Special Schmerz

Der Schmerz - ein komplexes Phänomen

"Schmerz funktioniert nicht wie eine Kirchturmglocke"

Schmerzen begleiten häufig Erkrankungen oder Verletzungen, können aber auch aus alltäglichen Überlastungen resultieren. Egal ob Kopf, Rücken oder Gelenke betroffen sind, Schmerz mindert die Lebensqualität und auch die Zufriedenheit mit dem Leben insgesamt. In seinem neuen Buch „Weil ich mit Schmerzen leben muss...", Süd-West-Verlag, bietet Prof. Dr. Hartmut Göbel, Direktor der Schmerzklinik Kiel, Einblicke in die Erfahrungen und Gefühle von Schmerzpatienten und zeigt Therapieansätze auf. Im Interview erklärt er, wie die Schmerzverarbeitung abläuft und was bei Spannungskopfschmerzen passiert.


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Welche Faktoren spielen bei Schmerzerleben und Schmerzverarbeitung eine Rolle?

Prof. Dr. Göbel

Früher wurde angenommen, dass die Schmerzwahrnehmung wie bei einer Kirchturmglocke funktioniert: Unten zieht jemand an der Schnur und in der Folge fängt es oben an zu läuten. Dazwischen gäbe es nichts, was den Schmerz beeinflussen kann. Heute weiß man, dass diese Vorstellung nicht richtig ist. Schmerz wird durch das Gehirn gesteuert, gefärbt und von der Intensität her verändert. Sowohl Faktoren in der Umwelt, als auch im Körper, im Erleben und im Verhalten können den Schmerz verändern und in der Wahrnehmung ganz eindeutig mit bedingen.Schmerz hat einen Sinn für den Körper: Er soll helfen, vor Schaden zu bewahren. Er darf andererseits aber nicht übermächtig sein. In einer Gefahrensituation beispielsweise darf der Schmerz nicht daran hindern, die Flucht zu ergreifen oder sich zu verteidigen. Die Schmerzwahrnehmung muss deshalb vom Körper verändert werden können. Auch Erkrankungen wie zum Beispiel Depressionen oder stressbedingte psychische Probleme haben gravierende Einflüsse auf die Schmerzwahrnehmung. Sie können Schmerzen viel stärker erlebbar machen und die Intensität erhöhen. Die Folge sind letztlich noch mehr Schmerzen.

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Wie häufig tritt Spannungskopfschmerz auf?

Prof. Dr. Göbel

Der Spannungskopfschmerz ist der häufigste Kopfschmerz überhaupt. Rund 54 Prozent aller Menschen leiden darunter. Manche Menschen sind nur einmal im halben Jahr betroffen, andere einmal oder zweimal in der Woche. Bei Patienten mit chronischen Spannungskopfschmerzen treten diese täglich und über viele Monate, manchmal sogar über Jahre hinweg auf.

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Was passiert bei Spannungskopfschmerzen im Gehirn?

Prof. Dr. Göbel

Den unterschiedlichen Ausprägungsmustern liegen verschiedene Mechanismen zugrunde. Bei dem episodischen Kopfschmerz vom Spannungstyp werden die Muskeln, Sehnen und Gelenke zu einseitig belastet. Sitzt man zu lange im Auto oder am Computer und konzentriert sich angespannt nur auf die Dinge, die man sieht, vergisst man häufig, den Kopf zu bewegen - Kopfschmerzen sind die Folge. Wird hingegen der Bewegungsapparat einseitig belastet, ohne dass man unter Anspannung oder Stress steht, treten zwar ebenfalls Schmerzen auf, aber die Haltung wird automatisch verändert. Dadurch werden eine Schädigung sowie damit verbundene Schmerzen verhindert. In der modernen Arbeitswelt, für die sitzende Tätigkeiten und wenig Bewegung charakteristisch sind, treten einseitige Belastungen unter Anspannung aber sehr häufig auf. Zusätzlich wird der Kopf auch noch oft mit anspruchsvollen Denkaufgaben beansprucht. In der Folge ist das Nervensystem mit den sonst ganz automatisch ablaufenden Regulationen überfordert. Schon nach wenigen Stunden kommt es aufgrund ausbleibender Bewegungen zu Verspannungen im Schulter- und Nackenbereich. Entzündungsstoffe werden reaktiv ausgeschüttet. Die Folge sind Kopfschmerzen und übermäßige Schmerzempfindlichkeit der Muskulatur. Halten die auslösenden Bedingungen lange an, erschöpft sich die Schmerzabwehr des Gehirns. Dauerkopfschmerzen sind dann die Folge. Meist verschwinden die Beschwerden, wenn man sich ausruht oder Ausgleichsbewegungen ermöglicht Auch mit einem Schmerzmittel kann man die Entzündungsstoffe stoppen und die Schmerzempfindlichkeit reduzieren. Das Gehirn wird somit vor dem Schmerz geschützt. Das trägt dazu bei, dass er erst gar nicht zur Erkrankung wird.

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Was passiert, wenn die Anspannung den Körper überfordert?

Prof. Dr. Göbel

Wenn man permanent unter Anspannung steht, dauernd muskulärem Stress ausgesetzt ist und der notwendige Ausgleich fehlt, können dauerhafte Veränderungen im Organismus auftreten. Die körpereigene Schmerzabwehr muss dann eingreifen, um die hohe Schmerzempfindlichkeit zu stoppen. Wird auch dieses System überlastet und funktioniert nicht, so kommt es zur Eskalation von dauernden Kopfschmerzen. Die Schmerzempfindlichkeit steigt immer mehr an, und in der Folge kommt es oft auch zu psychischen Veränderungen: Der Patient kann nicht mehr schlafen, er ist gereizt und innerlich angespannt. Es kann zu einer Schmerzerkrankung mit Dauerkopfschmerzen kommen, die nur noch komplex behandelt werden kann.


Autor: Springer Medizin
Stand: Jun 9, 2010


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