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Volkskrankheit Allergie

Westliche Länder liegen an der Spitze

In westlichen Ländern gelten Allergien inzwischen als Volkskrankheit des 21. Jahrhunderts. Ihre Häufigkeit hat in den letzten Jahrzehnten dramatisch zugenommen. Besonders Kinder leiden heute oft an Allergien. Neben der familiären Vorbelastung hat der Lebensstil einen Einfluss auf das Erkrankungsrisiko.

In Deutschland leiden heute etwa 15 bis 25 Prozent der Bevölkerung an allergischen Erkrankungen, rund ein Drittel weist Sensibilisierungen gegenüber Allergenen auf. Ähnlich sieht es in anderen Industrienationen aus. Weltweit gibt es allerdings erhebliche Unterschiede. Derzeit gibt es zwei große Studien, die einen Vergleich zwischen Deutschland und anderen Ländern rund um den Globus ermöglichen, eine für Kinder und eine für Erwachsene.

In der Studie ISAAC lag zu Beginn der 1990er Jahre die Häufigkeit von asthmatischen Symptomen in einem Zeitraum von zwölf Monaten bei Kindern im Alter von 13 bis 14 Jahren zwischen zwei Prozent in Indonesien und 30 Prozent in Großbritannien. Deutschland befand sich mit 15 Prozent knapp im oberen Drittel der untersuchten Länder. Bei allergischem Schnupfen und Neurodermitis waren die Relationen vergleichbar - hier landete Deutschland mit 13 bzw. sieben Prozent im Mittelfeld. In einer Wiederholung der ISAAC-Studie im Jahr 2000 waren die Spannbreite der Ergebnisse und das Abschneiden von Deutschland im weltweiten Vergleich ähnlich.

In der ECRHS-Studie, die auch Anfang der 1990er Jahre durchgeführt wurde, lag die Häufigkeit von Asthma bei 20- bis 44-Jährigen zwischen zwei Prozent in Estland und zwölf Prozent in Australien. Bei allergischem Schnupfen reichten die Werte von zehn bis 41 Prozent. In beiden Fällen belegte Deutschland einen Platz im Mittelfeld, wobei allerdings im westdeutschen Hamburg deutlich mehr Erwachsene von diesen Allergien betroffen waren als im ostdeutschen Erfurt. Die Unterschiede zwischen West und Ost fielen in späteren Untersuchungen, beispielsweise im Jahr 2008, deutlich geringer aus.

Zunahme der Allergien in den letzten Jahren

Die internationale ISAAC-Studie belegte bei Kindern im Alter von sechs bzw. 13 bis 14 Jahren zwischen 1994 und 2000 eine deutliche Zunahme der Häufigkeit von allergischen Erkrankungen. Deutsche Studien bestätigten dies allerdings nicht unbedingt. Generell wird derzeit davon ausgegangen, dass in Westdeutschland die Häufigkeit von Allergien bei den Geburtsjahrgängen ab 1970/80 auf hohem Niveau bestehen bleibt, aber nicht weiter steigt. Dies könnte zum einen darauf zurückzuführen sein, dass die Lebensstiländerungen, die die Allergieentwicklung vermutlich fördern, 1970/80 abgeschlossen waren. Eine weitere Erklärung dafür könnte sein, dass die Häufigkeit von Allergien, die in der deutschen Bevölkerung aufgrund der genetischen Empfänglichkeit maximal möglich ist, erreicht ist.

In Ostdeutschland, wo Allergien kurz nach der Wiedervereinigung oft noch deutlich seltener als in Westdeutschland waren, stellt sich die Situation anders dar: Hier hat die Häufigkeit von Allergien - insbesondere von Heuschnupfen - bei Kindern nach 1990 stärker zugenommen als in Westdeutschland. Der Grund ist vermutlich, dass sich die Lebensbedingungen, die in Ostdeutschland zu Zeiten der DDR anders waren, nach der Grenzöffnung zunehmend an die Lebensbedingungen in Westdeutschland angeglichen haben.

Für den Verlauf der Häufigkeit von allergischen Erkrankungen bei Erwachsenen in den letzten Jahrzehnten in Deutschland liegen mehrere Studien vor. Demnach ist der Anteil von Menschen, die im Laufe ihres Lebens an Asthma erkranken, von drei Prozent 1984 auf sieben Prozent 1998 gestiegen. Die Häufigkeit der Erwachsenen mit allergischem Schnupfen erhöhte sich von zehn Prozent 1991 auf 18 Prozent 1998. Aufgeschlüsselt nach dem Alter zeigte sich in Untersuchungen 1991 und 1998 übereinstimmend, dass die Allergie-Häufigkeit mit zunehmendem Alter abnimmt. Anders als zunächst angenommen ist dies jedoch vermutlich nicht auf eine Besserung der Allergien mit zunehmendem Alter zurückzuführen, sondern eine Folge davon, dass jüngere Geburtsjahrgänge stärker betroffen sind.

Allergien im Kindesalter

Das Robert Koch-Institut hat 2003 bis 2006 umfassend die Gesundheit von rund 18.000 Kindern im Alter von 0 bis 17 Jahren in Deutschland untersucht. Demnach hatten 17 Prozent der Kinder und Jugendlichen aktuell eine allergische Erkrankung. Zudem bestätigte sich der Einfluss der Gene auf das Allergierisiko: So waren 24 Prozent der Kinder, bei denen ein oder beide Elternteile eine Allergie hatten, selbst auch erkrankt. Bei Kindern ohne entsprechende familiäre Vorbelastung betrug der Anteil der Allergiker nur elf Prozent.

Doch auch Umweltfaktoren wirken sich aus. Beispielsweise hatten 19 Prozent der Kinder mit hohem sozialen Status und hingegen nur 14 Prozent der Kinder mit niedrigem sozialen Status eine Allergie. Zudem waren Jungen (18 Prozent) stärker betroffen als Mädchen (15 Prozent), Kinder ohne Migrationshintergrund (18 Prozent) waren häufiger erkrankt als Kinder mit Migrationshintergrund (13 Prozent) und Kinder ohne ältere Geschwister öfter Allergiker (20 Prozent) als Kinder mit einem oder mehreren älteren Geschwistern (16 Prozent).

Die Autoren der Studie schließen hieraus, dass neben der erblichen Komponente auch der Lebensstil bei der Entstehung einer Allergie eine Rolle spielt. Nach der Hygienehypothese haben zum Beispiel Kinder mit höherem sozialen Status, ohne Migrationshintergrund und/oder ohne ältere Geschwister womöglich weniger Kontakt zu Krankheitserregern und Allergenen, weil in den Familien sehr auf Sauberkeit und Hygiene geachtet wird und die Ansteckungsgefahr durch Kontakt mit anderen Kinder geringer ist, was das Risiko für spätere Allergien erhöht.


Quelle: Ring, J.; Bachert, C.; Bauer, C.-P.; Czech, W. (Hrsg.): Weißbuch Allergie in Deutschland; 3. Aufl. München: Urban & Vogel, 2010;
Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS). Präsentation durch das Robert Koch-Instituts am 25. September 2006 in Berlin. URL: http://www.kiggs.de/experten/erste_ergebnisse/symposium/index.html (Stand: 7.09.2010);
Füller, I.: Allergien – Diagnose, Vorbeugung, Behandlung. Berlin: Stiftung Warentest, 2007
Autor: Petra Eiden
Stand: Sep 7, 2010


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