Chronobiologische Forschung

Auch der Schmerz hat seine Tagesform

Das Schmerzempfinden wird von vielen Faktoren beeinflusst - unter anderem von dem Geschlecht.


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Woraus resultiert die tageszeitabhängige Schmerzempfindlichkeit?

Prof. Dr. Göbel

Der Körper steuert die Schmerzempfindlichkeit. Es gibt zahlreiche Untersuchungen, die zeigen, dass der Mensch in der Nacht und am frühen Morgen besonders schmerzempfindlich ist. Im Laufe des Tages reduziert sich diese Sensibilität. Die Schmerzempfindlichkeit wird reguliert. Zahlreiche elektrische und biochemische Vorgänge steuern dabei diesen Prozess. Im Schlaf steigt die Schmerzempfindlichkeit, damit Schädigungen während dieser Phase stärker wahrgenommen werden. Andererseits ist bekannt, dass bei Aktivität und Ablenkung die Schmerzempfindlichkeit niedriger ist.

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Haben Frauen und Männer eine unterschiedliche Schmerzschwelle und eine unterschiedliche Toleranz gegenüber Schmerzen?

Prof. Dr. Göbel

Frauen haben im Experiment eine höhere Schmerzempfindlichkeit als Männer. Sie nehmen Schmerz intensiver und differenzierter wahr. Männer haben ein gröberes Schmerzwahrnehmungssystem. Das hat allerdings auch die Konsequenz, dass sie Schädigungen möglicherweise nicht früh genug bemerken. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede liegen zum einen in den Genen begründet, die bewirken, dass der Schmerzwahrnehmungsapparat unterschiedlich empfindlich ist. Zum anderen führen hormonelle Einflüsse zu einer verstärkten Schmerzempfindlichkeit.

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Frauen zeigen größere Unterschiede in der Lateralisation der Schmerzempfindlichkeit. Was bedeutet das und was ist der Grund dafür?

Prof. Dr. Göbel

Der Körper besitzt zwei Hälften – er ist symmetrisch angelegt. So besitzt der Mensch zwei Arme, zwei Beine, zwei Augen und zwei Ohren. Auch die körperliche Schmerzempfindlichkeit zeigt eine Lateralisation: Sie ist auf der linken und der rechten Seite nicht gleich, sondern unterscheidet sich. Der dominante Arm ist dabei weniger empfindlich als der nicht dominante Arm. Umgekehrt werden auf der nicht dominanten Seite die Schmerzen stärker wahrgenommen. Aber auch bei den inneren Organen scheint es so zu sein, dass die dominante Seite weniger schmerzempfindlich ist.

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Weshalb ist bei Frauen die circadiane Rhythmik der Schmerzempfindlichkeit ausgeprägter?

Prof. Dr. Göbel

Der Körper ändert die Schmerzempfindlichkeit im Tagesverlauf. Dabei können diese Veränderungen sehr flach oder aber sehr ausgeprägt sind. Bei Frauen ist die Schmerzwahrnehmung deutlich differenzierter als bei Männern. Sie fühlen die Färbung der verschiedenen Schmerzarten wesentlich intensiver. Es lässt sich sogar direkt messen, dass die Tagesschwankungen bei Frauen bezüglich der Schmerzempfindlichkeit deutlich höher sind. Frauen haben insgesamt ein komplexeres Wahrnehmungssystem.

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Wie geht man am besten mit Schmerz um?

Prof. Dr. Göbel

Früher ging man davon aus, dass alles, was schont und Aktivität reduziert, Schmerzen lindert. Heute weiß man, dass das Umgekehrte richtig ist: Aktivität und Bewegung wirken Schmerzen entgegen. Bei Personen, die nach einem Bandscheibenvorfall lange krankgeschrieben werden, reduziert sich deutlich die Prognose, wieder am Berufsleben teilnehmen zu können. Hier sollte man so schnell wie möglich wieder ins normale Alltagsleben zurückkehren. Wichtig ist, dem Schmerz nicht nachzugeben, sondern ihn zu behandeln und dann wieder aktiv zu werden.

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Welche Medikamente empfehlen Sie bei akuten Schmerzen und warum?

Prof. Dr. Göbel

Manche Schmerzen müssen mit verschreibungspflichtigen Medikamenten behandelt werden, und dafür ist ein Arztbesuch notwendig. Für akute Alltagsschmerzen hingegen gibt es im Wesentlichen drei Medikamente: Aspirin, Paracetamol und Ibuprofen. Dabei ist es wichtig, dass man ein Medikament mit nur einem Wirkstoff einnimmt und nicht Medikamente mit mehreren Substanzen.
Acetylsalicylsäure ist bei Schmerzen, die mit Entzündungen einhergehen, sehr sinnvoll. Der Aspirin-Wirkstoff lindert nicht nur den Schmerz, sondern wirkt auch entzündungshemmend. Bei Spannungskopfschmerzen spielen in der Anfangssituation auch Überlastungen und Schädigungen lokaler Art eine Rolle. Es kommt zu starken Anspannungen und zu leichten Aufquellungen der Sehnen der Kopfmuskulatur. Gelenkentzündungen ganz leichter Art können auftreten. An diesem Punkt kann Aspirin direkt eingreifen und die Entzündungen hemmen. Die Schmerzlinderung führt dazu, dass sich die Anspannung reduziert und damit die Schmerzen zusätzlich zurückgehen. Aspirin aktiviert zudem die Selbstabwehr des Körpers gegen die Schmerzen.


Autor: Springer Medizin
Stand: Jun 9, 2010


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