Depression und Schmerzen
Schmerz lass nach!
Depressionen und Schmerzen sind eng miteinander verknüpft. Knapp zwei Drittel aller depressiven Patienten leiden nicht nur unter seelischen, sondern auch unter körperlichen Schmerzen. Die Interaktion zwischen psychischen und somatischen Erkrankungen steht daher im Mittelpunkt des diesjährigen Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde in Berlin.
Der Kopf tut weh, der Nacken ist verspannt und auch der Rücken schmerzt. Hinter solchen Symptomen kann sich eine depressive Erkrankung verstecken. Experten sprechen auch von einer maskierten Depression. Tatsächlich suchen drei von vier depressiven Patienten ihren Hausarzt zunächst wegen körperlicher Symptome auf. Erst im Verlauf der Behandlung, wenn keine Besserung einsetzt, wird die Diagnose Depression in Betracht gezogen. Umgekehrt ist es so, dass nahezu zwei Drittel aller Patienten mit Depressionen auch tatsächlich unter andauernden Schmerzen leiden. Während das seelische Leid gelindert werden kann, bleiben die körperlichen Symptome oftmals unberücksichtigt.
Depressionen und Schmerzen gehören zusammen
Insbesondere Männer suchen den Arzt eher aufgrund körperlicher Symptome auf eine bekannte Tatsache. Relativ neu ist die Erkenntnis, dass Depressionen an sich auch Schmerzen auslösen können. Der neurobiologische Zusammenhang besteht im Ungleichgewicht der Neurotransmitter Serotonin und Noradrenalin, die bei der Entstehung sowohl von Depressionen als auch von Schmerz eine wesentliche Rolle spielen.
Damit wir nicht auf jede kleinste Berührung mit Schmerzen reagieren, hat unser Organismus im Laufe der Evolution eine sehr effektive Schmerzhemmung hervorgebracht. Dabei hemmen vermutlich die Neurotransmitter Serotonin und Noradrenalin auf der Ebene des Rückenmarkes die Schmerzweiterleitung ins Gehirn. Liegt nun ein Ungleichgewicht dieser beiden Botenstoffe vor, wird jeder Reiz ungefiltert an das Gehirn weitergeleitet und der Betroffene nimmt kleinste Signale als Schmerzen wahr.
Schmerzen beeinträchtigen den Alltag zusätzlich
Im Alltag sind depressive Patienten mit Schmerzen einer zweifachen Belastung ausgesetzt. Im Vergleich zu schmerzlosen Patienten können sie an mehr als doppelt so vielen Tagen nur eingeschränkt am Alltagsleben teilnehmen. Und sie verbringen viermal so viele Tage im Bett. Aber auch der Gang zur Arbeit wird häufig zusätzlich erschwert. Während Patienten mit Depressionen durchschnittlich vier Tage im Monat nicht arbeitsfähig sind, liegt dieselbe Zahl bei Patienten mit zusätzlichen Schmerzen bei neun verlorenen Arbeitstagen. Darunter leiden auch wertvolle soziale Kontakte, die einem depressiven Menschen helfen, wieder gesund zu werden.
Schmerzen erhöhen Rückfallraten
Experten wie Prof. Dr. Max Schmauß, ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Augsburg, gehen davon aus, dass depressive Patienten, die auch unter körperlichen Schmerzen leiden, ein dreimal so hohes Risiko haben, einen Rückfall zu erleiden. Das bedeutet, dass fast 75 Prozent aller Patienten, deren Depression erfolgreich behandelt werden konnte, die aber weiterhin unter körperlichen Schmerzen leiden, eine weitere depressive Phase durchleben. Daher sei es wichtig, sowohl die seelischen als auch die körperlichen Symptome zeitgleich zu behandeln.
Dual wirksame Antidepressiva können helfen
Dual wirksame Antidepressiva regulieren sowohl den Serotonin- als auch den Noradrenalin-Haushalt und wirken damit auf beide, für die Entstehung einer Depression verantwortlichen, Botenstoffe. Ein zunehmendes Gleichgewicht der Botenstoffe auch auf der Ebene des Rückenmarkes stellt damit auch die natürliche Schmerzhemmung wieder her.
Dual wirkende Antidepressiva der ersten Generation, so genannte trizyklische Antidepressiva, hatten oftmals große Nebenwirkungen. Sie wirkten zu unspezifisch und beeinflussten neben Serotonin und Noradrenalin viele weitere Botenstoffe, die nichts mit der Depression zu tun hatten. Heute gibt es bereits die dritte Generation der dual wirkenden Antidepressiva. Sie wirken nahezu ausschließlich (selektiv) auf die beiden relevanten Botenstoffe und sind damit viel verträglicher als ihre Vorgänger.


