Arzt mit Patient

Schwierige Patienten

Menschen mit Demenz im Krankenhaus

Ein Aufenthalt im Akutkrankenhaus verstört demenzkranke Patienten. Sie werden ihrer vertrauten Umgebung entrissen, mit fremden Menschen, einer unbekannten Umgebung und ungewohnten Tagesabläufen konfrontiert. Eine Belastungsprobe für Angehörige, Ärzte und Pflegekräfte.

"In den fünf Jahren der Demenzkrankheit meines Mannes musste ich ihn viermal in ein Krankenhaus bringen lassen. Bei diesen Aufenthalten fügte sich mein Mann noch relativ adäquat in den Tagesablauf. Mitte 2006 musste sein Leistenbruch operiert werden. Er begriff nicht mehr, was mit ihm und um ihn herum vor sich ging. Er konnte nicht verstehen, warum ich irgendwann wieder gehen musste. Für die Nachtschwester war diese erste Nacht sicherlich nichteinfach. Mein Mann wollte weglaufen, suchte mich und rief nach mir. Auch wenn er mich nicht immer als seine Frau erkannte, blieb ich doch die Bezugsperson bis zum Schluss. So erwartete mich nach der Operation die Schwester, die mich bat dafür zu sorgen, dass mein Mann Wasser ließ. Mit viel Geduld habe ich es geschafft, Zeit, die sich das Pflegepersonal niemals hätte nehmen können. Ein anderes Mal kam mein Mann in die Gerontopsychiatrie. Dort musste er Tag und Nacht fixiert werden." Immerhin besser als sediert, weiß Dr. Else Loos, 2. Vorsitzende der Alzheimer-Gesellschaft Brandenburg auf der 10. Fachtagung der Alzheimer-Gesellschaft Brandenburg in Potsdam- Hermannswerder zu berichten.
Das Fallbeispiel zeigt die alltägliche Katastrophe, wenn geriatrische Patienten, die "nebenbei" an einer Demenz leiden, mit einer internistischen oder chirurgischen Diagnose in ein Krankenhausmüssen. "Aufgrund von krankheitsbedingten Orientierungs- und Gedächtnisproblemen reagieren diese meist mit Unsicherheit, Überforderung, Angst, Unruhe und Weglauftendenz. Sie verstehen die Routineabläufe im Krankenhaus nicht und wehren oftmals notwendige Behandlungen ab. Symptome einer bisher vielleicht nicht erkannten Demenz zeigen sich womöglich erstmals oder verschlimmern sich", sagte Prof. Eva-Maria Neumann, 1. Vorsitzende der Alzheimer-Gesellschaft Brandenburg.

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Herausforderung für die Pflege

Auch professionelle Pflegekräfte sind meist nur unzureichend darauf vorbereitet und zu wenig über die Krankheit und den Umgang mit Demenzerkrankten informiert. "Die Behandlung akuter Verwirrtheitszustände nach Operationen zum Beispiel erfordert spezielles psychiatrisches Wissen der Ärzte auf internistischen und chirurgischen Stationen", so Neumann weiter. Um die herausfordernden Verhaltensweisen zu mildern, werden häufig Beruhigungsmittel gegeben. Mit der Folge, dass die Patienten nun völlig passiv werden und sich die Demenzsymptome verschlechtern. Angehörige reagieren darauf besorgt und sind besonders verunsichert, "wenn die von vielen Akutkrankenhäusern verursachten und natürlich nicht erkannten Delirien - nicht nur postoperativ, sondern auch medikamenteninduziert - zu einer Verschlechterung des Funktions- und Gesundheitszustandes geführt haben". Wie oft habe sie in der Angehörigenberatung Töchter und Ehefrauen aufklären und trösten müssen, die das herzzerreißende "Ich will nach Hause!" oder das stereotype "Wo komme ich denn hier raus?" verfolgte. Pflegende Angehörige bezweifelten ihre eigene Kompetenz: Wie soll ich mit dem Kranken in der häuslichen Umgebung noch fertig werden? Und tatsächlich folgt nach einer Einweisung ins Akutkrankenhaus oft eine ins Pflegeheim. Deshalb, so der Hamburger Neurologe und Psychiater Jan Wojnar, sollten im Interesse aller Beteiligten, alle Einweisungen von Demenzkranken inKrankenhäuser auf ein unumgängliches Minimum beschränkt und sehr sorgfältig vorbereitet werden.

Fortbildung in den Akuthäusern

Neumann stellte heraus, dass es nicht nur die Pflegekräfte seien, die nicht auf einen kompetenten Umgang mit Demenzpatienten vorbereitet sind. Therapeuten, Sozialarbeiter und Ärzte benötigten ebenfalls entsprechende Fortbildungen. Besonders aus Heimen werde zu schnell ins Krankenhaus eingewiesen. Dass es auch anders geht, zeigen Beispiele. Die Berufsgenossenschaftlichen Kliniken Bergmannsheil in Bochum haben für die hauseigene Krankenpflegeschule das Curriculum so verändert, dass sich bereits Schüler im ersten Ausbildungsjahr mit der Thematik vertieft auseinandersetzen.
Die Pflegekräfte verschiedener Stationen erhalten ein dreitägiges Seminar "Umgang mit demenzkranken Patienten".Ehrenamtliche bieten im "Cafè Memory" zwei Stunden in der Woche eine biografie- und sinnesgestützte Arbeit mit Kaffeeklatsch an.
Das 2001 von der WHO ausgezeichnete Modellprojekt Gerontopsychiatrische Konsiliar- und Liaisondienste des Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren in Bayern hat einen interdisziplinären Fachdienst, bestehend aus einem Facharzt, zwei Krankenschwestern für Psychiatrie, einer Ergotherapeutin und einer Schreibkraft etabliert. Ein Allgemeinkrankenhaus ist der Kooperationspartner. Das Team bezieht die Angehörigen ein, berät diese, unterstützt das Entlassungsmanagement in Kooperation mit dem Krankenhaussozialdienst, aktiviert die häuslichen Unterstützungsmöglichkeiten und Hilfenetze und hält Kontakt zu den niedergelassenen Ärzten.
Neumann plädierte für Rooming-In-Angebote, um die Kompetenz der pflegenden Angehörigen zu nutzen. Für die meisten Patienten, die aus Heimen auf eine internistische oder chirurgische Abteilung eingewiesen werden, bedeutet das, dass sich die Pflege- beziehungsweise Bezugsperson ändert, dass sie Orientierungshilfen oder Begleitpersonen benötigen.

Das Krankenhaus muss sich anpassen

Muss ein Demenzerkrankter ins Krankenhaus, weil er eine Lungenentzündung, einen Oberschenkelhalsbruch oder eine Herzerkrankung hat, ist das für ihn meist - nach Aussagen einer betreuenden Tochter - der Gau, berichtete dieSoziologin Dr. Susanne Angerhausen, Wuppertal, Leiterin des Modellprojektes "Verbesserung der Versorgung demenzkranker älterer Menschen im Krankenhaus" in Nordrhein-Westfalen, an dem sich vier Krankenhäuser des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes beteiligen.
Die Analyse zum Modellprojekt ergab, dass den Krankenhäusern meist die notwendigen biografischen Informationenund Angaben über besondere Gewohnheiten fehlten, ebenso wie es ihnen an Konzepten für den pflegerischen Umgang mit diesen Patienten mangelte. Inzwischen habe sich bei den am Modellprojekt beteiligten Häusern eine Menge, häufig Kleinigkeiten, verändert: Biografische Daten werden bei der Aufnahme ermittelt, nach Möglichkeit wird ein Gespräch mit Angehörigen oder dem Begleitpersonal aus dem Heim geführt. Etwas Persönliches, Vertrautes sollte dem Patienten mitgegeben werden, wie zum Beispiel ein Stofftier. Die Pflegekräfte auf den Krankenhausstationen wurden mit der Aufgabe betraut, die Stationen so umzugestalten, dass sie den Bedürfnissen von altersverwirrten Patienten entsprechen. "Die Umgebung muss sich den Patienten anpassen", so die Pflegedienstleiterin Rosemarie Lotzen aus Porz, einem der am Projekt beteiligten Krankenhäuser. Der Entlassung sollte das gleiche Augenmerk wie der Aufnahme des Patienten gelten. Dabei sollte rechtzeitig die häusliche Situation überprüft werden, besonders die Belastung der pflegenden Angehörigen. Wichtig ist auch die Klärung der Betreuungsregelung durch den Sozialdienst. Ein gutes Entlassungsmanagement muss den Hilfebedarf feststellen, damit die seelische und psychische Belastung von Patient und Angehörigem reduziert wird.


Quelle: Nach Informationen aus Heilberufe - Das Pflegemagazin (12/2007)
Autor: Ines Landschek
Stand: Oct 30, 2008


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