Gleichgewichtsprüfung

Bei der Gleichgewichtsprüfung werden mehrere Tests kombiniertn, mit denen der Arzt die Funktionsfähigkeit des Gleichgewichtsorgans überprüft. Damit kann er der Ursache von Schwindel auf den Grund gehen.

Gleichgewichtsprüfung
Karussell im Kopf? Die Gleichgewichtsprüfung ist eine wichtige Untersuchungsmethode, wenn es darum geht, die Ursache für Schwindel aufzudecken.
Getty Images/Ingram Publishing

Mithilfe der Gleichgewichtsprüfung lässt sich feststellen, ob das Gleichgewichtsorgan, auch als Vestibularapparat bezeichnet, erkrankt ist. Sie wird vor allem bei Schwindel oder Gleichgewichtsstörungen angewandt und zeigt dem Arzt, ob eine mangelhafte Funktion des Gleichgewichtsorgans als Auslöser für die Beschwerden in Frage kommt.

Gleichgewichtszentrale liegt im Innenohr

Das Gleichgewichtsorgan ist im Innenohr angesiedelt und sorgt dafür, dass wir nicht aus dem Gleichgewicht kommen und uns räumlich orientieren können. Die Hohlräume des Gleichgewichtorgans sind mit Flüssigkeit gefüllt, die sich bei Veränderung der Kopf- oder Körperlage bewegt. Spezielle Sinneszellen reagieren auf diese Bewegung und leiten die empfangenen Reize an den Gleichgewichtsnerv weiter. Von dort werden sie an das Gehirn weitergegeben und verarbeitet.

Störungen in diesem System, sei es im Gleichgewichtsorgan selbst oder den Bereichen des Gehirns, in denen die vom Gleichgewichtsorgan empfangenen Reize verarbeitet  werden, machen sich als Schwindel bemerkbar, ein sehr häufiges Beschwerdebild: Jeder zehnte Patient einer Allgemeinarztpraxis kommt wegen Schwindel zum Arzt.

Wie Schwindel entsteht

Hinter Schwindel können verschiedene Erkrankungen stecken, beispielsweise Ohrentzündungen, Stoffwechselstörungen im Innenohr wie die Menière-Krankheit, Durchblutungsstörungen im Gleichgewichtsorgan oder Gehirn, Verletzungen und Tumore. Hier ist an erster Stelle das Akustikusneurinom zu nennen. Als Vorbote einer Migräneattacke kann Schwindel ebenfalls auftreten. Auch eine Multiple Sklerose kann sich durch Schwindel ankündigen. Die Gleichgewichtsprüfung hilft dem Arzt, die Ursachen der Beschwerden zu lokalisieren und einzugrenzen.

Vorbereitung und Ablauf der Gleichgewichtsprüfung

Bevor der Arzt mit den unterschiedlichen Testverfahren beginnt, die zu einer Gleichgewichtsprüfung gehören, wird er zunächst im Gespräch mit dem Patienten klären, unter welcher Form von Schwindelbeschwerden er leidet, was die Schwindelattacken auslöst, ob und welche Begleiterscheinungen dabei auftreten, wie lange die Schwindelanfälle anhalten und wie sie verlaufen. Dieses mündliche Abfragen wird auch als Schwindelanamnese bezeichnet und liefert dem Arzt erste Hinweise auf die Beschwerdeursache.

Verschieden Tests prüfen Koordinationsfähigkeit

Es folgt in der Regel eine Überprüfung der Koordinationsleistungen mithilfe verschiedener Tests:

  • Beim Romberg-Versuch wird die Standsicherheit überprüft: Man mit zunächst geöffneten Augen und zusammengestellten Füßen da und schließt dann auf Anweisung des Arztes die Augen. Der Arzt beobachtet während bis zu drei Minuten, ob Schwankungen oder ein Fallneigung zu einer Seite hin auftreten.
  • Beim Tretversuch nach Unterberger tritt der Untersuchte ein bis drei Minuten lang mit geschlossenen Augen auf der Stelle. Der Arzt überprüft dabei, ob und wie stark der Patient von seiner Ursprungsposition abweicht.
  • Bei der Prüfung der Gangabweichung folgt der Untersuchte mit geschlossenen Augen einer Linie, die er sich gedanklich vorstellt.
  • Um Koordination geht es auch beim Zeigetest, für den es verschiedene Möglichkeiten gibt. Beim Baranyschen Zeigetest versucht der Patient, mit dem Zeigefinger ein anvisiertes Ziel zu treffen, zum Beispiel den ausgestreckten Finger des Arztes.

Was ist eine Nystagmus-Prüfung?

Zur Überprüfung des Gleichgewichtsorgans selbst dient die Nystagmus-Prüfung. Unter Nystagmus sind nicht steuerbare, ruckartige Augenbewegung zu verstehen, die zum Beispiel entstehen, wenn man aus dem fahrenden Auto oder Zug sieht und Gegenstände fixiert. Das Auge folgt diesen langsam und bewegt sich ruckartig wieder zurück. Ein Nystagmus tritt meist auch bei Schwindel auf.

Frenzelbrille macht Nystagmus besser sichtbar

Bei der Nystagmus-Prüfung wird das Gleichgewichtsorgan verschiedenen Reizungen ausgesetzt und die ruckartigen Augenbewegungen vor und nach der Reizung gemessen. Dazu gibt es verschiedene mögliche Mess- und Aufzeichnungsmethoden und Reizverfahren.

Oft wird dabei mit einer Frenzelbrille gearbeitet, eine rundum geschlossene Brille mit dicken Gläsern, die von unten beleuchtet wird. Dadurch wird einerseits ein klares Sehen und das Fixieren auf einen Punkt für den Untersuchten unmöglich, während Beleuchtung und Lupenvergrößerung  dem Arzt erlauben, die Augenbewegungen des Patienten gut zu erkennen und zu beurteilen.

Infrarotkamera deckt auch leichte Nystagmen auf

Schließlich gibt es als Aufzeichnungsverfahren noch die sogenannte Videonystagmographie. Dabei wird dem Patienten eine Maske mit integrierter Infrarot-Kamera aufgesetzt, die alle Pupillenbewegungen des rechten oder linken Auges festhält. In Combination mit einem Computer ist dieses Verfahren in der Lage, auch leichte Nystagnmen aufzuzeichnen.

Unabhängig von der gewählten Methode der Nystagmus-Prüfung wird nun zunächst untersucht, ob ohne eine Reizung des Gleichgewichtssinns ein Nystagmus zu beobachten ist. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von der Registrierung des Spontannystagmus. Dann folgt der Blickfolgetest, bei dem der Patient einer langsamen Bewegung mit den Augen folgt. Der Arzt überprüft dabei, ob ruckartige Nachholbewegungen, so genannte Skadden auftreten.

Augenbewegungen mit Elektronystagmographie tracken

Die Augenbewegungen können aber auch elektrisch aufgezeichnet werden. Das Verfahren wird als Elektronystagmographie (ENG) bezeichnet. Dabei werden Elektroden rechts und links direkt neben dem Auge aufgeklebt. Diese messen die Spannungsveränderungen, die bei jeder Augenbewegung entstehen, und leiten sie an das Elektronystagmographiegerät weiter, dass diese Veränderungen in zackigen Kurven ähnlich einem EKG abbildet.

Reize für das Gleichgewichtsorgan

Schließlich werden die Nystagmen nach unterschiedlichen Reizungen gemessen.

  • Optokinetische Reizung: Der Untersuchte darf selbst den Kopf nicht bewegen, während ein Streifenmuster, das möglichst das gesamte Gesichtsfeld ausfüllt, nach links und nach rechts bewegt wird. Dadurch werden Nystagmen ausgelöst, die gemessen werden.
  • Kalorische oder thermische Reizung: Die äußeren Gehörgänge werden einzeln mit kühlem und warmen Wasser gespült. Die Temperaturveränderungen bewirken eine Bewegung der Flüssigkeit im Gleichgewichtsorgan, die wiederum Nystagmen auslöst.
  • Rotatorische Reizung, auch Drehstuhltest: Dabei sitzt der Untersuchte auf einem Drehstuhl, der für eine bestimmte Zeitspanne, zum Beispiel 20 Sekunden, in eine Richtung gedreht wird. Die dabei auftretenden Nystagmen werden gemessen, bevor der Stuhl für die gleiche Zeit in die andere Richtung gedreht wird. Auch die so ausgelösten Nystagmen werden gemessen und mit der Ergebnissen nach dem ersten Drehversuch verglichen.
  • Bei der Lage- und Lagerungsprobe wird versucht, durch wechselnde Kopf- und Körperpositionen Nystagmen auszulösen.

Akustisch Evozierte Potentiale Teil der Gleichgewichtsprüfung

Ein weiteres gängiges Verfahren im Rahmen einer Gleichgewichtsprüfung ist das Akustisch Evozierte Potentiale (AEP). Mittels Elektroden, die wie bei einer Elektro-Enzephalografie (EEG) an bestimmten Kopfstellen angebracht sind, werden Geschwindigkeit und Stärke der elektrischen Impulse gemessen, die durch akustische Reize ausgelöst wurden. Diese bestehen aus festgelegten, messbaren Tönen, mit denen der Untersuchte meist über Kopfhörer konfrontiert wird.

Die Gleichgewichtsprüfung ist für den Patienten ohne Risiko. Allerdings können einzelne Untersuchungen wie zum Beispiel die Kalorische oder rotatorische Reizung Schwindel und Übelkeit hervorrufen.

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Letzte Aktualisierung: 19. Januar 2016

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