Allergien vorbeugen
Ist effektiver Schutz möglich?
Ärzte werden häufig von Eltern mit Allergien gefragt, wie sie ihre Kinder davor schützen können, auch zu erkranken. In einer aktuellen Leitlinie wurde zusammengetragen, welche Maßnahmen wissenschaftlich gesichert sind.
In Zeiten der sogenannten evidenzbasierten Medizin sollten möglichst alle medizinischen Maßnahmen nicht nur auf guten Erfahrungen des behandelnden Arztes beruhen, sondern auch in wissenschaftlich anspruchsvollen Studien auf ihren potentiellen Nutzen überprüft worden sein. Entsprechende Erkenntnisse werden von Experten zusammengetragen und in Leitlinien veröffentlicht sowie bewertet. Eine derartige Leitlinie mit höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen wurde 2009 von mehreren deutschen Fachgesellschaften zu der Frage publiziert, welche Maßnahmen dazu beitragen können, das Auftreten von Allergien zu verhindern.
Denn die Frage treibt vor allem viele Eltern um, die selbst Allergien haben und ihre Kinder vor der Erkrankung schützen möchten, weil diese ein erhöhtes familiäres Risiko aufweisen. Entsprechend vielfältig sind die Empfehlungen: Sie reichen von Diäten in der Schwangerschaft und Stillzeit bis hin zum Meiden bzw. gezielten Anschaffen von Haustieren. Doch vieles hält der wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand.
Stillen und ausgewogene Ernährung
Nach Angaben der Leitlinie gilt als gut gesichert, dass ausschließliches Stillen in den ersten vier Monaten allgemein einen Schutz vor Allergien bieten kann. Kinder, bei denen dies nicht möglich ist, sollten bis zum vollendeten vierten Lebensmonat eine spezielle hypoallergene Nahrung erhalten, wenn sie - beispielsweise aufgrund einer erblichen Vorbelastung - ein erhöhtes Allergie-Risiko haben. Sojabasierte Säuglingsnahrungen werden hingegen nicht empfohlen. Kinder ohne erhöhtes Risiko können mit normaler Säuglingsnahrung ernährt werden.
Zu speziellen Diäten bei der mütterlichen Ernährung in der Schwangerschaft und Stillzeit und im ersten Lebensjahr beim Kind rät die Leitlinie nicht. Insgesamt wird eine ausgewogene und nährstoffdeckende Ernährung in dieser Zeit empfohlen. Zudem sollte die Beikost beim Kind - wie erwähnt - erst nach dem vollendeten vierten Lebensmonat eingeführt werden. Bei den Nahrungsgewohnheiten hat jedoch ein gewisses Umdenken stattgefunden. So wurde von Fisch im ersten Lebensjahr früher abgeraten, inzwischen gibt es ganz gute Daten für eine schützende Wirkung von Fischkonsum während der Schwangerschaft und Stillzeit sowie in den ersten Lebensjahren.
Katzen, Hunde, Felltiere
Für Menschen ohne erhöhtes Allergierisiko besteht laut Leitlinie kein Grund, die Haustierhaltung vorbeugend einzuschränken. Bei Kindern mit erhöhtem Risiko ist die Auswirkungen der Haustierhaltung auf die Allergieentwicklung derzeit nicht eindeutig abzuschätzen. Die Anschaffung von Felltieren zum Schutz gilt nicht als empfehlenswert. Von Katzenhaltung wird - so möglich - abgeraten, weil sie in Studien eher ein Risikofaktor war. Hundehaltung ist hingegen vermutlich nicht mit einem höheren Allergierisiko verbunden.
Rauchen, Luftbelastung, Übergewicht
Da sowohl aktives als auch passives Rauchen das Allergie-, insbesondere das Asthmarisiko erhöht, rät die Leitlinie hiervon dringend ab - besonders während der Schwangerschaft. Darüber hinaus sollten alle Kinder - auch mit erhöhtem Risiko - gemäß den aktuellen Empfehlungen der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institutes geimpft werden, weil es zum einen keine Belege dafür gibt, dass Impfungen das Allergierisiko erhöhen, und zum anderen Studien darauf hinweisen, dass Impfungen das Allergierisiko sogar senken können.
Zu weiteren empfehlenswerten Maßnahmen gehört es, das Schimmelpilzwachstum in Innenräumen, die Belastung mit KfZ-Abgasen und Innenraumluftschadstoffen (etwa flüchtige organische Verbindungen wie Formaldehyd, die unter anderem durch neue Möbel sowie bei Maler- und Renovierungsarbeiten freigesetzt werden können) und insbesondere bei Kindern Übergewicht zu vermeiden. Maßnahmen gegen eine Hausstaubmilbenbelastung werden zur reinen Vorsorge - ohne Vorliegen einer Hausstaubmilbenallergie - nicht empfohlen, weil sich keine schützenden Effekte bestätigen ließen. Auch zur Gabe von Probiotika rät die Leitlinie aufgrund widersprüchlicher wissenschaftlicher Daten nicht.
Gezielte Schutzmaßnahmen
Darüber hinaus gibt es in der Forschung derzeit eine Reihe von Konzepten, mit denen das Immunsystem so früh wie möglich gezielt erzogen werden soll, damit sich eine spezifische Toleranz gegenüber Allergenen entwickelt. So soll die Fehlsteuerung des Immunsystems, die den Allergien zugrunde liegt, von vornherein verhindert werden. Zielgruppe sind vor allem Kinder - je jünger desto besser - mit familiärer Vorbelastung, bei denen beispielsweise der Vater an Asthma und die Mutter an Heuschnupfen erkrankt ist. Die Kinder sollten idealerweise noch keine Beschwerden haben und durch die Schutzmaßnahme auch keine bekommen. Eine weitere Zielgruppe stellen Kinder mit Frühsymptomen dar, beispielsweise einer Neurodermitis im ersten halben Lebensjahr oder einer Sensibilisierung gegen Nahrungsmittelallergene im ersten Lebensjahr dar. Hier sollen die Schutzmaßnahmen das Fortschreiten des atopischen Marsches hin zur Atemwegsallergie oder zum anaphylaktischen Schock verhindern.
Ein experimenteller Ansatz ist beispielsweise, Kinder mit hohem Risiko längerfristig einen Cocktail von Allergenen zu verabreichen, um spezifisch eine Toleranzentwicklung gegenüber diesen Allergenen zu fördern und überschießende Immunreaktionen zu verhindern. Bei diesem Konzept gibt es jedoch Sicherheitsbedenken, weil das theoretische Risiko besteht, hiermit auch Sensibilisierungen auszulösen. Darüber hinaus wird in mehreren Ansätzen versucht, das Immunsystem unspezifisch dahingehend zu beeinflussen, dass es eine Toleranz gegenüber Fremdstoffen entwickelt, etwa mit Bakterien, Wachstumsfaktoren für Bakterien, bakteriellen Zellwandbestandteilen, Parasiten oder parasitären Bestandteilen. Hieraus könnte sich eine Art Impfung gegen Allergien ergeben, doch die Entwicklung steht noch am Anfang.





