder Zwangsstörung – je nachdem, welche Form bei ihrem Patienten vorliegt. Dennoch existiert das Krankheitsbild der Neurose nach wie vor. Auch der Volksmund spricht noch von den Begriffen Neurose und neurotisch. Zum besseren Verständnis sollen daher in den folgenden Abschnitten die verschiedenen Neurosebegriffe erläutert werden.

Depressive Neurose

Die depressive Neurose oder neurotische Depression beschreiben Experten als "leichte oder mittlere depressive Episode ohne somatisches Syndrom" oder als "Dysthymia".

Die Symptome einer depressiven Neurose sind:

  • häufig schwankende depressive Symptome (zum Beispiel Antriebslosigkeit, Niedergeschlagenheit)
  • Gefühl der Hilflosigkeit und der Hoffnungslosigkeit
  • oft Angstsymptome wie Herzklopfen, schneller Puls, Angstschweiß, Heißhunger, Durchfälle, Zittern und beschleunigte Atmung
  • Einige Betroffene besitzen eine depressive Persönlichkeitsstruktur, sind selbstunsicher und leiden zusätzlich an Suchterkrankungen (Nikotin, Alkohol, Tabletten).
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Angstneurose (Angststörung)

Angst ist eigentlich ein normales menschliches Gefühl, das vor Gefahren schützt und damit überlebenswichtig ist. Personen mit einer Angstneurose leiden aber an einer ängstlichen Stimmung, die über Monate andauern kann. Diese Angststörung ist mit einer Vielzahl von Symptomen verbunden, zum Beispiel:

  • motorische Anspannung
  • Hyperaktivität
  • Nervosität
  • Unruhe mit Einschlafstörung
  • Magen-Darm-Probleme

An vielen Tagen macht sich der Neurotiker stundenlang übertriebene, intensive Sorgen darüber, dass ihnen oder ihren Angehörigen etwas zustoßen könnte (Unfälle, berufliche und finanzielle Probleme, Krankheit, Kriege, Terrorakte und Ähnliches). Auffallend bei der Angstneurose sind eine gewisse Beziehungslosigkeit und die (manchmal auch nur scheinbare) Distanz zu anderen. Häufig tritt gleichzeitig eine depressive Störung auf. Auch Ersatzbefriedigungen wie Rauchen, Trinken oder Essen sind bei der Angststörung häufig anzutreffen.

Psychoanalytiker unterscheiden zudem die neurotische Angst. Sie ist zwar noch keine Neurose, kann sich aber zu einer weiterentwickeln, wenn sich der Betroffene seine Ängste nicht bewusst macht oder ihnen nicht aktiv entgegenwirkt, indem er den Angstauslöser beseitigt. Die neurotische Angst könnte dadurch entstehen, dass der Patient einen bestehenden Konflikt nicht auflösen oder beseitigen kann und ihn verdrängt. Diese Konflikte hängen häufig mit der Autonomie beziehungsweise Abhängigkeit des Betroffenen zusammen oder mit Versuchungs-/Versagungssituationen.

Phobien

Phobien sind übersteigerte, anhaltende und umschriebene Ängste vor bestimmten Objekten und Situationen, denen der Betroffene aus dem Weg geht. Bekannte Phobien sind Höhenangst, Angst vor engen und geschlossenen Räumen, weiten Plätze, Reisen, Alleinsein oder Tieren (beispielsweise Hunden, Spinnen oder Schlangen). Eine Sonderform ist die Soziale Phobie (auch Sozialphobie). Betroffene haben massive, irrationale Angst vor dem Kontakt zu Mitmenschen beziehungsweise vor Situationen, in denen andere sie prüfend beobachten, kritisch bewerten und negativ beurteilen könnten.

Zwangsneurose

Die Betroffenen leiden unter Zwangsgedanken und Zwangshandlungen, die massiv in den Alltag eingreifen, das Leben weitgehend bestimmen und einen hohen Leidensdruck verursachen. Denn die meisten Menschen mit Zwangsneurose empfinden die Zwangsgedanken und das zwanghafte Verhalten als äußerst quälend. Am häufigsten kommen bei Zwangsneurotikern Symptome vor, welche die Bereiche "Symmetrie/Ordnung", "Sammeln", "Kontamination/Reinigen" und "Aggression/Kontrolle" betreffen.

Die Zwangsgedanken und Zwangshandlungen können so lebensbestimmend werden, dass die Betroffenen unter Umständen nicht mehr am sozialen Leben teilnehmen können und zunehmend isoliert sind. Auch hat das Umfeld oft wenig Verständnis für die Zwangsgedanken und das zwanghafte Handeln. Zwangspatienten führen Rituale wie das Händewaschen so häufig aus, dass die Handlungen einen Großteil des Tages bestimmen. Auch unbewusstes Imponierverhalten, Aggressivität oder Ängstlichkeit können vorkommen. Bekannte Unterformen der Zwangsneurose sind die Kleptomanie (Zwang zum Stehlen) oder Kaufsucht. Die Betroffenen besitzen meist eine zwanghafte Persönlichkeitsstruktur, sind kontrollierend, penibel und übergenau.

Hysterische Neurose (Konversionsneurose)

Patienten mit einer hysterischen Neurose (Konversionsneurose) leiden an einem Konflikt, der sich im körperlichen Bereich manifestiert, wie bei der Herz- oder Magen-Neurose.

Häufige Symptome sind:

  • Verspannungen
  • Lähmungen
  • Ohnmachtsanfälle
  • psychogene Taubheit, Blindheit oder Stummheit

Der Begriff "hysterisch", der sich aus dem griechischen Wort für Gebärmutter ableitet, wird heute nur noch selten verwendet. Er gilt als veraltet, da auch Männer unter den gleichen Symptomen leiden können. Auslöser einer hysterischen Neurose sind meist emotional belastende Situationen, die den Betroffenen an seine Grenzen bringen. Nicht selten tritt diese Neurose zum Beispiel beim Beginn des Studiums oder der Arbeit, einer Schwangerschaft oder Hochzeit auf.

Herzneurose

Menschen mit einer Herzneurose glauben, sie litten an einer lebensbedrohlichen Herzerkrankung oder bekämen bald einen Herzinfarkt. Normale Veränderungen des Herz-Kreislauf-Systems wie einen schnellen Puls oder leichtes Herzrasen interpretieren sie als Alarmzeichen für einen drohenden Herzinfarkt. Diese Angst löst tatsächlich körperliche Reaktionen wie Herzrasen und Atemnot aus. Körperliche Symptome und Angstreaktionen schaukeln sich gegenseitig auf und können zu akuter Todesangst führen. Dass Herzspezialisten (Kardiologen) keine Auffälligkeiten finden, beruhigt Patienten mit einer Herzneurose nicht oder nur kurzzeitig. Häufig vermeiden sie bestimmte Verhaltensweisen und Situationen, was ihre Lebensqualität erheblich einschränkt.

Magenneurose

Die Betroffenen glauben, an einer Magenerkrankung zu leiden und schildern ihren Ärzten Symptome wie Druckgefühl, Brennen, Appetitstörungen, Völlegefühl, Erbrechen und Übelkeit. Ärzte finden aber keine körperliche Erkrankung als Ursache der Beschwerden. Aus Angst vor neuen Magenschmerzen können sich die Symptome verstärken. Zudem schlägt die Angst auf den Magen. Viele Patienten mit einer Magenneurose vermeiden bestimmte Lebensmittel, manche verzichten auch vollkommen auf Nahrung. Dann kann eine Magenneurose lebensgefährlich werden.

Hypochondrische Neurose

Menschen mit einer hypochondrischen Neurose neigen zu ängstlicher, meist körperbezogener Selbstbeobachtung. Sie hegen die grundlose Befürchtung, an einer schweren Erkrankung zu leiden, beispielsweise an einem Herzinfarkt oder Krebs. Ein sehr anschauliches Beispiel dieser Störung beschrieb der französische Dichter Molière in seinem Theaterstück "Der eingebildete Kranke". In den vergangenen Jahren wurde der Begriff "Cyberchondrie" geprägt. Die Betroffenen googeln ihre Symptome und finden so oft die Bestätigung für ihre Vermutung, an einer ernsthaften Erkrankung zu leiden. Dies verstärkt die Ängste weiter. Auch ein Arzt kann Menschen mit einer hypochondrischen Neurose diese meist nicht nehmen.

Persönlichkeitsstörung (früher Charakterneurose)

Eine Charakterneurose wird heute als Persönlichkeitsstörung bezeichnet. Sie äußert sich weder durch eindeutige Symptome noch lässt sich eine konkrete Ursache oder ein Auslöser finden. Die Neurose ist in diesem Fall ein fester Bestandteil der Persönlichkeit. Im Zuge dieser Entwicklung sind das Erleben und Verhalten meist gestört, wobei die Betroffenen selbst dies in der Regel nicht erkennen. Der Übergang zwischen "normal" und "krank" ist fließend. So ist die Abgrenzung zwischen dem "Normalen" und einer Persönlichkeitsstörung auch für Fachleute nicht immer einfach zu treffen. Charakterneurosen lassen sich unterteilen:

Schizoide Persönlichkeitsstörung

Schizoide Persönlichkeiten sind meist Einzelgänger, welche die Gesellschaft meiden und nur wenige soziale Bindungen knüpfen. Gefühle können sie selbst nur schwer ausdrücken und bei anderen nur schwer interpretieren. Sie sind empfindlich, oft schnell verletzbar im Kontakt mit anderen und ziehen sich dann zurück. Gleichzeitig haben sie ein großes Bedürfnis nach Nähe und Zuneigung.

Depressive Persönlichkeitsstörung

Die Betroffenen möchten geliebt werden, suchen Nähe, Geborgenheit und Anerkennung. Häufig sind Abhängigkeitsbeziehungen, selten kommen Arroganz oder Aggressionen vor.

Zwanghafte Persönlichkeitsstörung

Betroffene haben eine Tendenz zu Kontrolle, Übergenauigkeit, Perfektionismus und Rechthaberei. Im Gegensatz zur Zwangsstörung müssen sie jedoch keine Zwangshandlungen ausüben.

Hysterische Persönlichkeitsstörung

Die Betroffenen besitzen meist ein labiles Selbstwertgefühl, leben ohne "roten Faden", chaotisch, sind egozentrisch und haben häufig wechselnde Beziehungen. Sie sind sehr unterhaltsam, aber auch anstrengend.

Narzisstische Persönlichkeitsstörung

Auffällig bei der narzisstischen Form ist das instabile Selbstwertgefühl: Es verändert sich sehr schnell von ganz groß nach ganz klein – und wieder zurück. In der indischen Mythologie findet sich für diese Problematik eine Fabel, die dieses Phänomen vielleicht etwas überzeichnet, aber treffend beschreibt: Ein Dämon bläht sich auf und erscheint ganz riesig, kaum wird er angesprochen, surrt er zusammen und findet auf einem winzigen Lotos-Blatt Platz. Vergleichbar ist das mit einem Luftballon, den man aufbläst und anschließend die Luft herauslässt.

Behandlung von Neurosen – Störungen erkennen und bearbeiten

Menschen mit einer Neurose benötigen –  je nach Schwere der Symptome – eine Behandlung. Die klassische Therapie ist die Psychoanalyse. Sie soll Patienten den zugrundeliegenden Konflikt bewusst machen. Im nächsten Schritt können sie den Konflikt lösen, was eine Heilung ermöglicht.

Betroffene profitieren aber auch von anderen Verfahren, etwa einer psychotherapeutischen Kurzzeitbehandlung oder längerfristigen Therapien mit psychologischen Mitteln. In der Beziehung mit dem Therapeuten können sie Konflikte zulassen, erleben und bearbeiten. Durch die neuen Beziehungserfahrungen verändert sich ihre innere Welt. Wichtig sind aber geschützte therapeutische Bedingungen, unter denen die Behandlung stattfindet.

Die wichtigsten Schritte sind: Erkennen – Bearbeiten – neue Erfahrungen – Integration – Wachstum.

Individuelle Behandlung der Neurose ist wichtig

Je nach individuellen Problemen und Ursachen der Neurose können die Psychoanalyse oder Hypnotherapie nach Erickson sinnvoll sein. Eingesetzt werden zudem die Verhaltenstherapie sowie personelle oder unterstützende Ansätze. Hilfreich für Patienten mit einer Neurose können auch die Musiktherapie, Ergotherapie, das Rollenspiel, Psychodrama und Gestalttherapie sowie spielerische Verfahren sein, vor allem bei Kindern. Viele Betroffene profitieren auch von Entspannungsmethoden. Dazu zählen Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Biofeedback oder Yoga.

Welche Therapie die besten Erfolgsaussichten bei einer Neurose hat, hängt unter anderem von der Persönlichkeitsstruktur, dem Erkrankungsbild und der Vorgeschichte ab. Auch der kombinierte Einsatz von Neurose-Therapien und modifizierten Behandlungen sind möglich. Psychopharmaka können unter Umständen ebenfalls sinnvoll sein, beispielsweise bei einer depressiven Neurose oder Angstneurose.

Kann man Neurosen vorbeugen?

Neurosen lassen sich vollständig vermeiden, wenn die Erziehung, Gesundheit, eigene Persönlichkeit und die äußeren sozialen Umstände optimal sind. Sie können aber auch selbst etwas beitragen, um Neurosen zu lösen.

  • Der erste Schritt ist, die einzelnen Zwänge und Illusionen zu erkennen, mit denen Sie leben. Was möchten Sie wirklich und was hält Sie davon ab?
  • Im nächsten Schritt können Sie versuchen, diese Blockaden zu lösen. Dafür müssen Sie aber selbst "Ihren" Weg suchen und finden.

Im Buchhandel oder Internet gibt es zahlreiche Ratgeber zu diesem Thema. Auch Gespräche mit Freunden und Bekannten oder Entspannungsverfahren sind hilfreich, um die körperliche und seelische Balance wiederzufinden und mit sich selbst ins Reine zu kommen.

Sanfte Hilfe für die Seele: Psychopharmaka aus der Natur

Autor:
Letzte Aktualisierung: 06. März 2017
Quellen: Bürgy M. Zur Geschichte und Phänomenologie des Psychose-Begriffs. Eine Heidelberger Perspektive (1913–2008). Nervenarzt 2009; 80: 584–592 Freud S. Gesammelte Werke. Frankfurt: Fischer-Verlag 1966 Hoffmann SO, Hochapfel G. Neurosenlehre, Psychotherapeutische und Psychosomatische Medizin – CompactLehrbuch. Stuttgart: Schattauer, 1996 Mester H, Tölle R. Neurosen. Berlin, Heidelberg, New York: Springer-Verlag 1981 Sadock BJ, Sadock VA. Sigmund Freud: Founder of Classic Psychoanalysis. Kaplan & Sadock's Synopsis of Psychiatry. Philadelphia: Lippincott Williams and Wilkins 2003: 193-210 Wolfersdorf M. „Was ist aus der guten alten neurotischen Depression geworden?“Anpassungsstörung? Dysthymia? Chronische Depression? psychoneuro 2005; 31 (1): 30–34

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