Franziska van Almsick im Interview

"Ich muss mich heute mit niemandem messen"

Franziska van Almsick (32) hat sich freigeschwommen. Mit wissen&gesundheit sprach die ehemalige Profisportlerin über das Leben an Land und ihre neue Gelassenheit.


wissen&gesundheit

Sie haben in Ihrer Karriere extreme Höhen und Tiefen erlebt. Hat Sie das geprägt?

Almsick

Stolz kann man das nicht nennen... Ich bin froh, dass ich die Kurve bekommen habe. Das hätte sich auch alles ganz anders entwickeln können. Ich glaube, dass ich heute weniger Angriffspunkte biete als früher. Beim Schwimmen ging es ums Gewinnen oder Verlieren, und darum geht es heute nicht mehr. Ich mache die Dinge, die mir Spaß machen und mit denen ich mich auskenne. Ich versuche, meine Stärken auszubauen und an meinen Schwächen zu arbeiten. Und dabei muss ich mich nicht verbiegen.

wissen&gesundheit

Empfinden Sie noch manchmal Leistungsdruck?

Almsick

Überhaupt nicht mehr. Es geht mir nicht mehr darum, die Schnellste und Beste zu sein. Ich bin, wie ich bin, und entweder, man nimmt mich so, oder man lässt es bleiben. Es gab in meinem Leben Zeiten, in denen ich viele Probleme hatte und erst einmal selbst herausfinden musste, wer ich bin und wo ich stehe. Schon mit 14 war ich das große Vorbild. Das hat mich sehr belastet. Es gab auch vieles, was ich nicht an mir mochte, ich habe auch einige Macken. Ich war nicht immer perfekt, aber ich war schließlich "Allgemeingut" und "unser Goldfischchen". Ich selbst hatte immer das Gefühl, dass die Leute etwas in mir sehen, was ich nicht bin. Mittlerweile bin ich 32 und Mutter, habe meine eigene Familie. Jetzt bin ich in der Lage, Verantwortung zu übernehmen. Deswegen setze ich mich auch mehr für andere ein, als ich das früher getan habe.

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Sie sind Botschafterin für Organisationen wie "Laureus" und "Ein Herz für Kinder". Was können Sie durch Ihre Prominenz bewirken?

Almsick

Was man sagt, wird eher gehört, wenn man prominent ist. Also hat man automatisch größeren Einfluss. Das ist eigentlich nichts Besonderes. Ich bewundere Menschen, die sich seit vielen Jahren und aus tiefster Überzeugung für etwas einsetzen. Ich versuche die Aufmerksamkeit, die ich erreichen kann, zu nutzen. Aber deswegen bin ich noch keine "Charity-Queen". Für mich ist es wichtig, authentisch zu bleiben und mich mit dem Projekt zu identifizieren.

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Sie unterstützen auch "Heidelberger Kids auf Schwimmkurs" – ein Projekt in Ihrer neuen Heimatstadt. Was ist das Ziel der Kampagne?

Almsick

Das Ziel ist, jedem Kind die Möglichkeit zu geben, in der Schule schwimmen zu lernen. Wir fangen bei den Lehrern an und bilden sie entsprechend aus, damit sie ihrerseits die Kinder besser unterrichten können. Das liegt mir deshalb so am Herzen, weil Schwimmen lebensnotwendig ist. Es handelt sich nicht einfach um eine Trendsportart. Ich möchte, dass kein Kind mehr ertrinkt, weil es nicht schwimmen kann. Das passiert leider Gottes immer noch viel zu häufig. Ich würde mich daher freuen, wenn wir das Projekt auf Bundesebene ausweiten können. Da müssen natürlich auch die Städte und Gemeinden mitmachen. Braunschweig und Wolfsburg haben das Konzept bereits übernommen, andere Städte haben auch schon nachgefragt.

wissen&gesundheit

Sie haben auch zwei Kinderbücher herausgebracht. Wie kam es dazu?

Almsick

Die Idee hatte ich schon, bevor ich selbst Mutter wurde. Ich habe mal für die Welt am Sonntag gearbeitet und gemerkt, dass mir das Schreiben Spaß macht. Da habe ich mich hingesetzt und mit dem Buch angefangen. Mir geht es nicht darum, Kinder für den Profisport zu begeistern. Ich möchte Eltern wie Kindern einfach klarmachen, wie wichtig es ist, schwimmen zu lernen.

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Werden Sie Ihrem Sohn Don Hugo das Schwimmen selbst beibringen?

Almsick

Nein. Das soll jemand machen, der dafür ausgebildet wurde. Da wäre ich nicht die Richtige. Ich war zwar Hochleistungsschwimmerin, aber ich habe nicht mal einen Trainerschein, geschweige denn ein Seepferdchen-Abzeichen. Das gab es allerdings im Osten auch gar nicht.

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Gehen Sie noch ab und zu ins Wasser?

Almsick

Nur noch zum Spaß, aber ich schwimme keine Bahnen mehr. Früher habe ich es auf 2.500 Kilometer pro Jahr im Wasser gebracht. Irgendwann reicht es einfach. Heute mache ich Pilates, um in Form zu bleiben.

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War es schwierig, sich nach Ihrem Karriereende mit 26 neu zu orientieren?

Almsick

Anfangs ja, weil mein ganzer Tagesablauf vom Sport bestimmt war. Aber ich habe mich auch gut darauf vorbereitet und mein Leben komplett neu aufgebaut. Anfangs war es schwierig für mich, nicht mehr „messbar“ zu sein. In meiner aktiven Zeit wusste ich genau, wann ich ein gutes Ergebnis abgeliefert hatte. Es gab eine klare Struktur und klare Grenzen. Jetzt bin ich natürlich froh, dass die Grenzen weg sind. Aber wenn ich mich abends hinsetze, weiß ich manchmal nicht, ob es ein guter oder schlechter Tag war. Damit muss man umgehen lernen.

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Was hat sich verändert, seit Sie Mutter sind?

Almsick

Ich bin viel ruhiger geworden. Mein Sohn hat mich gelassener werden lassen. Ich stelle nur noch halb so hohe Anforderungen an mich selbst. Ganz habe ich das natürlich nicht abgelegt, dafür bin ich dann doch zu diszipliniert. Ich finde es auch wichtig, dass man sich etwas vornimmt im Leben, einfach in den Tag hinein leben ist nicht so meins. Aber ich muss heute nicht mehr jeden Tag wunderbar aussehen und alles perfekt machen. Ich habe auch überhaupt kein Konkurrenzdenken mehr. Ich würde heute nicht einmal mehr mit jemandem zusammen Sport machen, mit dem ich mich messen muss. Ich spiele zum Beispiel gerne Golf, würde aber nie ein Turnier spielen.

wissen&gesundheit

Was ist Ihnen heute wichtig?

Almsick

Logischerweise ist die Gesundheit das Allerwichtigste. Und meine Familie steht über allem. Ich würde alles stehen und liegen lassen, wenn es Probleme innerhalb meiner Familie geben würde.

wissen&gesundheit

Und in Zukunft?

Almsick

Ich will mich nie aus den Augen verlieren. Ich will auch in zehn Jahren noch von mir sagen können, dass ich immer authentisch war und mich nie verstellt habe. Das Leben als Prominenter ist schon sehr wild. Im Grunde genommen ist alles ein großes Schauspiel. Ab und zu möchte ich in diesem großen Zirkus auch mitspielen, aber ich will mich auch immer wieder zurückziehen können in meine vier Wände und mich auf die wesentlichen Dinge im Leben besinnen. Und natürlich möchte ich ernst genommen werden.

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Quelle: Wissen & Gesundheit, 03.2010
Autor: Springer Medizin
Stand: Jul 7, 2010


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