Herz-Kreislauferkrankungen
Frauen brauchen eine etwas andere Medizin
Aktuelle Untersuchungen belegen, dass zwischen dem Herz einer Frau und dem Herz eines Mannes deutliche Unterschiede bestehen. Das macht sich unter anderem bei den Herz-Kreislauferkrankungen bemerkbar. Bei der Behandlung werden die neuen Erkenntnisse jedoch noch zu wenig berücksichtigt. Frauenherzen brauchen nach den jüngsten Befunden aber durchaus eine andere Medizin als Männerherzen.
Kommt es zu einem Herzinfarkt, so macht sich das bei Frauen meist mit etwas anderen Beschwerden bemerkbar als bei Männern. Statt dem klassischen, für Männer so typischen Engegefühl und dem Schmerz in der Brust, der bis in den linken Arm hinein ausstrahlt, macht sich der Infarkt bei Frauen eher durch Unwohlsein, Übelkeit, Kurzatmigkeit oder Oberbauchbeschwerden bemerkbar. Solche Beschwerden aber werden oft nicht auf das Herz bezogen und fehlgedeutet.
Dabei wäre eine rasche Diagnosestellung für die Frauen noch wichtiger als für die Männer: Denn der Infarkt verläuft bei ihnen oftmals schwerwiegender und hat häufiger als beim Mann fatale Folgen: So verstirbt etwa jede fünfte Frau aber nur jeder zwölfte Mann nach einem Infarkt noch in der Klinik.
Falsche Grundannahmen schon bei der Diagnostik
Doch schon bei der Diagnostik gibt es Probleme und das beginnt bereits bei den grundlegenden Annahmen: So gilt als allgemeine Faustregel, dass die Herzfrequenz bei körperlicher Belastung nicht höher steigen sollte als auf einen Wert von 220 Schlägen pro Minute abzüglich des aktuellen Alters des Betreffenden. Dieser Wert gilt jedoch nur für Männer, er berücksichtigt nicht, die bei Frauen etwas geringere Pumpkapazität des Herzens. Daher sind die für Frauen angegebenen Zielwerte deutlich niedriger anzusetzen, wie eine aktuelle Studie ergeben hat. Konkret müsste demnach bei Frauen die Obergrenze der Herzschlagfolge mit 206 Schlägen pro Minute minus 88 Prozent des aktuellen Alters errechnet werden.
Außerdem sind die zur Abklärung einer Herzerkrankung üblichen Untersuchungsmethoden nicht für beide Geschlechter gleichermaßen gut geeignet: So ist zum Beispiel das Belastungs-EKG bei Frauen weniger aussagekräftig als bei Männern. Genauere Befunde liefert hingegen eine Untersuchung mittels der sogenannten Stress-Echokardiografie. Dabei steigert der Arzt zunächst mit Medikamenten die Pumpleistung des Herzens und analysiert sie dann mithilfe des Ultraschalls, was insgesamt genauere Befunde liefert.
Allerdings zeigen die vorliegenden Untersuchungen, dass auch bei Hinweisen auf eine Koronare Herzerkrankung im Belastungs-Test bei Frauen seltener als bei Männern eine weiterführende Diagnostik erfolgt. Diese wurde den Erhebungen zufolge bei 62,3 Prozent der Männer, aber nur bei 38 Prozent der Frauen vorgenommen.
Herzmedikamente wirken bei Frauen anders
Unterschiede finden sich auch bei der Therapie: Frauen werden bei einem Herzinfarkt seltener als Männer so behandelt, wie es die Leitlinien vorgeben. Zwar wird ebenso häufig wie bei Männern versucht, das verschlossene Gefäß wieder zu eröffnen, bei Frauen wird dabei jedoch öfter auf eine Ballondilatation gesetzt und bei Männern häufiger eine Bypass-Operation durchgeführt.Frauen erhalten außerdem nach einem Infarkt weniger Medikamente als Männer. Es wird zudem nicht berücksichtigt, dass es bei Mann und Frau grundsätzlich Unterschiede beim Bedarf von Medikamenten und auch bei deren Verstoffwechselung im Körper gibt. Das liegt schon daran, dass Frauen in aller Regel kleiner und leichter sind als Männer und einen höheren Körperfettanteil besitzen sowie eine geringer ausgeprägte Nierenfunktion. Die für den Arzneimittelstoffwechsel wesentlichen Enzyme (Cytochrom-P450-Familie) sind bei Frauen und Männern unterschiedlich aktiv, was zur Folge hat, dass die eingenommenen Medikamente unterschiedlich abgebaut werden. Werden die geschlechtstypischen Unterschiede nicht berücksichtigt, so kommt es bei vielen Wirkstoffen, die bei Herz-Kreislauferkrankungen verordnet werden, bei Frauen zu Nebenwirkungen. Das ist zum Beispiel häufig bei Digitalis-Präparaten der Fall und ebenso bei Betablockern. Bei ACE-Hemmern werden außerdem Wechselwirkungen mit geschlechtsspezifischen Hormonen der Frau diskutiert.
Doch es gibt auch qualitative, dosierungs-unabhängige Unterschiede der Arzneimittelwirkungen: Beispielweise schützt Acetylsalicylsäure Frauen besser vor einem Schlaganfall und weniger gut vor einem Herzinfarkt, bei Männern ist es genau umgekehrt.
Das alles sind bislang eher Einzelbeobachtungen. Erklären können die Wissenschaftler viele der beobachteten Unterschiede nicht. Daran, dass es sich die Wissenschaft in den vergangenen Jahren zu einfach gemacht hat, indem sie die bei Männern erhobenen Daten einfach auf Frauen übertragen hat, wird aber schon längst nicht mehr gezweifelt. Noch aber fehlt es an systematischer Forschung zu der Frage, inwieweit Frauenherzen eine andere Medizin brauchen als Männerherzen.
Andere Bedürfnisse bei der Rehabilitation
Das Thema reicht bis in die Rehabilitation nach einem Herzinfarkt hinein: Frauen nehmen eindeutig seltener an einer solchen Maßnahme teil. Das dürfte unter anderem daran liegen, dass die meisten Rehabilitationskonzepte auf jüngere, berufstätige Männer ausgerichtet sind und die speziellen Bedürfnisse von Frauen kaum berücksichtigen. Frauen aber reagieren auf den Infarkt häufiger als Männer mit einer Depression. Sie sind ängstlicher und verarbeiten ihre Erkrankung generell anders als Männer. Dementsprechend wünschen sich Frauen in aller Regel bei der Rehabilitation auch mehr psychische und soziale Unterstützung als Männer.
MMW - Fortschritte der Medizin: „Neue Formel - Frauenherzen sollten weniger rasen“; MMW-Fortschr. Med. Nr. 28-30 / 2010 (152. Jg.):1 basierend auf: Gulati M et al. Circulation 2010; DOI:10.1161/CIRCULATIOBAHA.110939249
Regitz-Zagrosek, V et al.: „Geschlechterunterschiede in der kardiovaskulären Pharmakotherapie“, Der Internist 2008; 49: 1383-1390
Weber T. et al.: Kardiologie, S. 343-387; in: Anita Rieder, Brigitte Lohff (Hrsg.), Gender Medizin - Geschlechtsspezifische Aspekte für die klinische Praxis, 2. Auflage, Springer Verlag Wien/New York 2008








