Phobien, spezifisch - Ursachen

Anhaltende Ängste vor bestimmten Objekten oder Situationen. Hier finden Sie alles zum Thema.


Ursachen

Kein Wissenschaftler der Welt kann bisher die Frage beantworten, welcher Quelle eine Phobie entspringt - geschweige denn, welche Prozesse in Kopf und Körper dabei ablaufen. Nur eines ist sicher: Angst ist immer gelernt.

"Es ist ganz sicher so, dass Angst im Gehirn abläuft - aber damit ist der Wissenschaft nicht gedient", so Professor Dr. W.H.R. Miltner vom Psychologischen Institut der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Ebenso wenig sind nach Ansicht Miltners die psychoanalytischen und lerntheoretischen Modelle allein geeignet, deren Entstehung zu erklären. Eine spezifische Phobie kann nicht auf eine eindeutige Ursache zurückgeführt werden, obwohl sie an regelhafte Auslöser gebunden ist. Es wirken mehrere Faktoren zusammen. Möglich, dass Entwicklung, erlernte Verhaltensmuster, kulturelle Programmierung und Lebenssituationen eine Rolle spielen.

Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell

Die erhöhte Angstbereitschaft beziehungsweise Vulnerabilität gegenüber spezifischen Situationen oder Objekten ist nach Ansicht einiger Forscher durch eine Denkstörung gekennzeichnet - durch eine veränderte Wahrnehmung und Interpretation dieser Wahrnehmung.

Man weiß heute, dass genetische beziehungsweise biologische Faktoren einerseits sowie biographische Krisen andererseits zu verschiedenen Zeitpunkten eines Lebens verschiedene Hirnareale unterschiedlich stark beeinflussen und sie verändern. Erst in ihrem Zusammenwirken jedoch wird die Psyche verletzbar - vulnerabel - gegenüber belastenden Einflüssen, also Stress. Entsprechend spricht man vom Vulnerabiltitäts-Stress-Modell. Es integriert verschiedene Theorien und Aspekte über Ursachenfaktoren, die bei jeder Angststörung wichtig sind.

Familiäre Ursachen bei der Entstehung

Wenn Eltern unter Ängsten leiden, sind ihre Kinder oft von gleichen oder ähnlichen Leiden betroffen. Das familiäre Umfeld hat erheblichen Einfluss auf das psychische Befinden von Kindern und auf die Ausprägung bestimmter Störungen.

Fast jedes zehnte Schulkind leidet unter einer Angststörung, im Grundschulalter sogar etwa jedes siebte.

Menschen mit Angst fehlt häufig die Erfahrung, dass man sich von anderen trennen oder entfernen kann, ohne dass sofort etwas Furchtbares passiert. Eltern, die versuchen, potentielle Gefahren von Kindern abzuwenden und sie frei von Angst auslösenden Situationen zu erziehen, verhindern, dass Kinder Ängste bewältigen lernen.

Kinder haben oft ähnliche Leiden wie ihre Eltern

Der amerikanische Psychiater J. Biedermann hat die Psyche von Kindern untersucht, deren Eltern an Depressionen, an Angstzuständen, an beiden oder an keinen psychischen Erkrankungen leiden: Kinder haben oft ähnliche Leiden wie ihre Eltern. So erhöht sich bei Kindern, deren Eltern unter Angst und Beklemmung leiden das Risiko, die gleichen psychischen Störungen zu entwickeln. Kinder von Eltern mit Depressionen sind dagegen besonders gefährdet, selbst an Depressionen, Angst vor sozialen Kontakten und Zerstörungswut zu leiden. Zeigten die Eltern jedoch Depressionen und Angstzustände, entwickeln ihre Kinder oft die verschiedensten Angststörungen und leiden besonders unter der Angst vor Isolation.

Entwicklungsgeschichte und Rahmenbedingungen

Die 1999 erstellten und 2000 überarbeiteten "Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie" nennen verschiedene Bedingungen für die Entwicklung und Ausprägung phobischer Störungen im Kindesalter.

Einige Beispiele für die störungsspezifische Entwicklungsgeschichte


  • Medizinische Vorgeschichte
    Insbesondere Beeinträchtigungen des zentralen Nervensystems, Unfälle, somatische Erkrankungen

  • Temperamentsfaktoren
    Neugierverhalten, Introversion, Irritierbarkeit, Belohnungsabhängigkeit

  • Kognitive Entwicklung
    Allgemeines Entwicklungsniveau, spezifische Entwicklungsverzögerungen

  • Selbständigkeitsentwicklung und Risikoverhalten
    Bewältigung typischer Schwellensituationen wie Eintritt in Kindergarten, Schule und Ausbildung oder durch Umzug bedingter Wechsel des vertrauten sozialen Umfeldes.

  • Belastende Lebensereignisse
    Körperlicher oder sexueller Missbrauch, Verlusterlebnisse und andere spezifische Traumata. Kinder, die im Kindergartenalter von ihren Eltern geschlagen werden, entwickeln sich oft zu aggressiven Schülern.
Beispiele für störungsrelevante Rahmenbedingungen

  • Bestehende psychische Störungen innerhalb der Familie

  • Persönlichkeitsmerkmale der Eltern, insbesondere Ängstlichkeit und Vermeidungsverhalten

  • Depressive Störungen

  • Substanzbedingte (zum Beispiel Alkohol, Medikamente) Störungen

  • Familiärer Interaktionsstil, Umgang mit Angstsymptomatik

  • Überbehütung

  • Harmoniebedürfnis und Konfliktvermeidung

  • Symptomunterstützendes Verhalten der Familie, zum Beispiel durch Zuwendung ("sekundärer Krankheitsgewinn": ein Familienmitglied "pflegt" seine Krankheiten, damit der andere für ihn da sein kann)

  • Isolierte Familie
Lerntheoretische Modelle

Betont wird die klassische Konditionierung: Die meisten Situationen, in denen der Mensch Ängste verspürt, werden im Laufe des Lebens erlernt. Danach sind auch spezifische Phobien gelernte Reaktionen - eine erworbene Furcht vor einem objektiv harmlosen Reiz.

Es stellt sich Angst vor einer Situation oder einem Objekt ein, mit der/dem Sie bislang keine schlechten Erfahrungen gemacht haben. Am Beispiel der Flugphobie bedeutet das: Wer niemals Angst vorm Fliegen hatte, erlebt bei einem turbulenten Flug die Angst vor dem Absturz. Fliegen ist von nun an mit Schrecken besetzt. Ein Gefühl, das sich so im Gehirn verankern kann, dass Sie künftig lieber Bahn fahren. Das Problem wird durch Vermeidung jedoch nicht gelöst, die erworbene Konditionierung nicht außer Kraft gesetzt. Die konditionierte Angst wird lediglich reduziert.

Dieser Mechanismus ist durchaus geeignet, einen Teufelskreis in Gang zu setzen.

Vermittelnde Faktoren und Prozesse

Einige Theorien, die bei der Entstehung spezifischer Phobien eine Rolle spielen könnten:

Emotionale Reaktivität
Je ausgeprägter die Reaktionsfähigkeit, umso besser und schneller konditionierbar sind Angstreaktionen. Je geringer die emotionale Reaktivität, umso geringer das Risiko für eine Chronifizierung.

Ausmaß der Stressbelastung
Je massiver die Bedrohung, umso höher das Risiko für eine Belastungsreaktion.

Entwicklungsfaktoren
Wie weit hat man sein eigenes Schicksal selbst unter Kontrolle? Wie weit kann man sich vor Traumatisierung schützen (Internale Kontrollüberzeugung)?

Nach Ansicht des amerikanischen Professors für Psychiatrie, Aaron T. Beck, einem der Pioniere auf dem Gebiet der kognitiven Verhaltenstherapie und Depression entstehen Phobien bei Menschen, die sich übermäßig mit sich selbst beschäftigen. Phobiker sind auf die Reize fixiert, die ihre Angst auslösen. Abnehmendes Selbstvertrauen und verzerrte Selbstbewertung führen schließlich in ein Vermeidungsverhalten. Dieses reduziert kurzfristig die Angst, langfristig wird sie jedoch durch fehlende andersartige Erfahrungen aufrecht erhalten.

Kulturelle Programmierung
"Woher Tierphobien stammen, die sich in erster Linie gegen Spinnen, Schlangen, Ratten und andere Nager - aber auch gegen Katzen und Hunde richten, ist nicht bekannt", so Prof. Dr. W. H. R. Miltner vom Psychologischen Institut der Friedrich-Schiller-Universität Jena. "Schließlich geht von den hierzulande heimischen Spinnen und Schlangen keine Bedrohung aus, und Phobien sind in Regionen mit giftigen Artvertretern keineswegs häufiger als in unseren Breiten." Psychologen vermuten deshalb, dass sie es mit einem archaischen Überbleibsel im menschlichen Gehirn zu tun haben. Möglicherweise sicherte in grauer Vorzeit ein rasches Erkennen und Reagieren auf - damals vielleicht bedrohliche - Kleintiere höhere Überlebenschancen.

Das psychoanalytische Modell

Laut Freud entsteht eine (spezifische) Phobie durch ein traumatisches Erlebnis in früher Kindheit. Die Angst wurde verdrängt, die Persönlichkeitsentwicklung entsprechend beeinflusst.

Innere Angst wird nach außen verlagert

Nach psychodynamischem Verständnis - also aus tiefenpsychologisch-psychoanalytischer Sicht - entstehen psychische Konflikte mit Krankheitswert aus den dynamischen Beziehungen der einzelnen Persönlichkeitsanteile untereinander. Ursache für die (spezifische) Phobie ist demnach ein unbewusster - verdrängter - Kindheitskonflikt (laut Freud handelt es sich hier in aller Regel um verdrängte sexuelle Triebimpulse). Diese Angst wird sozusagen verschoben - wird nach außen auf bestimmte Objekte beziehungsweise Situationen verlagert, die mit dem wirklichen Problem in symbolischem Zusammenhang stehen. Diese "Angstmacher" regen verdrängte Wünsche und zugleich die Abwehr dagegen an.

Der Betroffene hat demnach nicht eigentlich Angst davor, worauf er phobisch reagiert, sondern fürchtet tatsächlich die unbewusste Phantasie, die mit diesem Objekt in Verbindung steht (was er aber nicht weiß). Die Angstreaktion auf den äußeren Reiz steht also für eine innere Angst.

Indem die Auseinandersetzung mit der "äußeren Angst" vermieden wird, wird die Auseinandersetzung mit der verdrängten Urangst vermieden.

Ursachen der spezifischen Phobien bei Frauen

Frauen leiden deutlich häufiger an Phobien als Männer. Als Ursachen für die Geschlechterunterschiede werden physiologische, hormonelle und psychosoziale Faktoren diskutiert.

Beispielsweise kommen die Agoraphobie (Furcht vor öffentlichen Plätzen und Menschenansammlungen) und spezifische Phobien bei Frauen etwa doppelt so häufig vor wie bei Männern. Auch die soziale Phobie kommt etwas häufiger vor (Frauen: 15 Prozent; Männer: elf Prozent). Warum? Eine mögliche Erklärung: Frauen haben sich mit ihrem Rollenauftrag identifiziert. Sie passen auf, dass es anderen gut geht - dem Mann, den Kindern - und verzichten dafür auf die eigene Gefühlswelt. In problematischen Situationen werden sie eher mit Rückzug reagieren. Angst macht viele Frauen "häuslich" und schweigsam.

Welche möglichen Ursachen der größeren Häufigkeit von Ängsten bei Frauen zugrunde liegen, wurde unter anderem folgendermaßen beschrieben:


  • ein Erziehungsstil, der Mädchen zur Zurückhaltung anhält der ihnen keine angemessenen Reaktionen auf Überforderung ("rauslassen" statt "in sich hineinfressen") zugesteht; der es ihnen als Erwachsene nicht ermöglicht, sich zu behaupten, selbstbewusst und mit Selbstvertrauen durchs Leben zu gehen

  • Körperlicher und sexueller Missbrauch

  • im Kindes- und Jugendalter keine Anerkennung unter Gleichaltrigen (Außenseiter-Status)

  • Hormoneinflüsse beziehungsweise hormonelle Veränderungen beim Einsetzen und im Verlauf der Pubertät, im Rahmen des Menstruationszyklus, während einer Schwangerschaft, nach der Geburt, in der Menopause

  • Auswirkungen von Erbwerbstätigkeit und Erwerbslosigkeit, von Alleinerziehung, von Doppelbelastungen (Arbeit/Familie)
Das neurobiologische Modell

Auf biologischer Ebene können Stress-Situationen (zum Beispiel belastende Lebensbedingungen, traumatische Erfahrungen, schmerzliche Ereignisse) in der Kindheit frühzeitig wichtige Hirnareale verändern. Die so entstehenden biologischen Narben prägen die Persönlichkeit.

Experten sprechen in solchen Fällen von "erhöhter Angstbereitschaft" beziehungsweise Vulnerabilität gegenüber sozialen Situationen und bestimmten Objekten, die als bedrohlich erlebt werden. Die Anfälligkeit allein führt jedoch nicht zwingend in die Erkrankung. Zu Angst und Unterwürfigkeit kommt es besonders dann, wenn Stress-Situationen als unkontrollierbar erlebt werden. Wer im Verlauf seiner Entwicklung immer wieder derartiges verkraften muss, stößt früher oder später an seine Grenzen. Mehr noch: Werden diese gesprengt, brechen die Narben auf. Es reicht der berühmte Tropfen und das Fass läuft über.

Veränderte Hirnfunktionen

Weitere Untersuchungen zeigen, dass Phobiker Besonderheiten in der Aktivität bestimmter Hirnregionen und zugehöriger Nervenbotenstoffe aufweisen, die unmittelbar das Denken und Fühlen beeinflussen.

Die Rolle der Gene

Warum werden nicht alle Menschen unter ähnlichen Bedingungen krank vor Angst? Das versuchen unter anderem Genetiker und Neurowissenschaftler zu klären, indem sie zunächst postulieren: Es muss zusätzlich eine genetische Disposition vorliegen.

Zum einen scheinen Angstpatienten generell über ein labiles vegetatives Nervensystem zu verfügen. Das führt dazu, dass sie leicht durch verschiedenste Reize erregt und Angstsymptome schnell ausgebildet werden können. Das Vegetativum steuert alle unwillkürlich ablaufenden Funktionen wie Atmung, Verdauung, Blutdruck, Schwitzen. Dessen Labilität scheint angeboren zu sein.

Quelle: Springer Medizin
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