Medikamente bei Herz-Kreislauferkrankungen
Es ist mehr Konsequenz gefragt
Bei der Behandlung von Herzerkrankungen wie auch Erkrankungen, die diesen den Weg bereiten wie einem Bluthochdruck oder einem Diabetes mellitus, gibt es inzwischen gute Möglichkeiten, mit Medikamenten den weiteren Verlauf günstig zu beeinflussen. Leider werden diese Möglichkeiten im Alltag noch nicht konsequent genug genutzt.
Beim Bluthochdruck (Hypertonie), der Fettstoffwechselstörung (Dyslipidämie) und auch anderen Erkrankungen, die Herz- und Gefäßkrankheiten Vorschub leisten, haben sich verschiedene Medikamente etabliert. So haben bei der Behandlung der Hypertonie neben den altbekannten Diuretika und den Betablockern auch die sogenannten ACE-Hemmer und Angiotensin II-Antagonisten (Sartane) ihre Wirksamkeit und Sicherheit in klinischen Studien unter Beweis gestellt. Für einzelne Vertreter dieser Substanzklasse liegen sogar Daten vor, dass sie die Rate an Komplikationen des Bluthochdrucks, wie zum Beispiel Herzinfarkt und Schlaganfall deutlich senken.
Ähnlich sieht es bei der Behandlung der Dyslipidämie aus, bei der vor allem die sogenannten Statine die Therapie beherrschen. Es gibt verschiedene Wirkstoffe dieser Substanzklasse, für die ebenfalls belegt ist, dass sie die weitere Entwicklung, also die Prognose der Patienten, günstig beeinflussen.
Ebenso wurden bei der medikamentösen Behandlung des Diabetes Fortschritte gemacht. So gibt es zum einen Neuentwicklungen bei den Insulinen, die die Behandlung erleichtern. Aber nicht immer muss Insulin ersetzt werden. Es gibt auch Medikamente, welche die Insulinbildung in der Bauchspeicheldrüse ankurbeln. Die modernen Medikamente nutzen dabei genau die Mechanismen, die auch beim gesunden Menschen nach der Nahrungsaufnahme die Insulinproduktion in der Bauchspeicheldrüse ankurbeln.
Chancen der medikamentösen Therapie werden noch nicht voll genutzt
Dank solcher Weiterentwicklungen der medikamentösen Therapie können Herzerkrankungen - und vor allem, die ihre Entstehung oder ihr Fortschreiten forcierenden Begleitkrankheiten -deutlich besser als bisher behandelt werden. Leider aber mangelt es an Konsequenz bei der Therapie.
So gibt es fünf Arzneimittelgruppen, für die eindeutig bewiesen wurde, dass sie die gesundheitliche Situation nach einem Herzinfarkt eindeutig verbessern. Dazu gehören Wirkstoffe, die das Verklumpen der Blutplättchen hemmen (sogenannte Thrombozytenaggregationshemmer), wobei meist Acetylsalicylsäure (kurz ASS) in niedriger Dosierung gegeben wird. Ebenso sollte nach dem Infarkt ein Betablocker verordnet werden, ein Statin und ein Hemmstoff des Renin-Angiotensin-Systems (ACE-Hemmer oder Sartan). In bestimmten Fällen ist die Behandlung durch einen Wirkstoff zu ergänzen, der die Blutgerinnung herabsetzt (Antikoagulantien) und so die Gefahr der erneuten Bildung eines Blutgerinnsels (Thrombus) und damit eines potenziellen Gefäßverschlusses mindert. Das ist zum Beispiel wichtig, wenn ein Thrombozytenaggregationshemmer nicht vertragen wird oder wenn eine Herzrhythmusstörung wie das Vorhofflimmern besteht oder aber, wenn die Patienten ein besonders hohes Risiko für die Entwicklung einer Thrombose oder Embolie aufweisen.
Allerdings erhalten längst nicht alle Patienten, die für eine solche Behandlung infrage kommen, tatsächlich die erforderlichen Medikamente. Das hat eine aktuelle Erhebung in acht deutschen Städten ergeben. Demnach bekommen 89 Prozent der Patienten, die nach einem Herzinfarkt aus der Klinik entlassen werden, ASS, 90 Prozent einen Betablocker, 84 Prozent ein Statin, 81 Prozent einen Hemmstoff des Renin-Angiotensin-Systems und nur 70 Prozent einen Gerinnungshemmer. Nur 46 Prozent der Patienten erhalten alle fünf Wirkstoffe, obwohl gut dokumentiert ist, dass sich durch eine solche Behandlung das Sterblichkeitsrisiko der Patienten gegenüber solchen ohne medikamentöse Therapie um mehr als 70 Prozent mindern lässt.
Die aktuellen Daten zeigen, dass bei der medikamentösen Behandlung noch mehr Konsequenz gefragt ist. Das gilt insbesondere bei älteren Menschen mit Herzerkrankung, die häufiger als jüngere Patienten lediglich Medikamente erhalten, welche die Beschwerden der Herzerkrankung lindern, während jüngeren Patienten öfter Medikamente verordnet werden, die auch die Prognose günstig beeinflussen.
Therapietreu sein - verordnete Medikamente tatsächlich auch einnehmen
Konsequenz ist aber nicht nur beim Verordnen von Medikamenten bei Herzerkrankungen gefragt, sondern auch aufseiten der Patienten, die die verordneten Arzneimittel auch zuverlässig einnehmen müssen. Therapietreue oder auch Compliance nennen die Mediziner dieses Phänomen, an dem es allerdings leider oft mangelt. Das zeigen Untersuchungen beim Bluthochdruck. So wurde festgestellt, dass nur 25 Prozent der Frauen mit einem zu hohen Blutdruck und sogar nur zehn Prozent der betroffenen Männer tatsächlich die angestrebte Blutdrucksenkung erreicht. Das Nicht-Einnehmen der verordneten Tabletten ist ein wesentlicher Grund dafür, dass das angestrebte Therapieziel - und damit der so wichtige Herz- und Gefäßschutz - bei der Mehrzahl der Patienten nicht voll erreicht wird.
Vergesslichkeit ist dabei nicht der einzige Grund der mangelnden Therapietreue. Es fehlt so manchem Patienten auch an Krankheitseinsicht und dem Bewusstsein, nunmehr Arzneimittel schlucken zu müssen. So ist es Menschen, die sich gesund und leistungsfähig fühlen, wie es bei vielen Hochdruckkranken der Fall ist, schwer zu vermitteln, dass sie Medikamente brauchen, um nicht in einigen Jahren einen Herzinfarkt oder eine Herzschwäche zu entwickeln.
Bei Nebenwirkungen zum Arzt
Ein weiterer Grund für die Nicht-Einnahme verordneter Medikamente sind auftretende Nebenwirkungen. Häufig sind das Beschwerden im Bereich des Magen-Darm-Traktes wie Übelkeit oder auch Durchfall oder Symptome wie Müdigkeit, Schwindel und Abgeschlagenheit. Oft verschwinden solche Erscheinungen nach wenigen Tagen. Halten sie jedoch an, so sollte man sich mit seinem Arzt besprechen. Denn die Vielzahl der Medikamente, die gegen zu hohen Blutdruck und andere das Herz gefährdende Erkrankungen eingesetzt werden können, erlaubt fast immer das Umstellen der Behandlung auf einen anderen Wirkstoff, den der individuelle Patient dann möglicherweise weit besser verträgt.
Mit dem nötigen Augenmaß sollte man in diesem Zusammenhang mit dem Beipackzettel der jeweiligen Medikamente umgehen. Dort müssen nämlich alle Nebenwirkungen, die unter der Einnahme des jeweiligen Wirkstoffs aufgetreten sind, aufgeführt werden. Selbstverständlich bedeutet das nicht, dass alle diese Nebenwirkungen bei der Einnahme des Wirkstoffs auftreten müssen. Im Gegenteil. In aller Regel ist nur mit den als „häufig“ klassifizierten Reaktionen zu rechnen.
Wer Medikamente einnimmt, muss sich bewusst sein, dass jedes Arzneimittel Nebenwirkungen haben kann und man muss darauf achten, ob man selbst mit einer möglicherweise gravierenden Nebenwirkung reagiert. Dabei muss man sich aber auch klar machen, dass eine nicht behandelte Erkrankung in aller Regel mit weit größeren Risiken behaftet ist als die Einnahme der verordneten Medikamente. Übertriebene Sorge ist deshalb fehl am Platz. Denn horcht man nach Lesen der Informationen im Beipackzettel zu stark in sich hinein, so steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man Nebenwirkungen an sich verspüren wird - ähnlich wie es schwierig ist, nicht an einen blauen Elefanten zu denken, wenn man explizit dazu aufgefordert wird.
Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) 2010, Newsletter DGK 4/2010
„Ältere Ärzte verschreiben weniger Medikamente“, Cardio News 10/2010, 29. Oktober 2010








