Kinder
Nadeln helfen gelähmten Kindern
Schwere kindliche Hirnschäden münden vielfach in eine Zerebralparese, die auch zerebrale Kinderlähmung genannt wird. Im Gegensatz zur bekannten Kinderlähmung, der Poliomyelitis (Polio), handelt es sich hierbei nicht zwingend um eine Infektionskrankheit mit immer gleichen Krankheitszeichen. Die Zerebralparese umfasst stattdessen verschiedenste Störungen, doch ist die Motorik besonders betroffen. Eine bestimmte Therapie des Leidens gibt es bisher nicht. Zwar wurden in den 70er Jahren Operationen gepriesen, doch die Erwartungen blieben unerfüllt. Heute greift die Medizin in der Regel auf die Physiotherapie zurück.
Seit den späten 80ern arbeiten in China Kinderärzte und Neurologen daran, die Zerebralparese mit den Mitteln der traditionellen Medizin zu behandeln. Dazu verwenden sie eine Kombination aus einheimischen Pflanzen, Akupunktur und Massagen, die für die betroffenen Kinder und ihre Familien nicht nur angenehm, sondern zugleich einfach anzuwenden und preiswert ist. Außerdem knüpfen die Forscher so ein Band zwischen chinesischer Tradition und westlicher Moderne.
12 Jahre lang 140 Betroffene beobachtet
Die Forscher beobachteten über den Zeitraum von 12 Jahren 140 Erkrankte. In einem kürzlich erschienenen Beitrag stellen sie ihre Ergebnisse nun vor. Die Untersuchung begann 1991. Die Wissenschaftler recherchierten die wirksamsten Therapieanwendungen, wobei sie traditionelle Anwendungen besonders berücksichtigten. Ferner arbeiteten sie ein Ausbildungsprogramm für die Eltern der Betroffenen aus, um sicherzustellen, dass die Therapie zwischen den ambulanten Sitzungen im Familienkreis fortgeführt werden konnte. Das Alter der Teilnehmer reichte von zwei Monaten bis zum 14. Lebensjahr.
Akupunktur besonders bei älteren Kindern eingesetzt
Jedes Kind absolvierte wenigstens sechs Therapiekurse, jeder aus 10 ambulanten Behandlungen bestehend. Die Therapiekombination bestand aus der Anwendung von heimischen traditionellen Pflanzen, Akupunktur, Ohrpressur, orthopädischer Handstimulation, sowie Physio-, Beschäftigungs- und Sprachtherapie. Je nach Alter, Diagnose und Erkrankungstyp bestimmten die Forscher individuell für jedes Kind die am besten geeigneten Therapieformen. So war z.B. die Akupunkturtherapie besonders für die älteren Kinder sinnvoll. Während der zehn Einzelbehandlungen, die die betroffenen Kinder pro Monat erhielten, absolvierten deren Eltern ein umfassendes Lehrprogramm mit visuellen Präsentationen und ausführlichem Ausbildungsmaterial. Dieses Programm sollte dazu befähigen, die individuelle Rehabilitation im Familienkreis wirksam weiterzuführen.
Ihre Aufmerksamkeit richteten die Forscher v.a. auf die Beeinflussung von Motorik und sozialer Anpassung, dabei umfasste die Motorik u.a. die Fähigkeiten, den Kopf zu heben, sich umzudrehen, zu sitzen, zu kriechen, zu knien, aufzustehen, zu stehen, zu gehen und Treppen zu steigen. Die soziale Adaptation beinhaltete das Essen, Mundspülen, Entkleiden, die Darmentleerung, das Sprechen, Rechnen, Wissen, sowie die allgemeine Aufmerksamkeit.
Beweglichkeit bei 99% der Kinder gebessert
Bei einer übergroßen Mehrheit von 133 Kindern (95%) verzeichneten die Forscher sowohl motorische als auch soziale Besserungen. Außer einem einzigen Kind hatte die Beweglichkeit nach der Therapie bei allen Kindern (99,3%) sichtbar zugenommen gegenüber der Messung vor Therapiebeginn. Die soziale Anpassung gelang bei 133 Kindern nach der Therapie ebenfalls deutlich besser als zu Beginn.
Die Wissenschaftler halten ihren Therapiemix aus traditionellen Pflanzen, Akupunktur und moderner Rehabilitation für wirksam und praktikabel im aktuellen Therapiekonzept der Zerebralparese und wünschen sich eine breite Nachfrage besonders in ihrer Heimat. Die große Mehrheit der Betroffenen, so die Autoren, werde mit hoher Wahrscheinlichkeit einen direkten praktischen Nutzen aus der Kombination der einzelnen Anwendungen ziehen können.
Trotz der eindrucksvollen Ergebnisse leidet die vorliegende Studie unter dem Mangel, dass die Autoren auf nähere Angaben zu den einzelnen Anwendungen verzichtet haben. So bleiben die verwendeten Pflanzen, der genaue Modus der Akupunktur und die Massagetechnik unerwähnt.
Dr. Bernd Ramme, Pressesprecher der Deutschen Akademie für Akupunktur und Aurikulomedizin (DAAAM), meint: "Die Medizin ist augenblicklich weit davon entfernt, Krankheiten wie diese in den Griff zu bekommen. Angesichts fehlender Alternativen könnte sich die Vermutung der chinesischen Autoren auch in unseren Breiten erfüllen." Gerade deshalb pflichtet Ramme den Autoren der vorliegenden Studie bei: "Komplexe Störungen verlangen oft ebensolche Therapien, Maßnahmen also, die den Organismus ganzheitlich beeinflussen. Traditionelle Methoden wie die Akupunktur sind dafür besonders geeignet."
Quelle: Zhou XJ, Zheng K: Treatment of 140 cerebral palsied children with a combined method based on traditional Chinese medicine (TCM) and western medicine. J Zhejiang Univ SCI 2005 6B(1):57-60.




