Eisenüberladung im Kindesalter
Jede Blutkonserve zählt- Eltern sollten den Überblick behalten
Nicht nur Erwachsene, auch Kinder können an Eisenüberladung leiden. Wird die Erkrankung nicht frühzeitig und konsequent behandelt, können Organschäden und früher Tod die Folge sein.
Das Wichtigste: Ärzte müssen an eine mögliche Eisenüberladung denken - Eltern können dabei helfenEisenüberladung bei Kindern kann heutzutage gut behandelt werden. Dazu muss die Erkrankung jedoch möglichst frühzeitig erkannt werden. Entscheidend ist es daher, bei Ärzten und Eltern von möglicherweise betroffenen Kindern ein Bewusstsein für die Erkrankung zu schaffen.Die wichtigste Ursache von Eisenüberladung sind Blutübertragungen (Bluttransfusionen). Für Frau Grosse ist es daher ein zentrales Anliegen, dass Eltern von Kindern, die Bluttransfusionen bekommen, den Überblick bewahren, wie viele Transfusionen ihr Kind insgesamt erhalten hat. Die Eisenbelastung durch Transfusionen addiert sich, selbst wenn diese in großen zeitlichen Abständen erfolgen. Denn der Körper kann Eisen, das ihm mit Blutübertragungen zugeführt wird, ohne medikamentöse Hilfe nicht wieder ausscheiden. "Die Natur hat es nicht eingerichtet, dass wir Menschen, wenn wir zuviel Eisen im Körper haben, es auch wieder loswerden. Das ist den meisten Menschen nicht bewusst", erläutert Frau Grosse.
Schon wenige Zahlen verdeutlichen den Einfluss von Blutübertragungen auf den Eisenhaushalt: "Menschen nehmen pro Tag etwa ein Milligramm Eisen mit der Nahrung auf und verlieren ein Milligramm wieder über Miniblutungen und Hautabschilferungen. Jede Blutkonserve enthält im Schnitt aber 200mg Eisen. Wenn man diese Zahlen sieht, versteht man die Größenordnungen, um die es geht", so die Kinderärztin.
Überschüssiges Eisen wird im Körper eingelagert. Nur auf zwei Wegen ist es möglich, Eisen aus dem Organismus zu entfernen: Durch Blutverluste, wie sie im Rahmen einer Aderlasstherapie künstlich hervorgerufen werden, und durch die Behandlung mit speziellen Medikamenten, sogenannten Eisenchelatoren.
Eisenüberladung verursache keine Schmerzen. Was man nicht sehe, nicht rieche und nicht spüre, werde leicht übersehen. "Und wenn man Symptome spürt, dann ist es eigentlich schon zu spät", so Frau Grosse. Gerade wenn Kinder eine Chemotherapie und Bluttransfusionen erhielten, stünde naturgemäß zunächst die unmittelbar lebensbedrohliche Krebserkrankung im Vordergrund. Dabei gerate leicht aus dem Blick, wie viele Blutkonserven ein Kind erhalten habe. Da Werte zum Eisenstoffwechsel nicht zu den Routineuntersuchungen gehörten und Eisenüberladung erst in weit fortgeschrittenen Stadien Symptome verursache, gerate die mögliche Gefährdung leicht aus dem Blick.
Führen Sie Buch
Der wichtigste Schritt zur Verhinderung von Eisenüberladung sei es, Bewusstsein für das Problem zu schaffen. Dazu könnten Eltern einen entscheidenden Beitrag leisten, indem sie über die Anzahl der Blutübertragungen Buch führten. Sie könnten die behandelnden Ärzte dann darauf ansprechen, ob die Gefahr einer Eisenüberladung bestehen könnte. Dafür sei eine möglichst vollständige Buchhaltung über die Anzahl der Bluttransfusionen, z.B. in Form eines Transfusionsausweises wichtig. In dem Ausweis oder einem entsprechenden Dokument sollten Eltern jede vorgenommene Blutübertragung vermerken lassen.
Welche Folgen hat eine Eisenüberladung?
Überschüssiges Eisen wird zunächst in der Leber gespeichert. Wird die Speicherfähigkeit des Organs überschritten, lagert sich Eisen in den hormonproduzierenden Drüsen ab. Dazu gehören unter anderem die Eierstöcke, die Hoden, die Schilddrüse, die Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) und die Bauchspeicheldrüse (Pankreas). Bei Kindern - und Erwachsenen - führt das abgelagerte Eisen zur Schädigung der Drüsen. Die Folgen können z.B. Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus), Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose), Wachstumsverminderung und ein verzögertes Einsetzen der Pubertät sein.
Entsteht aufgrund einer Schädigung der Hirnanhangsdrüse ein Mangel an Wachstumshormon, kann ein vermindertes Wachstum der Kinder resultieren. Außerdem kann die Pubertät verspätet einsetzen oder ganz ausbleiben. In schweren Fällen, etwa bei langjähriger Transfusionsbehandlung, lagert sich überschüssiges Eisen schließlich auch im Herz ab. Ein solcher Verlauf sei besonders problematisch, so Frau Grosse, da Eisen aus dem Herz sehr viel schwieriger wieder herauszulösen sei als etwa aus der Leber. Es sollte deshalb möglichst verhindert werden, dass sich Eisen überhaupt erst im Herzen ablagere.
"Eisen im Herzen führt zu Rhythmusstörungen und später zu einer bestimmten Art von Herzschwäche, einer Schädigung des Herzmuskels, die Kardiomyopathie genannt wird." Diese verkürze die Lebenserwartung erheblich. "Wenn man nichts dagegen tut, sterben die Patienten an der Herzerkrankung" - oft schon mit Anfang dreißig.
Interview mit Frau Regine Grosse vom 10. September 2008
Eisenüberladung im Kindesalter: Leben-mit-Transfusionen sprach mit Frau Regine Grosse, Kinderärztin in der Kinder hämatologischen Ambulanz des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) und Mitglied des Expertenrats von www.Leben-mit-Tranfusionen.de, über den aktuellen Kenntnisstand zur Eisenüberladung im Kindesalter.


