trauernde_frau

Trauer

Abschiednehmen braucht Zeit und keine Behandlung

Oft wird Trauer mit Depression gleichgesetzt. Ein fataler Irrtum, denn Trauern erfüllt eine wichtige Funktion zur Überwindung eines schmerzhaften Abschieds. Eine Depression hingegen ist eine schwerwiegende Krankheit, die behandelt werden muss.

„Unter allen Leidenschaften der Seele bringt die Trauer am meisten Schaden für den Leib." Was Thomas von Aquin, bedeutender Theologe und Philosoph des Mittelalters, über diesen leidvollen Zustand zu berichten wusste, traf damals und trifft heute zu: Die Trauer zählt zu den schmerzlichsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann.

Die Psychologie behandelt aber die Trauer nicht als Krankheit oder gar als Depression. Im Gegenteil: Trauer ist die normale Reaktion auf einen schweren Verlust oder ein Unglück. Nur eine bewusste Trauerarbeit und das Zulassen von Trauer helfen letztendlich, den Schicksalsschlag zu verarbeiten. Wird die Trauer in ihrer natürlichen und durchaus sinnvollen Funktion unterdrückt, muss langfristig mit dem Auftreten von seelischen, psychosozialen oder körperlichen Störungen gerechnet werden.

Anzeige

Vom Umgang mit der Trauer und dem Trauernden

Trauernde stechen aus der heutigen Schnelllebigkeit heraus wie Fremdkörper. Nicht selten verlieren Freunde oder Angehörige ihre Geduld mit dem Betroffenen, wenn dessen Trauerzustand einen für angemessen gehaltenen Zeitraum überschreitet.

Andere fühlen sich mit der Trauerbegleitung schlichtweg überfordert. Sie möchten dem Trauernden zwar zur Seite stehen, haben aber nicht das Gefühl, ihre Worte oder Gesten könnten ausreichend Trost spenden. In diesem Zusammenhang ist es für Freunde und Bekannte hilfreich zu wissen, dass der Trauernde erst mehrere Phasen der Trauer durchschreiten muss, ehe es zur Genesung kommen kann.

Die vier Phasen der Trauer

In Phase 1 will der Betroffene den Verlust oder Schicksalsschlag nicht wahrhaben und fühlt sich wie erstarrt.

Phase 2 ist gekennzeichnet von heftigen Gefühlsausbrüchen, z.B. Zorn, Schmerz, Schuldgefühlen, der Suche nach einem Schuldigen oder Angst. Alkohol, Nikotin oder Tabletten sollen dann der Heftigkeit dieser schmerzhaften emotionalen Achterbahn Einhalt gewähren. Es können Schlafstörungen auftreten, die Anfälligkeit für Infektionskrankheiten steigt, ebenso die Unfallgefahr.

In Phase 3 drehen sich die Gedanken des Trauernden hartnäckig um den erlittenen Schicksalsschlag. Die Person sucht den Rückzug aus dem Alltag, um sich ganz dem eigenen Leid widmen zu können. Dabei kommt es häufig zu Verklärung der Vergangenheit. Doch die Realität holt den Trauernden ein und wird langsam akzeptiert.

In Phase 4 öffnet sich der Trauernde wieder der Welt, und geht mit ungewohnter Offenheit auf neue Menschen und Situationen zu. Trotzdem ist diese Phase von Widersprüchen geprägt. Auf der einen Seite soll das Leben nun intensiver und offener gestaltet werden. Andererseits plagen den Trauernden Ängste vor erneuten Enttäuschungen und den damit verbundenen Trauerzuständen.

Akzeptanz der Trauerphase und Abstand von maßregelnder Begleitung

Die Dauer der Trauerphase ist so individuell wie der trauernde Mensch selbst. Niemand kann vorhersagen, wie lange die Trauerbewältigung dauert. Der Schmerz stellt sich häufig erst Monate später nach dem dramatischen Erlebnis ein. Ebenso können die einzelnen Trauerphasen immer wieder aufbrechen, wenn sie dann auch kürzer andauern. Bei plötzlichem oder gewaltsamem Tod beispielsweise, dauert die Schockphase der Hinterbliebenen meist länger als üblich. Auf jeden Fall ist es wichtig, einen emotionalen Sicherheitsabstand zum Trauernden zu wahren. Das bedeutet: Mitgefühl zeigen, sich aber nicht von dem Trauerzustand einnehmen lassen.

Ratschläge wie „Gönnen Sie sich doch mal wieder was Gutes!" oder „Das wird schon wieder", sollten unterlassen werden. Dem Trauernden die Trauer ausreden zu wollen, hemmt den Genesungsprozess und dient meist nur der eigenen Entlastung. Trauernde sollten nicht unter dem Druck stehen, möglichst schnell wieder „auf die Beine kommen" zu müssen.

Und wie in vielen anderen Lebensbereichen gilt auch in der Unterstützung der Trauernden: Taten sagen mehr als große Worte. Durch kleine Aufmerksamkeiten wie Postkarten, regelmäßige Anrufe oder Besuche signalisieren sie Verbundenheit. Stellen Sie klar, dass es nicht Ihre Absicht ist, den Trauerprozess durch irgendeine Art von Einflussnahme beschleunigen zu wollen. Ebenso sind Trauernde für die stumme Zuwendung oder bloße Anwesenheit einer Vertrauensperson dankbar. Auch Ratgeberbücher zu diesem Thema oder der Kontakt zu Menschen mit Trauererfahrung wirken unterstützend im Trauerprozess.

Wenn die Trauer in eine Depression umschlägt

Die Trauer ist – wie schon erwähnt – keine Krankheit, sondern sinnvoll und benötigt eine intensive Trauerarbeit. Von einer medikamentösen Behandlung sollte daher abgesehen werden. Wirken Medikamente (z.B. Schlafmittel) anfänglich, das heißt direkt nach dem Verlusterlebnis, noch unterstützend, hemmen sie auf längere Sicht die Genesung. Sie sollten deshalb nur kurzfristig und bei Bedarf verabreicht werden. Immer empfehlenswert sind Pflanzenheilmittel wie Johanniskraut, Baldrian, Hopfen und Melisse. Sie erleichtern den Trauerzustand auf natürliche Weise, ohne dabei die Trauerarbeit zu verhindern.

Wenn über längere Zeit keine nennenswerten Veränderungen im emotionalen Zustand des Trauernden erkennbar sind, kann die Trauer in eine Depression umgeschlagen sein. Weitere Kennzeichen einer Depression sind starke Minderwertigkeitsgefühle oder zunehmend Suizidgedanken. In diesem Fall ist es wichtig, einen Arzt zu Rate zu ziehen. Die Depression ist aber kein Symptom der Trauer.


Autor: Springer Medizin
Stand: Mar 12, 2009


Sie lesen gerade:

Abschiednehmen braucht Zeit und keine Behandlung

Seite empfehlen:
A A A
Anzeige
Springer Ratgeber Gesundheit

Gesund werden und bleiben

Ratgeber Pharmazie und Gesundheit 2010

logo_springer_footer_neu

Selbsttest Depression

Sind Sie depressiv?

Sie fühlen sich müde, antriebslos und niedergeschlagen? Der Selbsttest sagt Ihnen, ob sich dahinter mehr als eine schlechte Stimmung verbirgt.

Selbsttest Depression

Ärzte Zeitung - DIE Tageszeitung für die Praxis

Täglich Neue Forschungsergebnisse zum Thema Depression: Vorbeugen, Erkennen, Behandeln.
www.aerztezeitung.de

Umfrage: Gesundheit im Internet

frau_laptop_computer_6051832

Wo geht die Reise hin?

Welche medizinischen Dienste sind für Sie im Internet besonders wichtig? Welches Vertrauen haben Sie in die Onlineangebote? Welche Services möchten Sie noch stärker nutzen?
Diese und weitere Fragen soll jetzt eine wissenschaftliche Studie klären.

Nehmen Sie an der Studie teil!

Lexikon

buch_lexikon_wissen_ratgeber

Wissen von A-Z

Kompaktes Wissen zu über 180 verschiedenen Erkrankungen - im Krankheitenlexikon.

weiter