Herzfrequenz unter 60 Schlägen pro Minute

Bradykardie: Wenn das Herz zu langsam schlägt

Bradykardie ist ein Begriff aus der Kardiologie. Dabei schlägt das Herz langsamer, als es für das jeweilige Alter normal ist. Hier lesen Sie alles über die Ursachen, akuten Auslöser und Therapien, damit das Herz wieder schneller schlägt.

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Notfall: Sinus-Bradykardie im EKG. Nur 37 Herzschläge pro Minute (HR: 37). Das Herz steht zwischen den Kammerkomplexen (große Spitzen) bis zu zwei Sekunden still.
Von Glenlarson (https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2599770)

Das Herz eines Erwachsenen sollte in Ruhe 60 bis 80 Mal pro Minute schlagen. Im Zusammenspiel mit einem durchschnittlichen Blutdruck von 120/80 mmHg (Millimeter Quecksilbersäule) und bei normaler Herzgröße – es gilt die "Faustregel": Das Herz soll so groß sein wie die eigene Faust – dann wird der gesamte Körper mit ausreichend Blut versorgt und der Kreislauf ist stabil.

Bestimmte chronische und akute Erkrankungen können die Reizleitung am Herzen stören und das Herz aus dem Takt bringen (Arrhythmie), die Frequenz erhöhen (Tachykardie) oder verlangsamen. Letzteres wird als Bradykardie (griechisch βραδυκαρδία [bradykardía], wörtlich übersetzt "Langsamherzigkeit") bezeichnet.

Ursachen einer Bradykardie

Eine Bradykardie kann als gewollte Wirkung, aber auch als Nebenwirkung durch ein Medikament verursacht werden, aber auch durch eine Erkrankung des Herzens entstehen. Diese wird auch als Herzrhythmusstörung bezeichnet, bei der es zu einem Fehler in der Regulation der Herzfrequenz kommt.  Auch eine mechanische Fehlfunktion eines Herzschrittmachers kann zu einem verlangsamten Herzschlag führen.

Typische Herzrhythmusstörungen der Bradykardie

  • Sinus-Bradykardie und Sick-Sinus-Syndrom
    Der Sinusknoten im Vorhof des rechten Herzens ist der Taktgeber des Herzens. Hier bilden sich die elektrischen Potenziale, die sich über den gesamten Herzmuskel kontrolliert ausbreiten sollen und ihn sich zusammenziehen lassen (Kontraktion zur Pumpfunktion). Der Sinusknoten gibt in der Regel 60 bis 80 Impulse pro Minute ab und kann bei Belastung bis zu 250 und mehr Stromstöße binnen 60 Sekunden durch das Herz schicken. Beim Sick-Sinus-Syndrom ist der Sinusknoten gestört und das Herz schlägt unregelmäßig (Absolute Arrhythmie) oder er fällt ganz aus. Dann übernehmen andere Bereiche des Herzens die Funktion des Taktgebers (AV-Knoten oder His-Bündel), die jedoch deutlich weniger oft einen Stromstoß entsenden können, also unter 60 Mal pro Minute.

  • Chronotrope Inkompetenz
    Hierbei ist ebenfalls der Sinusknoten gestört. Das Herz schlägt in Ruhe fast normal. Bei erhöhter körperlicher Anstrengung kann er den Mehrbedarf an Herzschlägen nicht ausgleichen: Die Herzfrequenz bleibt auch unter Anstrengung gleich niedrig.

  • Herzblock
    Bei einem Herzblock ist das Herz nicht mechanisch blockiert, sondern die Weiterleitung des elektrischen Impulses. Kann sich der Stromschlag nicht im Vorhof ausbreiten, wird dies als Sinu-atrialer Block (SA-Block) bezeichnet. Kann der Herzschlag vom Vorhof aus nicht die Herzkammern erregen, wird dies als Atrio-ventrikulärer Block in unterschiedlicher Schwere (AV-Block 1. bis 3. Grades) bezeichnet.

  • Vorhofflimmern
    Wäre unser Herz ein Automotor, dann wäre das Vorhofflimmern eine Reihe von Fehlzündungen, ein stotternder Anlasser. Ein paar der Zündungen kommen durch und lassen den Motor einmal drehen, also das Herz zusammenziehen und einmal pumpen. Die meisten anderen Funken gehen jedoch ins Leere und lösen keinen Schlag aus. In der Folge schlägt das Herz unregelmäßig und langsam (Absolute Bradyarrhythmie).

Von symptomlos bis Kollaps: Auswirkungen des langsamen Herzschlags

Wenn die Herzfrequenz und damit auch der Puls sinken, bedeutet dies für das Herz, dass es sich weniger häufig zusammenzieht. Mit jedem Herzschlag weniger zirkuliert das Blut langsamer im Kreislauf. Der Körper versucht dies durch einen gesteigerten Blutdruck auszugleichen. Dazu verengt er die Gefäße, durch die aber dann weniger Blut strömen kann. Daraus resultiert eine Unterversorgung aller Muskeln und der Organe und kann sich – je nach Gewöhnung – unterschiedlich äußern durch:

  • allgemeines oder akutes Schwächegefühl
  • Erschöpfung und Müdigkeit
  • Sehstörungen
  • Schwindel
  • nervöse Angstzustände
  • Kaltschweißigkeit
  • Atemnot
  • Bewusstseinstrübung bis Ohnmacht (Bewusstlosigkeit)

Wie wird eine Bradykardie festgestellt?

Bei Kreislaufproblemen können Sie selbst bei der richtigen Diagnose helfen. Sobald die akuten Beschwerden auftreten, sollten Sie Ihren Puls fühlen und daraus die Herzfrequenz bestimmen – unsere Bildergalerie hier im Artikel zeigt Ihnen, wie das richtig geht. Soweit Sie ein Blutdruckmessgerät zur Hand haben, sollten Sie auch diesen Wert bestimmen.

So messen Sie den Puls richtig

Der Arzt wird zusätzlich mit dem Stethoskop die Herztöne abhören (Auskultation). In einem ausführlichen Anamnesegespräch werden familiäre Risikofaktoren, Vorerkrankungen und aktuell eingenommene Medikamente als Einflussfaktoren abgeklärt. Eine Blutentnahme zur Untersuchung im Labor ist Pflicht, um Stoffwechselerkrankungen oder ein akutes Geschehen wie einen Herzinfarkt auszuschließen.

Was genau am Herzen passiert kann von Außen nur indirekt ermittelt werden. Die wichtigsten Untersuchungsmethoden zur Untersuchung einer Bradykardie sind dabei ein Akut-Elektrokardiogramm (EKG), das eine Momentaufnahme der elektrischen Leitungsverhältnisse am Herzen zeigt. Zusätzliche erfolgt eine EKG-Untersuchung unter Anstrengung auf dem Fahrrad, wie der Belastungstest (Spiroergometrie) häufig genannt wird, gefolgt vom Langzeit-EKG, das über 24 Stunden hinweg die Herzaktivität aufzeichnet.

Bleiben Fragen zur Ursache der Bradykardie offen, eignen sich weitere Untersuchungsmethoden wie die elektrophysiologische Untersuchung (EPU) des Herzens, bei der das EKG nicht über den Brustkorb (transthorakal), sondern direkt mittels Einstichelektroden im Herzmuskel gemessen wird. Vor diesem minimalinvasiven Eingriff können mittels Echokardiographie (Herzecho, UKG), Kardio-Magnetresonanztomographie (Kardio-MRT), Kardio-Computertomographie (Kardio-CT) oder einer Herzkatheter weitere wichtige Informationen zur Herzaktivität ermittelt werden.

Therapie der Bradykardie: So wird der langsame Herzschlag behandelt

Die Therapie der Bradykardie richtet sich immer nach der Ursache. Ist der Herzschlag aufgrund der Nebenwirkung eines Medikaments verlangsamt, muss dieses weggelassen oder ersetzt werden. Beispiel: Beta-Blocker können nicht nur den Blutdruck senken, sondern auch den Herzschlag verlangsamen. Um einen Bluthochdruck weiterhin zu behandeln, aber das Herz wieder schneller schlagen zu lassen, verschreibt der Arzt dann ein anderes Hypertensivum, etwa einen ACE-Hemmer oder ein Diuretikum ("Wasser-Tablette" zur Förderung der Urinausscheidung).

Zwölf Tipps für ein gesundes Herz

Lässt sich der Herzschlag nicht mit Medikamenten normalisieren, besteht die Möglichkeit einen Herzschrittmacher einzusetzen. Dieser überwacht den Herzrhythmus und übernimmt entweder permanent die Funktion des Taktgebers, wenn etwa der Sinusknoten komplett ausgefallen ist, oder kann – wie bei der chronotropen Inkompetenz nötig – bei Bedarf aktiv werden, in dem er körperliche Belastungsphasen erkennt und nur dann seine Impulse aussendet. Diese als On-Demand bezeichnete Betriebsart eines Herzschrittmachers erzeugt nur dann einen Stromimpuls, wenn das Herz schneller als 80 Mal pro Minuten pumpen sollte, sonst bleibt der Herzschrittmacher inaktiv.

Leben mit Bradykardie: Tipps für den Alltag

Liegt der Bradykardie eine Herzerkrankung zugrunde, bleibt den Betroffenen nur eine Anpassung der Lebensweise übrig, die das Herz entlastet und die Funktion erhält. Die allgemeinen Tipps für eine gesunde Lebensweise wie vitamin- und ballaststoffreiche Ernährung, Gewichtsreduktion falls nötig, ein Verzicht auf Alkohol (Resveratrol: Stoff im Rotwein schützt Herz und Kreislauf) und Rauchen, Stressabbau und Bewegung, gelten auch bei der Bradykardie. Beim Sport in der Freizeit oder körperlicher Anstrengung im Beruf gilt aber Vorsicht, damit sich das Herz nicht überanstrengt.

Die Betroffenen sollten sich in medizinischer Obhut an ihre alte Form herantasten: In einer Koronarsportgruppe wird unter ärztlicher Aufsicht von speziell geschulten Trainern das Herz nur mit genau definierten Belastungen fit gehalten. Der Trainer achtet darauf, dass der Grad der Anstrengung einer Übung (in Watt gemessen) das Herz nicht überfordert. Auch für Herzschrittmacherträger ist eine solche Sportgruppe empfehlenswert. Für sie gilt, dass prinzipiell alle Aktivitäten des täglichen Lebens, wie gewöhnlicher Freizeitsport, (Haus-)Arbeit, Reisen und auch Sexualität, nach dem So funktioniert ein Herzschrittmacher weiterhin oder eben erst wieder möglich sind.

Ernährung für ein gesundes Herz: Sieben Tipps!

Autor:
Letzte Aktualisierung: 23. Oktober 2016
Quellen: Roche Lexikon Medizin. 5. Auflage. Elsevier GmbH, Urban & Fischer Verlag, München 2003, ISBN 3-437-15072-3 (Stichwort: Bradykardie). Pschyrembel Klinisches Wörterbuch. 259. Auflage. de Gruyter, Berlin, New York 2002, ISBN 3-11-016523-6 (Stichwort: Bradykardie, Tachykardie). Roche Lexikon Medizin. 5. Auflage. Elsevier GmbH, Urban & Fischer Verlag, München 2003, ISBN 3-437-15072-3 (Stichwort:Tachykardie). Mewis, Riessen, Spyridopoulos (Hrsg.): Kardiologie compact - Alles für Station und Facharztprüfung. 2. Auflage. Thieme, Stuttgart, New York 2006, ISBN 3-13-130742-0, S. 512. J. Michael Mangrum, John P. DiMarco : The Evaluation and Management of Bradycardia. N Engl J Med 2000; 342:703-709 March 9, 2000 doi:10.1056/NEJM200003093421006

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