NET oder Karzinoide

Neuroendokrine Tumoren – häufig gutartig

Nicht jeder Krebs ist bösartig. Bei neuroendokrinen Tumoren sind über die Hälfte gutartig. Doch was genau sind Neuroendokrine Tumoren oder abgekürzt NET? Wie entstehen sie und wie können Therapien den Verlauf der Erkrankung beeinflussen?

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Bei Neuroendokrinen Tumoren ist der Magen-Darm-Trakt häufig betroffen.
(c) Stockbyte

Unter neuroendokrinen Tumoren, kurz NET oder auch Karzinoiden, werden eine ganze Gruppe von sehr selten Tumoren zusammengefasst. NET treten überwiegend im Magen-Darm-Bereich auf.

Bezeichnet werden damit Tumoren, die langsamer und weniger aggressiv wachsen als die bösartigen Karzinome. Karzinoid blieb lange Zeit ein feststehender Begriff und wurde erst vor kurzer Zeit durch den Ausdruck "neuroendokrine Tumoren" ersetzt. Auch die Abkürzung GEP-NET ist geläufig, sie steht für gastroenteropankreatische neuroendokrine Tumoren.

Als neuroendokrin werden Gewebe bezeichnet, die Hormone herstellen. Nicht alle NET produzieren Hormone, aber wenn sie es tun, verursachen sie die typischen Symptome einer Hormon-Überdosierung, auch NET-Syndrom genannt.

Neuroendokrine Tumoren sind sehr selten. Man geht davon aus, dass etwa zwei von 100.000 Menschen pro Jahr daran erkranken. Häufig treten sie ab dem 50. Lebensjahr auf.

Ursachen von neuroendokrinen Tumoren

Die Entstehung von neuroendokrinen Tumoren ist sehr komplex. Es gibt keinen einzelnen Mechanismus, der die Krankheit verursacht.

Eine eigentliche, krankheitsauslösende Ursache für NET kennt man nicht – mit Ausnahme einiger erblich bedingter neuroendokriner Tumoren, bei denen es zum Beispiel im Rahmen einer Multiplen Endokrinen Neoplasie vom Typ 1 (MEN 1) zu Häufungen von Krankheitsfällen in den betroffenen Familien kommt. Bei der Mehrzahl neuroendokriner Tumoren gibt es aber keine derartige Ursache.

Formen und Unterscheidung von neuroendokrinen Tumoren

Neuroendokrine Tumore (NET) entstehen vor allem im Magen-Darm-Trakt. Neun von zehn neuroendokrinen Tumoren finden sich dort, insbesondere im Magen, Dünndarm, Wurmfortsatz des Blinddarms (Appendix) und Dickdarm sowie in der Bauchspeicheldrüse (Pankreas). Diese NET werden auch als neuroendokrine Tumoren des gastroenteropankreatischen Systems (GEP-NET) zusammengefasst. Die übrigen zehn Prozent treten zum Beispiel in der Lunge oder dem Thymus auf.

NET können aktiv oder inaktiv sein. Aktive Tumore produzieren Hormone und können so den Stoffwechsel beeinträchtigen.

Aktive und inaktive NET

Obwohl die NET ursprünglich aus hormonproduzierenden Geweben entstanden sind, geben nur rund die Hälfte von ihnen Hormone ins Blut ab. Inaktive neuroendokrine Tumoren produzieren gar keine Hormone. Sie bleiben daher oft lange Zeit unentdeckt und verursachen nur selten Beschwerden.

Bei aktiven NET ist nicht die Größe entscheidend, wenn es um die abgegebene Hormonmenge geht. Sogar winzig kleine Tumore können so stark auf dem Organismus wirken, dass die Patienten sehr darunter leiden. Gastrinome (siehe unten) zum Beispiel können so winzig sein, dass sie allen Diagnosemethoden entgehen, aber trotzdem die Magensäureproduktion so stark anregen, dass die Patienten schwer an Magen-Darm-Beschwerden leiden. Auch inaktive ("nicht funktionelle") neuroendokrine Tumoren können weiter wachsen, der Arzt spricht dann von einem "progredienten Tumor".

Verschiedene Arten von NET

Aktive und inaktive NET können in allen Abschnitten des Magen-Darm-Trakts auftreten:

  • Insulinome geben Insulin ins Blut ab und senken somit den Blutzuckerspiegel. 95 Prozent aller Insulinome sind gutartig.

  • Gastrinome steigern die Produktion von. Sie kommen bevorzugt im Zwölffingerdarm und der Bauchspeicheldrüse vor.

  • Glukagonome sind sehr seltene NET, die von der Bauchspeicheldrüse ausgehen. Sie produzieren Glukagon, den "Gegenspieler" von Insulin.

  • VIPome erzeugen das Krankheitsbild der Pankreatischen Diarrhoe und haben meist starke Durchfälle zur Folge. Einige sehr seltene Tumoren der Bauchspeicheldrüse haben Einfluss auf die Hormonproduktion der Nebennierenrinde.

  • Das Karzinoidsyndrom bezeichnet neuroendokrine Tumoren des unteren Dünndarms oder seltener der Bronchien, die Serotonin produzieren. Es sorgt unter anderem für die Sekretion von Verdauungssäften und regt Bewegungen des Darms an.

  • hormonell inaktive neuroendokrine Tumoren können im ganzen Magen-Darm-Trakt vorkommen und werden am häufigsten im Magen, im Wurmfortsatz des Blinddarms (Appendix) und im Mastdarm angetroffen.

Symptome und Anzeichen von neuroendokrinen Tumoren

Neuroendokrine Tumoren sind eine relativ seltene Erkrankung. Aber viele von ihnen verursachen typische Krankheitsbilder, die erste Hinweise auf die Art der Erkrankung geben.

Inaktive Tumoren werden oft erst spät entdeckt, da sie langsam wachsen und in sehr vielen Fällen auch dann noch keine Beschwerden verursachen, wenn sie bereits Tochtergeschwulste gebildet haben.

Nachfolgende Tabelle zeigt verschiedene neuroendokrine Tumoren und ihre charakteristischen Symptome:

Tumorform Typische Symptome
Insulinom
  • ständige Unterzuckerung
  • Kopfschmerzen
  • Verwirrung
  • Sehstörungen
  • Störungen der Bewegungskoordination und Lähmungen
  • Persönlichkeitsstörungen wie Aggressionen
  • selten: Bewusstlosigkeit, Krampfanfälle, Koma
Gastrinom
  • Magen- und Zwölffingerdarm-Geschwüre
  • Magensaft-Überproduktion, die nur unzureichend auf Medikamente anspricht, Bauchschmerzen
  • wässriger Durchfall
  • Sodbrennen
VIPom (MEN 1)
  • massive, wässrige Durchfälle, bis zu acht Litern am Tag
  • Schwäche
  • Muskelkrämpfe
Glukagonom
  • chronischer, wandernder, schwerer Ausschlag an Armen und Beinen oder auch im Gesicht
  • Entzündungen der Mundhöhle und der Zunge
  • Gewichtsverlust
  • hoher Blutzuckerspiegel
Karzinoid
  • Hitzewallungen und Hautrötungen, vor allem nach dem Essen (Flush)
  • Magen-Darm-Symptome – vor allem Durchfälle

 

Diagnose bei neuroendokrinen Tumoren

Auch wenn neuroendokrine Tumoren in der Regel recht langsam wachsen, müssen sie so schnell wie möglich gefunden und nach Möglichkeit operativ entfernt werden. Oft dauert es sechs bis sieben Jahre, bis die Erkrankung festgestellt wird.

Gut die Hälfte der Patienten haben nicht-funktionelle neuroendokrine Tumoren, die keine Hormone in die Blutbahn ausschütten.

Diese inaktiven Tumoren existieren oft jahrelang unerkannt, wenn sie zu keinerlei Beschwerden führen. Häufig werden sie durch Zufall bei anderen Untersuchungen entdeckt. Erst wenn sie durch ihre Größe andere Organe verdrängen oder auf Nerven und Blutgefäße drücken, entstehen Symptome, die aber sehr unterschiedlich ausfallen.

Früh werden zum Beispiel Tumoren im Wurmfortsatz des Blinddarms entdeckt, wenn sie zu einer Blinddarmentzündung führen, oder Tumoren der Bauchspeicheldrüse, wenn sie den Ausführungsgang der Gallenblase verschließen und so eine Gelbsucht entsteht. Viele Dickdarm-Tumoren können frühzeitig bei einer Darmspiegelung entdeckt werden.

Laboruntersuchungen: Ausschau nach Tumormarkern und Hormonen

Patienten mit einer verdächtigen Kombination von Symptomen, werden in der Regel im nächsten Schritt mit weiteren Diagnosemethoden untersucht, um Tumormarker oder veränderte Blutparameter wie erhöhtem Hormonspiegel oder Änderungen im Zucker- und Mineralhaushalt abzuklären und zu untersuchen ob neuroendokrine Tumoren etwas mit den Symptomen zu tun haben.

Bei der weiteren Diagnose kommen außerdem verschiedene bildgebende Verfahren zum Einsatz, so zum Beispiel

Möglich ist zudem eine sogenannte Somatostatinrezeptor-Szintigraphie. Hierbei wird dem Patienten eine radioaktiv markierte Substanz gespritzt, die sich an den von den meisten NET-Tumoren gebildeten Bindungsstellungen (Rezeptoren) für das Hormon Somatostatin anheftet. Es kommt dadurch zu einer starken Anreicherung der markierten Substanz im Tumorgewebe. Diese kann mithilfe einer speziellen Kamera sichtbar gemacht werden.

Wie findet man einen Arzt, der sich mit NET auskennt?

Weil neuroendokrine Tumoren so selten sind, gibt es nur relativ wenige Ärzte und Einrichtungen, die sich gut mit der Erkrankung auskennen und stets über die laufenden Entwicklungen hinsichtlich der Diagnose und Behandlung informiert sind. Vor allem Endokrinologen und spezialisierte Gastroenterologen haben Informationen über entsprechende Ärzte und Einrichtungen. Es gibt inzwischen auch Kliniken, die sich speziell mit NET befassen und in denen alle zur Behandlung notwendigen Facharztgruppen beteiligt sind.

Behandlung von neuroendokrinen Tumoren

NET unterscheiden sich hinsichtlich des Orts ihres Auftretens, ihrer Gewebeeigenschaften, ihrer Hormonaktivität und ihrer Bösartigkeit und werden entsprechend behandelt.

Es werden zahlreiche Tumorarten unterschieden, die vielfältige Beschwerden auslösen können und sich darüber hinaus hinsichtlich ihrer Neigung zur Ausbreitung im Körper und der Abgabe beziehungsweise Nicht-Abgabe von Hormonen voneinander abgrenzen lassen. Die Therapie muss die Vielgesichtigkeit der Erkrankung berücksichtigen.

Am Anfang steht fast immer die Operation

Wird ein neuroendokriner Tumor rechtzeitig erkannt, kann er durch eine Operation oft vollständig entfernt werden. Der betroffene Patient ist in diesem günstigsten Fall geheilt und benötigt, abgesehen von Kontrolluntersuchungen, keine weitere Behandlung.

Kann ein NET nicht vollständig herausoperiert werden, müssen weitere Eigenschaften des Tumors wie die Geschwindigkeit seines Wachstums oder die Abgabe von Hormonen herangezogen werden, um die optimale NET-Therapie zu finden. Doch auch in diesem Fall steht – von wenigen Ausnahmen abgesehen – am Anfang immer die Operation. Sie soll die Tumormasse verringern, auch wenn Tumorreste zurückbleiben.

Stabile, funktionell inaktive Tumoren werden kontrolliert

Wächst ein neuroendokriner Tumor nach der chirurgischen Therapie nicht weiter und gibt er keine Hormone ab (funktionell inaktiver Tumor), ist es gerechtfertigt, die Behandlung auf regelmäßige Kontrollen zu beschränken. Zu einem späteren Zeitpunkt sind darüber hinausgehende Maßnahmen nur dann erforderlich, wenn der Tumor den stabilen Zustand verlässt, also zu wachsen oder Hormone abzugeben beginnt. Inzwischen findet jedoch auch hier ein Umdenken statt, das auch in solchen Fällen hin zu einer frühzeitigen medikamentösen Behandlung geht.

Medikamentöse Therapie bei funktionell aktiven und/oder wachsenden Tumoren

NET, die Hormone abgeben und dadurch Beschwerden wie etwa das Karzinoidsyndrom (Flush, Durchfälle, Asthmaanfälle) hervorrufen, werden symptomatisch behandelt. Dabei versuchen die Ärzte, die Anzeichen zu lindern, ohne dass die Ursache der Beschwerden behoben wird. Bewährt hat sich hierfür insbesondere die medikamentöse NET-Therapie mit sogenannten Somatostatin-Analoga. Alternativ kann auch eine Behandlung mit dem Wirkstoff Interferon alpha erfolgen. Beide Wirkstoffgruppen können abhängig vom einzelnen Erkrankungsfall auch das Wachstum von neuroendokrinen Tumoren verlangsamen, aufhalten oder sogar zum Schrumpfen des Tumors führen.

Führt die medikamentöse Behandlung zu keinem befriedigenden Ergebnis, können die Chemoembolisation und die Radionuklidtherapie eingesetzt werden, um das Tumorwachstum und den Hormonausstoß des Tumorgewebes zu verringern. Auch neue Therapieverfahren wie die Hochfrequenzthermotherapie (HFTT, RFA, RITA), die Laser-induzierte Thermotherapie (LITT), die transarterielle Chemotherapie (TACE), die Kyrotherapie oder die selektive Interne Radio-Therapie (SIRT) können die Symptome der Erkrankung bessern und darüber hinaus das Wachstum der Tumoren aufhalten.

Aggressive Tumoren und NET der Bauchspeicheldrüse

Neuroendokrine Tumoren, die wachsen und in ihrer Zellstruktur nur wenig Ähnlichkeit mit dem Ausgangsgewebe des Krebses aufweisen, sogenannte gering differenzierte Tumoren, können mit einer den ganzen Körper erfassenden ("systemischen") Chemotherapie behandelt werden, wenn eine andere NET-Therapie keinen ausreichenden Erfolg gebracht hat. Das gilt auch für NET der Bauchspeicheldrüse, selbst wenn diese in ihrer Zellstruktur weniger stark von ihrem Ausgangsgewebe abweichen.

Leben mit neuroendokrinen Tumoren

Die intensive Auseinandersetzung mit der Erkrankung, die aktive Mitarbeit bei der Behandlung und nicht zuletzt auch der Erfahrungsaustausch mit anderen Betroffenen können dazu beitragen, besser mit den Beschwerden umgehen und den Verlauf positiv zu beeinflussen.

Die Diagnose NET verändert das Leben von Grund auf. Doch gar nicht so selten bedeutet sie auch fast eine Erleichterung: Endlich kann der Arzt die Symptome zuordnen, unter denen der Patient schon so lange zu leiden hatte. Nach dem ersten Schreck kommen die Fragen: Welchen Einfluss wird die Erkrankung auf das tägliche Leben haben? Wie werde ich persönlich damit zurechtkommen?

Vor allem die Seltenheit der Erkrankung macht es zu Beginn schwer, Informationen über Therapiemöglichkeiten und Kontakte zu spezialisierten Ärzten und anderen betroffenen zu bekommen.

Folgende Organisationen bieten betroffenen und Angehörigen Hilfe und Unterstützung an:

Krebs: 20 Zeichen, die Sie ernst nehmen sollten

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Letzte Aktualisierung: 13. Januar 2017
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