aerztin_foschung_labor_wissenschaft

Zytogenetischer Nachweis

Philadelphia-Chromosom in Zellen des Knochenmarks

Das Blutbild liefert Hinweise auf das Vorliegen einer CML. Doch nur durch die Untersuchung einer Gewebeprobe aus dem Knochenmark kann sie sicher von anderen Bluterkrankungen abgegrenzt werden.

Veränderungen des Blutbilds können zumeist verschiedene Ursachen haben. Um die Krankheit hinter diesen Veränderungen sicher bestimmen zu können, wird deshalb detailliert untersucht, was genau bei der Blutbildung gestört ist. Hierfür muss eine Gewebeprobe aus dem Knochenmark - dem Ort der Blutbildung - entnommen und unter dem Mikroskop ausgewertet werden.

Entnahme der Probe

Die Knochenmarkprobe wird in der Regel aus dem Hüftknochen, seltener auch aus dem Brustbein gewonnen. Der dazu notwendige Eingriff, die Knochenmarkpunktion (Knochenmarkbiopsie), wird in örtlicher Betäubung vorgenommen, sodass die Patienten praktisch keinen Schmerz empfinden.

Zur Entnahme der Probe benutzt der Arzt eine Spritze mit einer speziellen Nadel. Diese wird durch den Knochenmantel in das flüssige Mark vorgeschoben. Anschließend zieht der Arzt so viel Knochenmark in die Spritze auf, wie für die Untersuchung erforderlich ist. Die kleine Einstichwunde wird anschließend verbunden. Sie ist in der Regel nach wenigen Tagen vollständig verheilt. Um Infektionen zu verhindern, wird der Eingriff unter besonderen hygienischen Vorsichtsmaßnahmen durchgeführt.

Hinweise auf eine CML

Folgende typische Anzeichen im Knochenmark sprechen für das Vorliegen einer chronischen myeloischen Leukämie (CML):

  • Erhöhte Zelldichte: Unter dem Mikroskop sind mehr Zellen zu erkennen als üblich.
  • Starke Zunahme von Granulozyten und ihren Vorläuferzellen: Typisch für die CML ist die unkontrollierte Vermehrung von Granulozyten. Wichtig für die Beurteilung der Krankheitsphase und des Krankheitsverlaufs ist der Reifungsprozess der Granulozyten. Aus diesem Grund wird bestimmt, welche Vorstufen (z.B. Blasten) in welcher Zahl in der Probe vorkommen.
  • Vermehrtes Auftreten von Vorläufern der Blutplättchen: Die Zahl der Vorläuferzellen von Blutplättchen, der so genannten Megakaryozyten, ist nicht bei jeder CML erhöht. Treten die Megakaryozyten jedoch vermehrt auf, kann dies ein weiterer Hinweis auf eine CML sein.


Über diese allgemeinen Untersuchungen hinaus wird in der Knochenmarkprobe nach so genannten Philadelphia-Chromosomen gesucht, die von entscheidender Bedeutung für das weitere medizinische Vorgehen sind.

Das Philadelphia-Chromosom

Das Philadelphia-Chromosom ist eine spezielle Veränderung des Erbguts, die als eigentliche Ursache der CML angesehen wird. Es wurde erstmals 1960 nachgewiesen. Seine Entdeckung und die Entschlüsselung seiner Wirkung auf die Zellen, in denen es gefunden wird, hat die Behandlung der CML in den letzten Jahren revolutioniert.

Chromosomen sind im Mikroskop sichtbare, grob x-förmige Strukturen, die aus der Trägersubstanz der Erbinformation, der so genannten DNS, bestehen. Die DNS nimmt diese Struktur nur während der Teilung von Zellen an, weil diese eine Verdopplung des Erbmaterials sowie gleichmäßige Verteilung auf die beiden neuen Tochterzellen erforderlich macht.

Philadelphia-Chromosomen entstehen, wenn es im Verlauf der Zellteilung zu einer Fehlverteilung des Erbmaterials kommt. Ein Teil des Erbguts, das eigentlich zu Chromosom 22 gehört, wird auf Chromosom 9 übertragen und umgekehrt. Chromosom 22 erscheint dabei unter dem Mikroskop verkürzt. Dieses verkürzte Chromosom 22 wird nach dem Ort, wo es entdeckt wurde, als Philadelphia-Chromosom bezeichnet. Das Philadelphia-Chromosom lässt sich bei CML mikroskopisch in Knochenmarkszellen nachweisen, die sich gerade in Teilung befinden. Dieses Verfahren wird als zytogenetischer Nachweis einer CML bezeichnet. Da sich auf diese Weise jedoch eine CML nicht zweifelsfrei ausschließen lässt, sind zusätzlich weitere, genauere Untersuchungen notwendig.

Bedeutung für die CML

Das Philadelphia-Chromosom ist die Ursache der CML. Durch die Verlagerung der Erbinformation entsteht ein Gen, das natürlicherweise nicht im Körper vorkommt und die Bauanleitung für ein Eiweiß enthält, das als Bcr-Abl bezeichnet wird. Bcr-Abl, das zur Enzym-Gruppe der Tyrosinkinasen gehört, bewirkt eine unkontrollierte Vermehrung der Zelle und ist deshalb ein "krankmachendes" Eiweiß (Enzym).

Philadelphia-Chromosom und Therapie

Der Nachweis des Philadelphia-Chromosoms ist nicht nur für die Diagnose wichtig, sondern auch für die Therapie. Denn moderne Medikamente, die so genannten Tyrosinkinasehemmer , sind heute in der Lage, Bcr-Abl zu blockieren. Ihr Einsatz ist jedoch nur dann sinnvoll, wenn bei der CML tatsächlich ein Philadelphia-Chromosom vorliegt.

CML-Erkrankungen, bei denen das Philadelphia-Chromosom nicht nachgewiesen werden kann, treten bei weniger als einem Zehntel aller CML-Patienten auf. Diese Fälle verlaufen nicht so einheitlich wie die Philadelphia-Chromosom-positiven chronischen myeloischen Leukämien. Es ist deshalb nicht möglich, allgemeingültige Angaben zu ihrem Verlauf und ihrer Behandlung zu machen. Die aktuellen medizinischen Leitlinien empfehlen, bei Philadelphia-Chromosom-negativer CML zunächst eine sehr gründliche Prüfung vorzunehmen, ob tatsächlich eine CML vorliegt. Das weitere Vorgehen hängt dann vom Einzelfall ab.


Quelle: Nach Informationen der Deutschen Leukämie- & Lymphomhilfe, der Fachzeitschrift "Blood", Innere Medizin (2. Auflage) von Classen M, Novartis u.a.
Autor: Jan Groh
Stand: Nov 18, 2008


Sie lesen gerade:

Philadelphia-Chromosom in Zellen des Knochenmarks

Seite empfehlen:
A A A

Expertenrat

Hier geht`s um mich

Im Expertenrat Brustkrebs geht es ganz um Ihren persönlichen Fall. Stellen Sie Ihre Fragen. Ärzte antworten - kostenlos.

Newsletter Rückenschmerz

Älteres Paar sitzt vor dem Computer

Jetzt neu!

Aktuelle Themen rund um Ursachen, Symptome und Behandlung von Rückenschmerz - kostenlos per E-Mail.

Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe

Die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe informiert, klärt auf und berät in allen Belangen rund um den Schlaganfall.

mehr

Kooperationspartner

cover_wissen_und_gesundheit_3_2011

Wissen & Gesundheit

Das Magazin für mehr Lebensqualität.

  • Gesund auf Reisen
    Zu Urlaubsvorbereitung gehört auch, Gesundheitsrisiken vorzubeugen.
  • Den Erfolg im Visier
    Magdalena Neuner findet die richtigen Rezepte, Leistungsdruck und Entspannung zu vereinbaren.
  • Dem Herzen Gutes tun
    Herzgesund leben ist nicht schwer – und lohnt sich immer!

Wissen & Gesundheit