Hormone und soziales Umfeld
Depressionen bei Frauen können multifaktorielle Ursachen haben
Frauen erkranken mehr als doppelt so häufig an einer Depression als Männer. Das hat verschiedene Ursachen. Psychosoziale Faktoren gehören ebenso dazu wie hormonelle Gründe. Fest steht: Die Depression ist keine typisch weibliche Krankheit, aber sie wird bei Frauen wesentlich öfter erkannt.
Morgens schnell das Kind fertig machen und zum Kindergarten bringen, auf dem Weg zur Arbeit den Einkaufszettel für den Nachmittag durchgehen und pünktlich zum Arbeitsbeginn klingelt auch schon zum ersten Mal das Telefon. Viele Frauen füllen heutzutage eine Doppelrolle in Familie und Beruf aus, die ein Teil von ihnen überfordert. Dies ist einer der Gründe, warum insbesondere Frauen unter Depressionen leiden. Hinzu kommt die Tatsache, dass sie ihr Leben lang mit mehr oder weniger starken Hormonumstellungen zutun haben.
Frauen sind anders krank
Im Vergleich zu Männern erkranken Frauen mehr als doppelt so häufig an Depressionen. Dies hat sowohl psychosoziale Ursachen, als auch durchaus biologische Gründe. Eine weitere Erklärung für den Unterschied zwischen den Geschlechtern liegt im Umgang mit depressiven Verstimmungen. Frauen gehen schneller zum Arzt und äußern sich konkret über ihr psychisches Wohlbefinden. So wird bei ihnen auch wesentlich öfter eine Depression diagnostiziert. Männer hingegen reagieren auf depressive Verstimmungen eher mit Rückzug und kompensieren ihre Probleme beispielsweise durch starken Alkoholkonsum oder erhöhte Aggressivität. Aus diesem Grund werden Männer öfter wegen Alkoholproblemen oder Persönlichkeitsstörungen behandelt. Eine Depression kommt bei ihnen meist nicht zur Sprache. Die Tatsache, dass aber mehr als doppelt so viele Männer wie Frauen durch Suizid sterben, macht die Folgen einer unbehandelten Depression deutlich.
Psychosoziale Faktoren spielen eine große Rolle
In erster Linie gehören Faktoren, die im sozialen Umfeld liegen, zu den Hauptauslösern von Depressionen bei Frauen. Dies sind z.B.:
- Ein Erziehungsstil, der Mädchen zur Zurückhaltung anhält, der ihnen keine angemessenen Reaktionen auf Überforderung ("rauslassen" statt "in sich hineinfressen") zugesteht und der es ihnen als Erwachsene nicht ermöglicht, mit Selbstvertrauen durchs Leben zu gehen
- Körperlicher und sexueller Missbrauch
- Verzicht auf die eigene Gefühlswelt und auf soziale Kontakte zugunsten der Familie
- Gestörtes Familienverhältnis/gestörte Partnerschaft, insbesondere wenn eine starke Abhängigkeit von Ehemann und Kindern besteht
- Veränderte gesellschaftliche Rolle der Frau: Mehrfachbelastung durch Beruf und Familie und dadurch körperlicher und seelischer Stress
Durch das komplizierte Zusammenspiel der einzelnen Faktoren sind die Gründe einer Depression von Frau zu Frau sehr verschieden. Zudem spielen auch Hormone eine große Rolle.
Im Griff der Hormone
Nahezu ihr ganzes Leben haben Frauen mit Hormonschwankungen zutun. Der monatliche Zyklus, die Zeit nach einer Geburt und die Wechseljahre sind mit Schwankungen, insbesondere des Östrogens und Progesterons, verbunden. Nun ist mittlerweile bekannt, dass immer dann Depressionen häufiger auftreten, wenn die Konzentrationen dieser Hormone im Blut niedrig bis sehr niedrig sind. Zu diesen Phasen gehören:
- Die letzten zehn Tage vor der Menstruation (Prämenstruum): Bis zu 70% aller Frauen leiden kurzfristig unter einem Prämenstruellen Syndrom unterschiedlicher Ausprägung.
- Das Wochenbett (Puerperium): Bis zu 14% der Frauen leiden nach einer Geburt unter einer Wochenbettdepression.
- Das Klimakterium: Echte Depressionen entwickeln etwa 15% aller Frauen in den Wechseljahren. Etwa jede dritte Frau leidet an leichteren depressiven Symptomen.
Obwohl der genaue Mechanismus noch nicht vollständig verstanden ist, wirken speziell die Östrogene antidepressiv, während Progesteron angstlösend, antiaggressiv und beruhigend wirkt. Immer dann, wenn die Hormonkonzentrationen abfallen, steigt das Risiko für depressive Störungen und Erkrankungen. Auch die Verschiebung des Gleichgewichts zwischen diesen beiden Hormonen kann bei entsprechend genetisch veranlagten Frauen zu einer depressiven Verstimmung oder Erkrankung führen. Dennoch gilt als erwiesen, dass Hormonschwankungen nur eine von vielen Ursachen für die Ausprägung einer Depression sind und immer auch das Zusammenspiel mit psychosozialen Faktoren beachtet werden muss.


