Den Druck aushalten
Wünschen, warten, weiterleben
Paare mit Kinderwunsch brauchen Kraft, um die Belastungen der Behandlung zu schultern. Psychologische Begleitung und eine Selbsthilfegruppe können stützen.
Wenn die anderen Kinder kriegen
Geschwister, Freunde, Kollegen alle bekommen Kinder. Schlimm, wenn die eigenen Bemühungen erfolglos sind. Viele Paare mit unerfülltem Kinderwunsch erleben ihr Umfeld mit der Zeit als schwierig. Sie ziehen sich immer mehr zurück, meiden Bekannte und Freunde mit Kindern oder reagieren mit Notlügen, wenn jemand sie auf ihre Kinderlosigkeit anspricht. Manche empfinden es als Makel, keine Kinder zu bekommen und schämen sich, darüber zu sprechen. Wer allen Mut zusammennimmt, stößt aber oft auf unerwartetes Verständnis in der Familie und bei Freunden. Zwar gibt es auch unbedarfte Reaktionen, wie der gut gemeinte Ratschlag, einfach mal richtig Urlaub zu machen, um die Fruchtbarkeit voranzubringen. Klar, solche Sprüche nerven, besonders wenn das Paar schon länger wegen seiner Kinderlosigkeit in Behandlung ist. Dennoch: Reden ist besser als Schweigen. Ein verkrampfter Umgang mit dem Thema erzeugt zusätzlichen Druck und davon erleben Paare mit unerfüllten Babywunsch wahrlich schon genug.
Zeit für die Therapie, Zeit fürs Verarbeiten
Eine Kinderwunschbehandlung ist zeitaufwändig. Daran denken Paare erst einmal nicht. Tatsächlich jedoch müssen die Partner einen großen Teil ihres Lebens auf die Therapie abstimmen manchmal sogar über Jahre. Da sind die Termine für Kontrolluntersuchungen und Behandlungen plus der jeweiligen Anfahrtswege. Oftmals ist der zeitliche Aufwand schwer mit dem Beruf zu vereinbaren und erzeugt Stress, besonders der Chef und die Kollegen nichts von der Behandlung wissen sollen. Hinzu kommt die Zeit, in der ein Paar mit dem emotionalen Verarbeiten erfolgloser Therapieversuche oder missglückter künstlicher Befruchtungen beschäftigt ist. Erfahrungsgemäß gibt es immer wieder Phasen, in denen es zwischen den Partnern kein anderes Thema gibt, als den Babywunsch und die Behandlung. Dieses Kreisen um den Kinderwunsch kostet Kraft: In jede neu probierte medizinische Methode legt das Paar seine ganze Zuversicht. Warten. Hoffen. Bangen. Dann die Enttäuschung, dass es wieder nicht geklappt hat. Niedergeschlagenheit und schließlich das Überlegen, welche Möglichkeiten noch bleiben. Die Gefühlswallungen können sehr heftig sein. Psychologen raten Paaren, ihre Trauer nicht zu unterdrücken. Eine psychologische Begleitung der Kinderwunschbehandlung, wie Familienberatungsstellen, Pro Familia und einige Kliniken sie anbieten, ist sehr sinnvoll. Auch der Austausch in einer Selbsthilfegruppe kann hilfreich sein. Adressen finden Interessierte beim Verein Wunschkind (http://www.wunschkind.de/index2.html) im Internet.
Prüfung für die Partnerschaft
Das unerfüllte Verlangen nach einem Kind stellt eine Beziehung auf eine enorme Belastungsprobe besonders wenn sich ein Partner stärker ein Baby wünscht als der andere, der Durchhaltewille unterschiedlich ausgeprägt ist oder Schuldgefühle aufkommen, etwa weil SIE früher einmal abgetrieben hat oder ER möglichst lange warten wollte. Je stabiler eine Beziehung ist, desto besser übersteht sie Krisen. Ein Paar sollte sich daher klar machen, warum es zusammen ist. Dabei hilft es z.B. zu besprechen, wie die beiden sich zu Beginn ihrer Liebe die gemeinsame Zukunft vorgestellt haben und welche Rolle eine eigene Familie dabei spielte. Aber auch die Frage, wie das Leben kinderlos weitergehen könnte, gehört in solche Gespräche. Experten sagen: Es ist wichtig, Grenzen zu ziehen. Wie viel will das Paar sich zumuten? Will es wirklich alles ausschöpfen, was medizinisch machbar ist? Vor jeder neuen Therapiephase sollten das Pärchen entscheiden, ob es die Behandlung fortsetzten will oder vielleicht erst mal eine Pause nötig ist. Die Partner müssen im Gespräch miteinander sein nicht nur über ihren Kinderwunsch. Sie sollten bewusst Zeiten vereinbaren, in denen sie das Thema ausklammern und über andere Dinge reden.
Langsam vergeht die Lust
Tete-à-Tetes nach Terminplan können bei einer Affäre einen Reiz entfalten. Dominiert aber die Absicht, ein Kind zu zeugen, führt Sex nach Plan oft zu Lustlosigkeit, manchmal sogar zu sexuellen Störungen. Fast alle Paare klagen irgendwann während der Behandlung über Veränderungen in ihrem sexuellen Erleben und Verhalten. Das Gefühl, jede Chance nutzen zu müssen, vertreibt jede Leichtigkeit. Ausgerechnet an den fruchtbaren Tagen geht oft nichts und ansonsten fehlt dem Paar die Lust. Es ist schwer, diesem Dilemma zu entkommen und wieder eine spontane, erfüllende Sexualität zu leben. Eine psychologische Beratung kann hier Wege aufzeigen.




