
Partnerschaft
Erektionssprechstunde mit Partnerin?
Im "Süddeutschen Zeitung Magazin" berichtet ein Mann, er nehme seit langem Tabletten gegen Erektionsstörungen - doch seine Freundin, mit der er seit einem Jahr zusammen ist, wisse nichts davon. Verfechter der bedingungslosen Offenheit mögen sich darüber entrüsten. Dr. Jürgen Zumbé, Leiter der Urologischen Abteilung im Klinikum Leverkusen, sieht den Fall jedoch gelassen.
"Ich finde es nachvollziehbar, dass ein Mann Dinge wie Erektionsstörungen mit sich selbst ausmacht und wie viele Frauen sagt: 'Mein Bauch gehört mir'. Eine Körperfunktion lässt nach und er möchte auf sie nicht verzichten - also nimmt er Tabletten. Warum sollte er in allen Fällen in der Partnerschaft darüber reden müssen?" meint Zumbé. Der Urologe ist darum überzeugt, dass die Partnerin nicht unbedingt in die Erektionssprechstunde eingebunden werden muss.
Das sehen nicht alle so: Für den Psychologen Prof. Uwe Hartmann von der Medizinischen Hochschule Hannover sind Erektionsstörungen ein Problem, das meistens auch mit der Frau zusammenhängt. "Bei sexuellen Unzufriedenheiten sind oft beide Partner zugleich Opfer und Täter", schreibt Hartmann in dem Buch "Erektile Dysfunktion".
"Erektionsprobleme haben meistens auch mit der Partnerin zu tun"
So kann es z.B. sein, dass die Frau wenig sexuelles Interesse hat oder - ganz im Gegenteil - sich im Bett gegenüber ihrem Mann äußerst fordernd verhält. Beide Verhaltensweisen können Erektionsstörungen fördern. Es ist deshalb für die Diagnose hilfreich, wenn der Arzt oder Psychologe weiß, wie die Frau über die Potenzprobleme ihres Partners denkt. Die Einstellung der Frau kann sogar Auswirkungen auf die Therapie haben: So rät etwa der Hamburger Urologe Prof. Hartmut Porst Ärzten in seinem "Manual der Impotenz", sich mit der Rezeptur von Tabletten zurückzuhalten, falls der Partnerin das Sexuelle gleichgültig und sie an "der Wiederherstellung der Manneskraft" nicht interessiert ist.
Hartmann gibt allerdings zu, dass es für viele Patienten belastend ist, wenn sie im Beisein ihrer Partnerin über ihre - als Versagen empfundenen - Erektionsstörungen berichten sollen. "Darüber hinaus kann es für viele Männer eine wichtige Erfahrung sein, einen geschützten Raum 'für sich allein' zu haben, in dem sie zunächst eine vertrauensvolle Beziehung aufbauen können und ihre Sicht und ihr Erleben darstellen können", schreibt Hartmann.
"Gemeinsamer Experten-Besuch hemmt den Mann"
Der Psychotherapeut Andreas Bartz vom Institut für psychologische Schmerztherapie in Berlin ist überzeugt, dass ein gemeinsamer Experten-Besuch das Problem sogar verkompliziert. "Der Mann muss sich erst einmal über das Wirr-Warr seiner Gefühle klar werden", sagt Bartz. Sitzt aber die Frau daneben, kann er kaum in der Offenheit reden, die für die Diagnose und Therapie notwendig ist. Schließlich meinen die meisten Männer im Beisein ihrer Frau funktionieren zu müssen. Diese Einstellung verträgt sich nicht mit Offenbarungen etwa über Versagensängste. Zu einem späteren Zeitpunkt der Therapie, wenn die Kränkungsgefühle des Mannes nicht mehr so vorherrschend sind, ist gegen einen gemeinsamen Experten-Besuch allerdings nichts einzuwenden, meint Bartz.





