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Hüftendoprothesen-Implantation

Hüftgelenksersatz: ein einträgliches Geschäft?

Seit 2002 ist die Rate der Hüftendoprothesen-Implantationen in Deutschland um 46 Prozent auf 157000 pro Jahr gestiegen. Liegt das auch an der Lukrativität des Eingriffs für die Kliniken?

In Deutschland werden inzwischen pro Jahr rund 157000 künstliche Hüftgelenke (Hüftendoprothesen) implantiert. Laut "Spiegel" vom November 2009 liegt das auch an der Lukrativität des Eingriffs für die Kliniken. MMW bat Prof. Reiner Gradinger, Orthopäde am Klinikum rechts der Isar in München, um einen Kommentar.

MMW: In einem Bericht des Magazins "Spiegel" wurde behauptet, die Zahl der Hüftprothesenimplantationen sei in den vergangenen Jahren deshalb so stark gestiegen, weil das DRG-System* die Operation für die Kliniken finanziell so lukrativ mache. Stimmt das?

Gradinger: Das ist eine relativ richtige Aussage. Das hängt natürlich mit dem gesamten medizinischen Umfeld zusammen. Wir verzeichnen infolge der Einführung des Fallpauschalen-Systems eine brutale Kommerzialisierung der Gesundheitsversorgung insgesamt. Das betrifft jede Fachrichtung, nicht nur die Orthopädie und Unfallchirurgie.

Es besteht also ein direkter Zusammenhang zwischen den monetären Interessen eines Krankenhauses und den Implantationsraten von Kunstgelenken (Endoprothesen)?

Gradinger: Global kann man das natürlich so nicht sagen. Aber das, was rentabel ist, wird gemacht. Die Geschäftsführer der Krankenhäuser üben Druck auf die angestellten Ärzte aus. Es gibt heute keinen Chefarztvertrag mehr ohne Erfolgsklauseln. Und Erfolg wird eben auch an Fallzahlen festgemacht. Deswegen sehen wir einen "Run" auf die lukrativen Patienten. Diese Art der Kommerzialisierung der Medizin ist in meinen Augen eine Fehlentwicklung. Wir Krankenhausärzte können da kaum gegensteuern. Der Gewinn bei den Endoprothesen hängt nicht nur von der Zahl der pro Jahr implantierten Prothesen, sondern auch von der Art des Implantats ab.

Beklagt wird zudem, dass es Privatkliniken gebe, die sich auf die lukrativen Patienten stürzen, den öffentlich finanzierten Häusern blieben überproportional viele Schwerkranke ...

Gradinger: Ja, in den Privatkliniken werden zum Beispiel Patienten mit schwer infizierten Prothesen nicht behandelt, solche schwer kranken Menschen "rechnen" sich häufig nicht. Wir in Krankenhäusern der Maximalversorgung müssen die Behandlung schwer kranker Menschen durch andere Leistungen gegenfinanzieren. Allerdings muss man ebenso erwähnen, dass sich mit der Nachjustierung der DRGs unsere Wirtschaftlichkeit verbessert hat und mittlerweile auch Problemfälle abgebildet werden. Das ist jedoch keinesfalls immer so. Jeder Patient mit infizierter Prothese kostet extrem viel Geld.

Mehr als 90 Prozent der erstmalig implantierten Hüft- und Knieprothesen halten mindestens zehn Jahre. Trotzdem sind einer GEK-Umfrage zufolge viele Patienten nicht zufrieden. Woran liegt das?

Gradinger: In der Tat sind Standzeiten nur ein Aspekt. An unserem Klinikum rechts der Isar liegt übrigens die 20-Jahres-Standzeit bei etwa 90 Prozent. Die Patientenzufriedenheit ist sicher niedriger. Das liegt unter anderem daran, dass die muskuläre Situation mit der Operation eben nicht nachhaltig verbessert werden kann. Die Patienten sind ja nicht nur knochenkrank. Da ist der Gelenkknorpel geschädigt, da ist die Gelenkkapsel betroffen und die Muskulatur geschwächt. Insofern sind unter Umständen Ansprüche des Patienten nicht deckungsgleich mit dem, was realistischerweise erwartet werden kann. Das Endresultat hängt unter anderem von der Trainierbarkeit der Patienten ab. Andererseits hat unter Orthopäden und Unfallchirurgen das Bewusstsein dafür zugenommen, dass Endoprothetik nicht nur Knochenchirurgie, sondern ganz maßgeblich auch Weichteilchirurgie ist.

Ständig kommen neue Kunstgelenkvarianten (Implantate) auf den Markt, werden neue Operationstechniken propagiert. Kann das nicht etablierte Standards und letztlich Langzeitergebnisse gefährden?

Gradinger: Das ist ganz sicher so. Das eine Problem der heutigen Medizin ist die angesprochene Kommerzialisierung, das andere, dass sie PR-getrieben ist. Es war ein großer Fehler, dass vor Jahren das Werbeverbot für medizinische Dienstleister aufgehoben worden ist. Seitdem geht eine Werbeflut übers Land. Ich bin nicht absolut gegen Werbung. Aber die transportierten Informationen müssen seriös sein, was besonders bei Einführung neuer Implantate oft nicht der Fall ist. Der Patient kann das Unseriöse vom Seriösen freilich nicht unterscheiden.

Glossar

DRG (Diagnosis Related Groups - deutsch: Diagnosebezogene Fallgruppen): Ein ökonomisch-medizinisches Klassifikationssystem, mit dem Leistungen an Patienten anhand ihrer Diagnose und der durchgeführten Behandlungen in Fallgruppen klassifiziert und vergütet werden. Bezahlt wird nicht der Einzelfall und damit die tatsächlich angefallenen Kosten, sondern eine Fallpauschale. Diese entspricht dem, für eine bestimmte Behandlung ermittelten, durchschnittlichen ökonomischen Aufwand.


Quelle: MMW Fortschr Med, 2009; 47 (151):6 / Von der Lifeline-Redaktion für Patienten überarbeitet.
Autor: Das Gespräch mit Prof. Dr. med. R. Gradinger führte Dr. med. Thomas Meißner
Stand: Oct 15, 2010


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