
Fundsache
Kann man atopische Kinder unbedenklich impfen?
Eltern mit familiärem Atopie-Risiko haben oft Bedenken, ihr Kind nach dem vorgeschlagenen Schema impfen zu lassen. Ob diese Impfungen wirklich die Entwicklung einer Atopie und die Schwere einer Neurodermitis beeinflussen, konnte jetzt eine internationale Studie klären.
Viele Eltern atopischer Kinder befürchten, dass das empfohlene Impfschema ein Gesundheitsrisiko für ihre Kinder darstellt. Im Zuge einer Studie wurden daher insgesamt 2.184 geimpfte Kinder im Alter zwischen einem und zwei Jahren, die eine positive atopische Familienanamnese und schon ein atopisches Ekzem entwickelt hatten, untersucht. Knapp 100 Studienzentren aus Australien, Europa und Südafrika nahmen an dieser retrospektiven Untersuchung („Auswertung bereits vorhandenen Datenmaterials“) teil.
Zwar waren die empfohlenen Impfschemata in den einzelnen Ländern verschieden, aber drei Monate nach der Geburt hatten 90 Prozent der erfassten Kinder schon Impfungen erhalten. Die Analyse erfasste alle Impfungen gegen Diphtherie („echter“ Krupphusten), Tetanus (Wundstarrkrampf), Pertussis (Keuchhusten), Polio (Kinderlähmung), Haemophilus influenzae Typ B, Hepatitis B, Windpocken, Tuberkulose (BCG), Meningokokken und Pneumokokken. RAST-Untersuchungen (Radio-Allergo-Sorbent-Test) zeigten für keine Impfung einen Zusammenhang mit einem erhöhten Risiko für eine Sensibilisierung gegen inhalative oder Nahrungsmittelallergene.
Bei Kindern mit Varizellenimpfung (Impfung gegen die Erreger von Windpocken und Gürtelrose) war die Wahrscheinlichkeit für ein hohes Gesamt-IgE ( > 30 kU/l) sogar erniedrigt (Odds Ratio 0,27), die Ekzemschwere zeigte eine inverse („umgekehrte“) Beziehung zu dieser Impfung. In Bezug auf Pertussis (Keuchhusten), gegen die fast alle Kinder geimpft worden waren, ergab sich ebenfalls eine inverse Korrelation mit der Ekzemausprägung. Ähnlich signifikant und invers gestalteten sich auch die kumulativen (angehäuften bzw. summierten) Impfdosen und die Ekzemschwere (p = 0,0107). Ein statistischer Zusammenhang zwischen verabreichten Impfungen und dem Beginn der atopischen Dermatitis ergab sich nicht.
Kommentar: Den Ergebnissen dieser großen Studie zufolge, gibt es keinen zwingenden Grund, Kinder mit einer positiven Familienanamnese für Atopie in den ersten zwölf Monaten nicht zu impfen. Vor allem auch ein erhöhtes Neurodermitis-Risiko oder eine stärkere Ausprägung dabei ist nach diesen Resultaten nicht zu befürchten – möglicherweise sogar das Gegenteil, auch wenn es sich nur um eine retrospektive und keine randomisierte (verblindete) prospektive („vorausschauende“) Studie handelt.
Glossar
Atopie: Familiär gehäuft auftretende Überempfindlichkeit (in Form von allergischen Reaktionen vom Soforttyp – sogenannte Typ-I-Allergie) von Haut- und Schleimhäuten gegen Umweltstoffe. Zu den atopischen Erkrankungen zählen u.a.: Rhinitis Allergica (allergischer Schnupfen, Heuschnupfen), Konjunktivitis allergica (allergische Bindehautentzündung), Asthma bronchiale und das atopische Ekzem (Neurodermitis).






