Wochenbettdepressionen
Mehr als ein harmloses Stimmungstief
Viele Frauen erleben in den ersten Wochen nach der Entbindung starke Stimmungsschwankungen. Forscher sind nun auf einen neuen Therapieansatz gestoßen.
Bis zu 70 Prozent aller Frauen stecken in den ersten Wochen nach der Entbindung ihres Kindes in einem psychischen Tief. Während gerade noch die Vorfreude regierte, machen sich nun Stimmungsschwankungen, Angstzustände, Reizbarkeit, Schlafprobleme und Appetitlosigkeit bemerkbar. Schuld am Babyblues ist in vielen Fällen die rasante Hormonumstellung, die sich jedoch innerhalb der ersten Wochen nach der Geburt wieder legt. Doch nicht immer verschwinden die Beschwerden so schnell.
Julia Sacher vom Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften und ihr Kollege Jeffrey H. Meyer vom Centre for Addiction and Mental Health in Toronto, Kanada, haben sich jetzt auf die Spurensuche begeben und untersucht, wieso manche Frauen eine manifeste Wochenbettmelancholie entwickelt. Sie haben herausgefunden, dass ein Anstieg der Konzentration des Enzyms MAO-A maßgeblich zur Entstehung einer Wochenbettdepression beitragen kann.
Während der Östrogenspiegel in den ersten Tage nach der Geburt etwa um das 100- bis 1.000-Fache abnimmt, steigt der Spiegel des Enzyms Monoamin-Oxidase A (kurz MAO-A) stark an. In den Neuronen kann das Enzym die Neurotransmitter Serotonin, Dopamin und Noradrenalin abbauen und auf diesem Weg Einfluss auf die Signalweiterleitung zwischen Nervenzellen nehmen. Fehlen die Neurotransmitter, sinkt auch die Stimmung in den Keller, und die Weichen für eine Depression sind gestellt.
Die jüngsten Studienergebnisse könnten dabei helfen, Wochenbettmelancholie zu behandeln, bevor sie sich zu einer Depression auswachsen kann. Zum einen könne man versuchen, den MAO-A-Spiegel mithilfe selektiver Hemmstoffe niedrig zu halten. Eine andere Möglichkeit bestehe darin, die Konzentration der Neurotransmitter gezielt zu erhöhen, so die Forscher. So oder so sehen die Neurowissenschaftler starkes Potenzial und zeigen sich zuversichtlich, betroffenen Frauen bald besser helfen zu können.
Originalveröffentlichung: J. Sacher, A. A. Wilson, S. Houle, P. Rusjan, S. Hassan, P. M. Bloomfield, D. E. Stewart, J. H. Meyer: Elevated Brain Monoamine Oxidase A Binding in the Early Postpartum Period Arch Gen Psychiatry 67(5):468-474 (2010)



