Pillen, Tabletten

Psychopharmaka

Tabletten für die Seele

Psychopharmaka gehören zur Standardtherapie bei psychischen Erkrankungen. Und doch ranken sich negative Vorurteile um die Tabletten für die Seele.

Keine andere Medikamentengruppe wird so kontrovers und emotional diskutiert wie Psychopharmaka, obwohl diese das Mittel der ersten Wahl bei vielen seelischen Erkrankungen sind. Erst im Januar 2008 hat eine Studie der Techniker Krankenkasse (TK) ergeben, dass fast zehn Prozente der Medikamente, die Studenten bei Konzentrationsmängeln und Schlafstörungen verschrieben werden, zu den Psychopharmaka zählten. Mehr als drei Prozent der 30- bis 34jährigen Studenten bekommen Medikamente gegen Depressionen verordnet.

Auch die DAK weiß zu berichten, dass die Tabletten für die Seele bei zahlreichen psychischen Erkrankungen verstärkt zum Einsatz kommen. Allein in den ersten zehn Monaten des letzten Jahres wurden DAK-Versicherten entsprechende Medikamente im Wert von über 137 Millionen Euro verordnet. Und doch fürchten sich viele Patienten vor Nebenwirkungen wie Abhängigkeit oder einer Veränderung der Persönlichkeit.

Ein kleiner Rückblick

Lange galten Menschen mit seelischen Erkrankungen wie Angststörungen und Depressionen als schwer therapierbar. Häufig mussten sie langjährige stationäre Behandlungen und drastische Therapien wie Elektroschocks über sich ergehen lassen. Schwere Nebenwirkungen wie Persönlichkeitsveränderungen oder Behinderungen waren keine Seltenheit.

1950 gelang es Forschern erstmals, ein Medikament für Schizophrenie zu entwickeln. Schnell folgten weitere Medikamente, die bei Erregungszuständen und Depressionen eingesetzt werden konnten. Plötzlich konnten Menschen, die gerade noch als hoffnungslose Fälle in psychiatrischen Einrichtungen verwahrt wurden, ein relativ normales Leben führen. Entsprechend groß war die Euphorie, doch schon bald wurden erste kritische Stimmen laut. Die meisten der damals verordneten Psychopharmaka hatten starke Nebenwirkungen, und obwohl bei modernen Präparaten viele der unerwünschten Begleiterscheinungen ausgeräumt werden konnten, bleibt bei vielen Patienten ein Rest Unsicherheit.

Grundsanierung im Gehirn

Psychopharmaka wirken direkt im Gehirn, nämlich an den dicken Enden der Nervenzellen, den sogenannten Synapsen. Diese enthalten Bläschen mit Botenstoffen, die der Kommunikation zwischen Zellen dienen. Bei vielen psychischen Erkrankungen ist die Weiterleitung dieser Botenstoffe gestört. Psychopharmaka helfen dabei, sie wieder zu normalisieren.

Die Medikamente können auf diesem Weg zwar nicht die Ursachen der Erkrankung beseitigen, sie können jedoch die zum Teil sehr quälenden Symptome lindern. Auf diesem Wege können sie die Lebensqualität der Patienten verbessern und ihnen dabei helfen, einen möglichst normalen Alltag zu leben. Dennoch sollten Nutzen und Risiken aufgrund der möglichen Nebenwirkungen gründlich abgewogen werden.

Nicht ohne Nebenwirkungen

Das Spektrum der Nebenwirkungen ist nicht zuletzt deswegen so groß, weil sich Psychopharmaka in unterschiedliche Obergruppen mit speziellem Wirkungsspektrum einteilen lassen. So unterscheiden sich die unerwünschten Nebenwirkungen zwischen Medikamentengruppen wie Antidepressiva, Neuroleptika und Tranquilizern sehr stark, doch auch innerhalb der Gruppen sind große Unterschiede möglich. Nebenwirkungen können dabei von harmlosen Symptomen wie Mundtrockenheit und Müdigkeit bis hin zu schwerwiegenden Folgen wie Herz-Kreislaufproblemen reichen.

Mit einigen Vorurteilen kann man jedoch bedenkenlos aufräumen. So nehmen Psychopharmaka laut Experten keinen Einfluss auf den Charakter und die Persönlichkeit der Betroffenen. Auch die Angst vor Abhängigkeit ist in den meisten Fällen unbegründet. Eine Ausnahme bilden Benzodiazepine aus der Gruppe der Tranquilizer, die schon nach wenigen Tagen körperlich und psychisch abhängig machen können. Bei allen anderen Psychopharmaka sind keine Begleiterscheinungen beim Absetzen zu erwarten, wenn die Dosis zum Ende der Therapie hin langsam reduziert wird.

Psychopharmaka als Hilfestellung

Generell gilt, dass Psychopharmaka Betroffenen ein großes Maß an Lebensqualität schenken können und ihnen dabei helfen, akute Situationen in den Griff zu bekommen. Dennoch sollten sie nicht die einzige Therapieform sein. Mindestens genauso wichtig ist eine begleitende psychotherapeutische Behandlung, um die Patienten dauerhaft zu stabilisieren und ihnen dabei zu helfen, mit schwierigen Situationen im Alltag besser umzugehen. Auch Alternativen wie Sport und Bewegung finden als begleitende Maßnahmen immer mehr Beachtung.


Quelle: Nach Informationen der DAK und der Techniker Krankenkasse (TK)
Autor: Sibylle Fünfstück
Stand: Jul 30, 2008


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