
Multitalent Darm
Zuständig für Körper und Geist
Der Darm ist viel mehr als ein Verdauungssystem. Tagtäglich leistet er nicht nur einen Beitrag für eine robuste Gesundheit, sondern scheinbar auch einiges an Denkarbeit.
Er misst knapp neun Meter in der Länge, besitzt eine Fläche von rund 400 Quadratmetern und durchzieht in zahlreichen Schlingen den Bauchraum – der Darm. Meistens erfüllt der Darm unbemerkt seine Aufgaben und verbringt dabei Höchstleistungen im 24-Stunden-Takt. Als Verdauungsorgan bewältigt er im Laufe seines Lebens mehr als 30 Tonnen fester Nahrung und etwa 50.000 Liter Flüssigkeit. Die Schwerstarbeit beginnt im Dünndarm. Dort werden dem Speisebrei Nährstoffe entzogen und in die Blutbahn abgegeben. Die nächste Station ist der Dickdarm, der Wasser und Elektrolyte aus dem Speisebrei gewinnt. Er ist außerdem dafür verantwortlich, unverdauliche Nahrungsbestandteile mit Hilfe von Bakterien zu zersetzen.
Die hoch komplexe Schaltzentrale des Darms
Mehr als 100 Millionen Nervenzellen umspannen den Verdauungstrakt wie ein dünnes Netz. Dieses autonome Nervensystem besitzt zahlreiche Übereinstimmungen mit dem Zentralen Nervensystem. So finden sich etwa die gleichen Zelltypen, Neurotransmitter und Rezeptoren. Damit ist der Darm nicht nur eine hoch komplexe Fabrik zur Analyse und Verdauung von Nahrung, sondern obendrein in der Lage, psychoaktive Substanzen zu bilden.
Hormone, die im sogenannten Darmhirn ausgeschüttet werden, können auf direktem Weg das Gehirn beeinflussen. So kann es passieren, dass sich biochemische Prozesse, die im Darm ablaufen, unmittelbar auf die Gefühls- und Stimmungslage auswirken. Der Informationsfluss funktioniert jedoch auch in umgekehrter Richtung. Im Gehirn gebildete Hormone wie das Glückshormon Serotonin oder auch Stresshormone können über das Darmhirn die Darmtätigkeit beeinflussen und so für die sprichwörtlichen "Schmetterlinge im Bauch0" oder aber auch Durchfall und Blähungen verantwortlich sein.
Eine weitere beeindruckende Fähigkeit des Darmhirns ist die Steuerung von Nachbarorganen und Muskelkontraktionen und die Koordination der Erregerabwehr. Außerdem konnten einige Studien belegen, dass auch der Darm nicht vor degenerativen Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson gefeit ist.
Die Verteidigungslinie in unserem Bauchraum
Damit der Darm seine Verdauungsfunktion erfüllen kann, ist er auf ein Heer von Billionen unterschiedlicher Bakteriengattungen angewiesen, die zusammen die Darmflora bilden. Vor allem Bakterien, die ohne Sauerstoff auskommen (sogenannte Anaerobier) tummeln sich hier. Nur 10 Prozent der Bakterien gehören zu den sauerstoffabhängigen Aerobiern. Starke Medikamente wie Antibiotika und Hormone können die Darmflora schädigen. Sie bringen damit nicht nur die Verdauung aus dem Gleichgewicht, sondern schränken darüber hinaus die Erregerabwehr des Körpers ein. Der Grund: Darmbakterien unterstützen neben Zersetzungsprozessen auch das darmassoziierte Immunsystem.
Etwa 70 Prozent der Immunzellen des Körpers sind im Darm aktiv, wobei ein Viertel der Darmschleimhaut rund um die Uhr damit beschäftigt ist, potenzielle Krankheitserreger zu bekämpfen. Mithilfe der darmassoziierten Immunabwehr kann der Körper direkt auf die Bedrohung reagieren, die von den zahllosen Mikroorganismen ausgehen, die tagtäglich den Darm passieren. Die Darmflora unterstützt außerdem die mechanische Barriere gegen Eindringlinge, indem sie sie die Darmschleimhaut versorgt und verhindert, dass sich krankmachende Keime ansiedeln können. Gerät das Ökosystem Darm aus dem Gleichgewicht, ist das ganze Immunsystem geschwächt. Sogenannte Probiotika können die angeschlagene Darmflora wieder ins Lot bringen. Sie enthalten probiotische Keime, die eine günstige Umgebung für die Darmbakterien schaffen und auf diesem Weg Immunsystem und Verdauung auf Trab bringen.






