Soziale Phobie - Anthropophobie

Die soziale Phobie wird häufig übersehen - vermutlich deshalb, weil ihre Symptomatik vorschnell als extreme Schüchternheit abgetan wird.


Definition

Die soziale Phobie wird häufig übersehen - vermutlich deshalb, weil ihre Symptomatik vorschnell als extreme Schüchternheit abgetan beziehungsweise von körperlichen Störungen überlagert wird.

Charakteristisch für Sozialphobiker ist eine massive, irrationale Angst vor dem Kontakt zu Menschen beziehungsweise vor Situationen, in denen sie prüfend beobachtet, kritisch bewertet und negativ beurteilt werden könnten. Keine Frage: Für die meisten Menschen sind anstehende Konfrontationen oder Situationen, die als ungewiss eingeschätzt werden, mit Aufregung, Angst oder zumindest Unwohlsein verbunden. Die Existenz wird dadurch aber nicht wirklich gefährdet. Angst ist ein grundlegendes Gefühl, das bei jedem Menschen genauso auftritt wie Freude, Trauer und Wut. Angst und Unsicherheit gehören zu den alltäglichen Erfahrungen jedes Menschen. Angst kann als positive Herausforderung und mehr noch, als Thrill, erlebt werden - als lustvoll besetztes Stresserlebnis, dem es sich zu stellen gilt. Bei sozial Ängstlichen dagegen steht und fällt die eigene Existenz mit dem, was Fremde oder Vorgesetzte von einem denken.

"Diese Patienten", schreibt Professor Dr. J. Margraf, Basel, "fürchten zu versagen, sich lächerlich zu machen oder durch ungeschicktes Verhalten gedemütigt zu werden."

Begleiter solcher Befürchtungen sind körperliche Symptome

Körperlich Symptome treten häufig schon Tage vor oder in phobisch (krankhaft ängstlich) besetzten Situationen auf: Erröten, Zittern, Herzrasen, schweißnasse Hände, Verkrampfungen, Sprechhemmungen, Druckgefühle im Kopf, Kribbeln im Magen, Atemnot und Panikgefühl.

Um all das zu vermeiden, gehen Sozialphobiker Bewertungs- und Leistungssituationen aus dem Weg. Reisen, Feste, Veranstaltungen, Gespräche, Vereinsaktivitäten, berufliche Karriere - nichts geht mehr. Es wird alles versucht, um sich mit der Furcht zu arrangieren, das tägliche Leben nicht (länger) ertragen zu können. In Extremfällen findet Freizeit in den eigenen vier Wänden statt. Freund- und Partnerschaften sind quasi unmöglich, Arbeitsprozesse vollziehen sich übermäßig fleißig, still und angepasst.

Da das Krankheitsbild noch nicht so bekannt ist, denken viele, sie litten lediglich an extremer Schüchternheit. Wenn diese Schüchternheit allerdings so weit geht, dass die Betroffenen glauben, sich vor vermeintlichen Bedrohungen mit Vermeidungsstrategien schützen zu müssen, sollten sie sich professioneller Hilfe nicht verschließen. Die Chancen, neues Selbstvertrauen zu gewinnen und wieder am Leben teilzuhaben, stehen gut.

Quelle: Springer Medizin
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