Medizin & Forschung

Zappelphilipp-Syndrom keine Modediagnose

In Deutschland leiden rund 320.000 Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 16 Jahren am so genannten Zappelphilipp-Syndrom. Ein Drittel von ihnen sei dringend behandlungsbedürftig, teilte der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte bei einem Fachkongress in Karlsruhe mit. Aufmerksamkeitsstörung mit und ohne Hyperaktivität sei weltweit die häufigste kinderpsychiatrische Diagnose.

Auf dem Deutschen Kinder- und Jugend-Ärztetag wiesen die Mediziner Vorwürfe zurück, wonach die "Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung" (ADHS) in Deutschland mittlerweile zu einer "Modediagnose" geworden sei. Die Forschung der vergangenen zehn Jahre habe gezeigt, dass bei diesen Patienten eine Fehlfunktion im Hirnstoffwechsel mit einer Verminderung bestimmter Botenstoffe (Neurotransmitter) vorliege.

Auch treffe die Behauptung nicht zu, dass es in diesem Zusammenhang zu einer enormen Steigerung von Arzneimittelverordnungen gekommen sei, hieß es. Während in den USA bereits im Jahr 1994 Kinder mit ADHS zu 80 Prozent entsprechend medikamentös behandelt worden seien, erhielten in Deutschland erst 20 bis 25 Prozent der Betroffenen diese wirksamste aller Therapieformen, teilte der Ärzteverband mit.

Er räumte bei dem Karlsruher Kongress auch mit dem Vorurteil auf, wonach dieses Störungsbild eine typische Erscheinung der modernen Zeit mit ihren zahlreichen Reizüberflutungen sei. ADHS sei bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts bekannt und mit dem Zappelphilipp im Buch "Struwwelpeter" beschrieben worden, betonte die Kinderärzte-Organisation.

Unter ADHS-Kindern finden sich häufig "Unglücksraben": Überschießende Motorik gepaart mit Konzentrationsschwäche und mangelndem Gefahrenbewusstsein führe häufiger als normal zu kleinen Missgeschicken bis hin zu schweren traumatischen Verletzungen. Auch bei den schulischen Leistungen gebe es Probleme. So würden ADHS-Kinder trotz normaler Intelligenz oft als minderbegabt angesehen und wegen ihres häufig sozial unverträglichen Verhaltens in Sonderschulen untergebracht, hieß es.


Autor: Springer Medizin
Stand: Jun 11, 2001


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