Wirkungsvolle Prävention

Das Demenz-Risiko sinkt, die Zahlen aber steigen!

Während die Wahrscheinlichkeit sinkt, eine Demenz zu entwickeln, steigen zugleich die Erkrankungszahlen. Wie das zusammenpasst, haben schwedische Forscher nun herausgefunden.

demenz
Demenz verändert die Persönlichkeit. Die gute Nachricht: Das Erkrankungsrisiko sinkt dank besserer Gefäßvorsorge.
Thinkstock

Seit 1987 läuft die Studie des Karolinska-Instituts und der Uni Stockholm, und sie dauert immer noch an. Ein Ergebnis der „SNAC-K“-Untersuchung steht aber schon fest: Das Demenzrisiko der Bevölkerung sinkt, zumindest in der schwedischen Hauptstadt. Gut 3.000 Personen aus dem Stadtteil Kungsholmen nahmen an der Studie teil. Sie alle waren über 75 Jahre alt, 523 von ihnen litten an einer Form von Demenz.

Über den gesamten Studienzeitraum blieb der Anteil der Demenzkranken dabei stabil, obwohl sich zwischenzeitlich die Überlebensrate der Patienten erhöhte. Das bedeutet, dass das Risiko, an Demenz zu erkranken, gesunken war – andernfalls hätten sich die Fallzahlen erhöhen müssen.

Zahl der Demenzpatienten klettert mit der Lebenserwartung

Den schwedischen Forschern um Chengxuan Qiu zufolge liegt das vor allem an der besseren Prävention von Herz- und Gefäßkrankheiten. Die nämlich „sind ein bedeutender Risikofaktor für eine Demenz“, wie Qiu sagt. Er ist Professor am Zentrum für Altersforschung, welches das Karolinska-Institut und die Uni Stockholm gemeinsam aufgebaut haben. „Die Vorsorge-Untersuchungen zur Vorbeugung kardiovaskulärer Krankheiten sind in Schweden signifikant besser geworden“, sagt er – „jetzt ernten wir die Früchte in Form eines gesunkenen Demenz-Risikos.“  

Das sei zwar ein positives Signal, sagt Laura Fratiglioni, die das Zentrum für Altersforschung leitet. Die Wissenschaftlerin mahnt aber dazu, das Ergebnis im Zusammenhang zu sehen: „Man muss daran denken, dass sich die absolute Zahl der Demenzkranken trotzdem erhöhen wird – schließlich steigt dank verbesserter medizinischer Versorgung die Lebenserwartung und damit die Zahl der über 75-Jährigen.“ Die gesellschaftliche Belastung durch Alzheimer und andere Demenzformen werde wachsen, und mit ihr der Versorgungsbedarf.

Alle vier Sekunden wird irgendwo auf der Welt Demenz bei einem Menschen diagnostiziert. Mindestens 35 Millionen Menschen – nach neuen Statistiken der internationalen Alzheimer-Gesellschaft sogar 44 Millionen Menschen – sind momentan betroffen, davon 1,4 Millionen in Deutschland. Im Turnus von 20 Jahren verdoppelt sich diese Zahl, bis 2050 sollen es 135 Millionen Demenzkranke sein.

Alzheimer-Demenz ist weltweit auf dem Vormarsch

"Es ist eine Krankheit, die Leben stiehlt, die Herzen bricht und Familien zerstört", sagt der britische Premier David Cameron auf dem G8-Gipfel über die Demenz. In London hatte Cameron Gesundheitspolitiker, Wissenschaftler und Vertreter der Pharma-Industrie aus allen Erdteilen zusammengerufen.

Für die Politiker ist Demenz außerdem ein finanzielles Problem. Die weltweiten Kosten werden bereits auf mehr als 600 Milliarden US-Dollar (rund 440 Milliarden Euro) pro Jahr geschätzt. Bei steigenden Patientenzahlen und längerer Lebensdauer wird Demenz dadurch allmählich zum Problem für die staatlichen Haushalte.

Bundesweit leiden laut Deutscher Alzheimergesellschaft (DALZG) etwa 1,4 Millionen Menschen an Demenz, zwei Drittel davon an Alzheimer. Weil es immer mehr Senioren gibt, steigt die Zahl der Patienten des oft altersbedingten Leiden. Wenn es keinen Durchbruch in der Alzheimertherapie gibt, könnten 2050 etwa drei Millionen betroffen sein. Weltweit werden in den nächsten 40 Jahren 682 Millionen Demenzkranke leben. Das sind fast so viele Menschen, wie in ganz Europa zu Hause sind.

Alzheimer beginnt schon Jahrzehnte vor den ersten Anzeichen

Forscher suchen seit Jahrzehnten nach einer Alzheimertherapie. Vor etwa zehn Jahren schien eine Lösung zum Greifen nah. Damals setzten Forscher ihre Hoffnungen in einen Impfstoff gegen das Eiweiß Beta-Amyloid, das im Gehirn der Patienten abgelagert wird. Doch trotz erfolgreicher Grundlagenforschung hätten die Studien an Menschen ernüchternde Ergebnisse gebracht, sagt Professor Thomas Klockgether vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Bonn.

Womöglich fand die Impfstudie einfach zu einem falschen Zeitpunkt statt. Denn nach neuesten Erkenntnissen beginnt die Erkrankung im Gehirn schon 15 bis 20 Jahre, bevor Patienten über Vergesslichkeit klagen: Mediziner können deshalb nur raten, sich früh und bis ins hohe Alter geistig fit zu halten. „Nuklearmedizinische Untersuchungen aus Australien zeigen, dass 20 bis 40 Prozent aller Menschen über 50 Jahre bereits Eiweißablagerungen im Gehirn haben“, sagt Professor Detlef Moka, der Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Nuklearmediziner (BDN).

Ablagerungen im Gehirn bedeuten nicht gleich Demenz

Aufgrund dieser Forschungsergebnisse empfiehlt der Verband, sich frühzeitig und bis ins hohe Alter geistig fit zu halten, beispielsweise mit Zeitungslektüre, Gesprächen und Denkspielen. Das sei momentan die beste Methode, um Morbus Alzheimer vorzubeugen. Denn einige Senioren erzielten in der australischen Studie trotz deutlich sichtbarer Ablagerungen im Gehirn normale Ergebnisse in Demenztests und sind geistig auf der Höhe. Wie sich herausstellte, wiesen diese Teilnehmer einen höheren Bildungsstand auf.

Geistige Aktivitäten wie Schachspielen, Lesen oder sozialer Austausch erweitern die kognitiven Reserven im Gehirn, die offenbar den Beginn der alzheimertypischen Hirnleistungsstörung hinauszögern“, erläutert Professor Moka die Studienergebnisse. Vermutlich würden andere Hirnregionen genutzt, um die täglichen Denkaufgaben zu erledigen, sagt der Experte. Auch Sport trägt dazu bei, Alzheimer in Schach zu halten: Höhere körperliche Fitness führt einer aktuellen Studie nach zur Bildung neuer Gefäße und dem Wachstum von Nervenzellen, die für das Gedächtnis wichtig sind.

Frühe Diagnose von Alzheimer und Demenz rettet Gehirnzellen

Aus wissenschaftlicher Sicht ist der Kampf gegen die Demenz vor allem ein Zeitproblem. Die Diagnose von Alzheimer und anderen Demenz-Formen kommt bisher viel zu spät. Wenn beim Patienten Gedächtnisprobleme einsetzen und der Arzt die Diagnose stellt, sind bereits 20 Prozent der Gehirnzellen abgestorben. Die langsame Zersetzung des Hirns hat aber schon 15 Jahre vorher eingesetzt. "Es ist absolut entscheidend für die Forschung, dass sie in einem frühen Stadium ansetzt", sagt Professor Nick Fox, Leiter des Demenz-Forschungszentrums am Londoner University College.

Wissenschaftler in aller Welt versuchen, mit allen möglichen Methoden mehr Aufschlüsse über die noch immer rätselhafte Krankheit und ihre Entstehung zu bekommen. Dazu zählen Reihen-Aufnahmen im Kernspin-Tomographen oder Bluttests. Bei allen Anstrengungen ist derzeit kaum einer so vermessen, eine Therapie für eine wirksame Heilung in Aussicht zu stellen.

Rasanter Zuwachs Dementer in der Dritten Welt

Ein Medikament, das eine Verzögerung des Demenz-Verlaufs bewirken könnte, wäre schon ein riesiger Erfolg. Es gibt einen gewissen Optimismus: "Ich glaube stark daran, dass wir in fünf Jahren gute Chancen auf ein oder zwei Wege haben werden, das Fortschreiten von Demenz zu hemmen", sagt Jan Lundberg vom Pharmakonzern Lilly.

Die Deutsche Alzheimer-Gesellschaft sieht vor allem in den Entwicklungsländern ein ungeahnt großes Problem heraufziehen. Die neuesten Statistiken berücksichtigen erstmals Zahlen aus China und Schwarzafrika – dort nehmen Experten erhebliche Steigerungsraten bei der Demenz an. "Die Gesundheits- und Sozialsysteme dieser Länder sind bisher nicht auf die kommenden Herausforderungen hinsichtlich Diagnose, Behandlung, Pflege und Unterstützung der Familien vorbereitet", sagt die Vorsitzende der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft, Heike von Lützau-Hohlbein.

Im Dorf des Vergessens sind alle dement

Doch das sind selbst die Industriestaaten nur bedingt. Patientenschützer beklagen, dass der Fokus viel zu sehr auf eine Heilung der Krankheit gelegt wird, obwohl eine Pille gegen Demenz derzeit nicht in Sicht sei. Den jetzt betroffenen Patienten nütze das nichts, sagt Eugen Brysch von der deutschen Stiftung Patientenschutz. Er fordert die Regierungen auf, bessere Betreuungssysteme einzuführen. Einen neuen Ansatz bietet beispielweise ein Modellprojekt in den Niederlanden: ein Demenz-Dorf, in dem vom fortschreitenden Vergessen Betroffene weiterhin ihrem Alltag nachgehen können.

Herz-Vorsorge schützt auch das Gehirn

Unter Demenz als Symptomkomplex verstehen Mediziner das Nachlassen von Gedächtnis und anderen Gehirnfunktionen. Über 75 Jahren sind daran meist Alzheimer oder eben die vaskuläre Demenz schuld. „Demenzpatienten zu heilen, ist heute noch nicht möglich“, sagt Fratiglioni. Stattdessen müsse sich die Forschung auf Gesundheitsvorsorge und Präventionsmaßnahmen konzentrieren. Der Schlüssel zu einem wachen Geist im Alter liegt unter anderem darin, Herz und Gefäße gesund zu erhalten.

15 Tipps gegen Demenz und Alzheimer

Autor:
Letzte Aktualisierung: 12. Dezember 2015
Quellen: Ergebnisse der schwedischen Demenz-Untersuchung: http://www.idw-online.de/de/news?print=1&id=529548; http://www.neurology.org/content/early/2013/04/17/WNL.0b013e318292a2f9.short

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