Depressionen - Ursachen

Der Begriff Depression kommt vom lateinischen "deprimere" und bedeutet soviel wie niederdrücken.


Ursachen

Eine Depression hat selten eine einzige Ursache. Meist führt ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren zur Erkrankung, genetische und biologische einerseits, persönliche andererseits.

Einfache Erklärungen für Seelenkrisen gibt es nicht. Aber viele Vorurteile. Für die einen sind sie eine Frage von Disziplinlosigkeit, Versagen oder emotionaler Schwäche. Andere glauben an erbliche Ursachen, die wiederum keine Behandlung zulassen. Tatsächlich liegen die Dinge anders. Dafür haben neue Erkenntnisse der Hirnforschung gesorgt.

Man weiß heute, dass genetische, beziehungsweise biologische Faktoren einerseits, sowie persönliche Krisen andererseits zu verschiedenen Zeitpunkten eines Lebens verschiedene Hirnareale unterschiedlich stark beeinflussen und sie verändern. Erst in ihrem Zusammenwirken jedoch wird die Psyche verletzbar - vulnerabel - gegenüber belastenden Einflüssen, also Stress. Entsprechend spricht man vom Vulnerabilitäts-Stress-Modell.

Verletzbarkeit und Stress sind Hauptfaktoren

Vulnerabilität und Stress sind nach Ansicht vieler Forscher die beiden Megafaktoren, die eine Depression auslösen. Danach ist die Vulnerabilität für eine Depression im Wesentlichen durch eine Störung der Stressverarbeitung gekennzeichnet. Das Alarmsystem des Körpers entgleist gewissermaßen, wenn innere Faktoren (zum Beispiel Veränderungen in der Konzentration bestimmter Nervenbotenstoffe) oder äußere Belastungen (zum Beispiel eine Lebenskrise) die Toleranzgrenze bei Menschen mit einer bestimmten Persönlichkeitsstruktur überschreiten.

Um die Depression zu verstehen, müssen die engen Verflechtungen von Genen, Körper, Kopf, Lebenserfahrungen und Lebensgeschichte entwirrt werden. Das Zusammenspiel von biologischen und sozialen Mechanismen ist entscheidend.

Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell integriert verschiedene Theorien und Aspekte über Ursachenfaktoren, die bei jeder Depression wichtig sind.

Einzelne Ursachen:

Genetik

Die Neigung zu Depressionen kann unter Umständen genetisch festgelegt sein. Bisher durchgeführte Familien-, Zwillings- und Adoptionsstudien belegen, dass Verwandte depressiver Patienten eine 20-prozentige Wahrscheinlichkeit haben, ebenfalls eine depressive Störung zu entwickeln. Die Zwillingsstudien zeigen allerdings auch, dass der genetische Faktor nur ein Teilfaktor ist. Beim Entstehen (und Schweregrad) einer Depression spielen immer auch Umweltfaktoren eine Rolle. Dazu gehören familiäre und soziale Verhältnisse.

Biologische Ursachen

Die Ursachen der Depression findet man nicht nur in der Lebensgeschichte des Patienten, sondern sie sind auch biologischer Natur. Veränderungen im Gehirn und der Nervenbotenstoffe spielen bei der Entstehung der Depression eine Rolle.

Die Haupttheorie bezüglich der biologischen Ursachen von Depressionen konzentriert sich auf einen Mangel an Noradrenalin und Serotonin. Diese Überlegungen basieren darauf, dass trizyklische Antidepressiva und Monoaminoxidase-Hemmer in den für Motivation, Stimmung und Antrieb zuständigen Hirnstrukturen die Konzentration dieser Neurotransmitter erhöhen. Dadurch kommt es zur Stimmungsaufhellung. Antidepressiva verhindern entweder die Verstoffwechselung oder die Wiederaufnahme dieser Neurotransmitter in den Nervenzellen, so dass mehr Botenstoffe im Zwischenzellraum der Hirnnerven zur Verfügung stehen. Man kann also davon ausgehen, dass ein Neurotransmitter-Mangel ursächlich mit den Depressionen in einem Zusammenhang steht. Unklar ist generell noch, ob Neurotransmitter-Störungen zum eigentlichen Ausbruch der Erkrankung führt. Möglicherweise sind sie auch nur Folge einer anderen körperlichen Depressionsursache.

Kindheit, Jugend

Untersuchungen zur Häufigkeit (Epidemiologie) haben ergeben: Etwa ein Prozent der Kinder unter sechs Jahren, zwei Prozent der Schulkinder und etwa fünf Prozent der Jugendlichen haben klinisch bedeutsame depressive Störungen. Im ersten Lebensjahrzehnt erkranken überwiegend Jungen, im zweiten überwiegend Mädchen.
Das frühkindliche Umfeld kann ein besonders wichtiger Faktor für die Entwicklung von Depressionen sein. Etwa die Hälfte aller depressiven Störungen bei Jugendlichen treten zwischen dem 11. und 14. Lebensjahr auf. Mit der Pubertät nimmt die Zahl der Depressionen zu. Psychologen warnen deshalb davor, seelische Probleme bei Kindern und Jugendlichen leichtfertig auf die Entwicklung und Pubertät zurückzuführen und nicht ernst zu nehmen. Wenn ein Kind ständig weint, ein negatives Selbstbild hat, wenig aktiv ist und davon spricht, nicht mehr leben zu wollen, so handelt es sich um depressive Symptome wie bei einem Erwachsenen auch.

Lebensereignisse

Nach einem belastenden Ereignis ist das Depressionsrisiko etwa ein halbes Jahr lang erhöht. Ein solches Ereignis steht aber nicht zwangsweise im Zusammenhang mit einer Depression.

Ein Arbeitsplatzverlust ist der anerkannte Prototyp eines belastenden Lebensereignisses: Beinahe ein Viertel der Arbeitslosen werden zwei bis sieben Monate nach der Entlassung depressiv.

Andere Beispiele für Lebensereignisse, die mit Depressionen assoziiert sein können, sind anhaltender psychischer Druck, Verlust des Jobstatus oder Selbstwertgefühls, Berufsstress oder anhaltender finanzieller Druck, körperlicher Missbrauch, körperliche Krankheit und Alkoholabhängigkeit. Oft beginnt eine Depression auch in dem Moment, in dem ein lang ersehntes Ziel erreicht wird. Das kann eine Beförderung sein, sportlicher Erfolg und selbst eine Heirat.

Depression bei Frauen

Die Statistik zeigt, dass bei Frauen in unseren Breiten zwei- bis dreimal häufiger an einer Depression erkranken als Männer. Für dieses Phänomen gibt es viele Erklärungen.

Die klassischen Faktoren, die zur Depression führen sind:

  • genetische Veranlagung

  • ein Erziehungsstil, der Mädchen zur Zurückhaltung anhält

  • Körperlicher und sexueller Missbrauch

  • Die Identifikation mit dem Rollenauftrag als "Unterstützerin"

  • Auswirkungen von Verzicht auf die eigene Gefühlswelt und auf soziale Kontakte zugunsten der Familie

  • Verhaltensunterschiede

  • Weibliche Sexualhormone

Stress

Stress, als Begriff 1950 in Medizin und Psychologie eingeführt, lauert überall: im Beruf, in der Familie, in der Schule, in der Freizeit, in der Liebe.

Die Hormone, CRH und Cortisol, koordinieren die Reaktionen auf Stress. Dieses Kontrollsystem wird durch zahlreiche biologische Prozesse aufrechterhalten.
Forschungen am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München haben gezeigt, dass das Kontrollsystem für Stresshormone bei Depressiven gestört ist und Verhaltensänderungen hervorruft. Beispielsweise verstärkt eine erhöhte Konzentration von CRH im Gehirn die Angst, stört das Denkvermögen, vermindert Appetit, Schlaf sowie sexuelle Bedürfnisse.

Der populärste Stress ist Arbeitsstress

"Höher, schneller, weiter, besser" lautet das Prinzip der Dienstleistungsgesellschaft, das Trödlern und Träumern keinen Platz lässt. Dass Dauerstress zu Depressionen führen kann, gilt als erwiesen.

Internationale Studien bestätigen, dass gerade unter dem hohen ökonomischen Druck der heutigen Zeit folgende Faktoren Stress auslösen:

  • Arbeitsplatzunsicherheit

  • wachsende Anforderungen an Mobilität und Flexibilität

  • Auflösung vertrauter Strukturen

  • Über- und Unterforderung

  • Über- und Unterinformationen

  • innerbetriebliche Konkurrenzkämpfe

  • fehlende Unterstützung, Nichtanerkennung durch Kollegen

  • offene und verdeckte Rivalität

  • isolierte Arbeitsbedingungen

  • unrealistische Deadlines

  • generelle Überarbeitung

  • Mobbing

  • mangelnde Führungskompetenz, autoritäres Verhalten, unzureichende Kooperation, unklare Instruktionen und Willkür seitens der Vorgesetzen
Sie stellen für viele Betroffene einen psychischen Konflikt dar, der oft zu einem unbewussten Rückzug in Form einer depressiven oder anderen Erkrankung führt.

Alter

Das Alter als Auslöser depressiver Erkrankungen spielt eine wesentliche Rolle und darf nicht unterschätzt werden.

Altern geht mit zahlreichen Verlusterlebnissen einher: Verlust des Lebenspartners, Verlust der Wohnung bei einem Wechsel in ein Altenheim, Verlust der sozialen Rolle, der körperlichen Leistungsfähigkeit, der kommunikativen Fähigkeiten. Viele ältere Menschen fühlen sich von der Gesellschaft ausgeschlossen.
Häufig treten Angstgefühle und Einschlafstörungen auf - Kardinalsymptome einer Depression.

Wetter

Mit der dunklen Herbst- und Winterzeit sackt bei vielen auch das Stimmungsbarometer auf den Nullpunkt. In der kalten Jahreszeit ist ein Anstieg depressiver Störungen um etwa zehn Prozent zu verzeichnen. Während dafür keine stichhaltigen Erklärungen existieren, ist klar: Die saisonale Depression gibt es sowohl in Ländern der nördlichen als auch der südlichen Hemisphäre. Definitionsgemäß ist diese so genannte Saisonale affektive Störung (SAD, Seasonal Affective Disorder) ein psychisches Leiden mit jahreszeitlicher Abhängigkeit. In der nördlichen Hemisphäre beginnen die saisonalen Depressionen im allgemeinen im Oktober/November und enden im März/April. Die meisten Patienten entwickeln atypische depressive Symptome wie gesteigerten Appetit auf Süßes sowie Gewichtszunahme. Andere Symptome sind anhaltende Müdigkeit, Isolationsneigung, Interesselosigkeit, Reizbarkeit. Eine SAD tritt unabhängig von psychosozialen Stressoren auf und verschwindet vollständig wieder.

Quelle: Springer Medizin / Letzte Überarbeitung: Redaktion SpringerGesundheit, 14.12.2010
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