Operation & Untersuchung
Ohrakupunktur: Schmerzfrei nach Hüft-OP?
Mit der Ohrakupunktur könnten verstärkt Schmerzen nach Operationen kontrolliert und viele Analgetika eingespart werden. Zu diesem Schluss kommen Greifswalder Forscher, die über 50 Patienten mit einer Hüftgelenkoperation mit der hierzulande noch recht neuen Art der Betäubung versorgt hatten.
Obwohl die Ohrakupunktur heute weit verbreitet und hoch wirksam ist, geht der Einsatz gegen postoperative Schmerzen noch langsam voran. Immerhin gelang der Ohrakupunktur im letzten Jahrzehnt der Durchbruch in die operationsbegleitende Medizin. Zahlreiche Studien konnten ihre Wirksamkeit bei der Hemmung von Ängsten, bei der Einsparung von Schmerz- und Betäubungsmitteln, und bei der Linderung von Krebsschmerzen unter Beweis stellen. Für sichere Aussagen zum Bereich der postoperativen Schmerztherapie reicht die Anzahl aussagekräftiger Studien bislang nicht aus. Mediziner der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald untersuchten die Möglichkeiten der Ohrakupunktur am Beispiel von Patienten, die am Hüftgelenk operiert wurden.
61 Patienten schlossen die Forscher in ihre Studie ein und verteilten sie per Zufallsprinzip auf zwei Untersuchungskollektive: Die Testgruppe erhielt die Ohrakupunktur, die Kontrollgruppe erhielt eine Scheinakupunktur. Die Patienten waren darüber informiert, dass die Akupunktur als zusätzliches Mittel neben der postoperativen Standardmedikation in Form einer Schmerzpumpe diente.
Schmerzkontrolle an nur vier Checkpoints
In beiden Testgruppen brachten die Akupunkteure am Vorabend der Operation Spezialnadeln (0,22 mm dick, 1,5 mm lang) an vier Punkten an: im Innern der gleichseitigen Ohrmuschel bzw. an vier Nicht-Akupunkturpunkten auf der äußeren Ohrmuschelwindung. Die Nadeln wurden für drei Tage am Ort belassen. Diesen Zeitraum hatten die Forscher festgesetzt, um sowohl das postoperative Schmerzmaximum, als auch die im Hause übliche postoperative Opioidgabe (Schmerzpumpe) vollständig in die Studie einbeziehen zu können. Die exakte Lage aller Punkte bestimmten die Akupunkteure mit einem elektronischen Suchgerät. Beide Akupunkturärzte hatten eine zertifizierte Ausbildung absolviert und verfügten über mehr als fünf Jahre klinischer Akupunkturerfahrung.
Der zuvor instruierte Betäubungsarzt stimulierte an drei Zeitpunkten manuell die Nadeln für jeweils fünf Minuten. Im Aufwachraum erhielten die Patienten die Schmerzpumpe, sobald sie danach verlangten.
Zunächst stimulierten die Patienten eigenhändig die Nadelpunkte, sobald sie ihre Schmerzen auf mehr als 40 Punkte der 100-Punkte-Schmerzskala schätzten. Erst danach betätigten sie die Opioidpumpe, falls dies noch notwendig war.
Opioid-Einsparung um 32%
Keiner der 54 Patienten, die die Studie vollständig beendeten, verfügte über Akupunkturerfahrung. Die Testgruppe (29 Teilnehmer) zeigte bei den Schmerzmitteln deutlich bessere Werte. Bei den Akupunktierten lag die Zeit bis zum erstmaligen Verlangen nach dem Schmerzmittel mit 40 Minuten deutlich über der der Kontrollgruppe (25 Teilnehmer) mit 25 Minuten, auch benötigte sie in den ersten 36 postoperativen Stunden 32% weniger Schmerzmedikation: 37 bzw. 54 mg. Die ersten drei Tage zusammengenommen, betrug der Gesamtverbrauch des Opioids 0,54 bzw.. 0,84 mg/kg Körpergewicht. Ein ähnliches Verhältnis gilt für die Gesamtmenge an Ibuprofen, das ab der 37. Stunde unterstützend verabreicht werden konnte (1600 bzw. 2100 mg).
Die klassischen Narkosemessgrößen, Funktionsdaten wie Herzfrequenz, Blutdruck und Körpertemperatur, und die Laborwerte waren in beiden Kollektiven nahezu gleich.
Und beim nächsten mal wieder Akupunktur
Die Ohrakupunktur erwies sich als effektiv, sowohl den postoperativen Schmerz als auch die entsprechende Medikation deutlich sichtbar zu senken. Zwar gelang es den Forschern nicht, die Schmerzintensität unter 40 Punkte auf der Skala zu drücken (44 Punkte in beiden Gruppen), dennoch zeigte sich die Mehrheit beider Untersuchungskollektive mit dem Schmerzverlauf zufrieden und war bereit, eine solche Betäubung zu wiederholen.
In der Verwendung mechanischer Schmerzpumpen sehen die Autoren Grenzen und Schwachpunkte ihrer Arbeit, entgegen elektronischen Geräten können mechanische ihre Daten nicht automatisch übertragen und digital speichern. Außerdem empfehlen die Autoren, in künftigen Untersuchungen die Allgemeinnarkose nicht nur anhand der klassischen Größen zu überwachen, sondern zusätzlich Werte des Elektroenzephalogramms (EEG) zu verwenden. In folgenden Erhebungen wollen sie zudem versuchen, in den Kontrollgruppen Nadeln ohne Hautperforation einzusetzen, um Verfälschungen aufgrund von Gewebereaktionen aus dem Weg zu gehen.
Der Pressesprecher der Deutschen Akademie für Akupunktur und Aurikulomedizin (DAAAM), Dr. Bernd Ramme, ist zufrieden und meint dazu: "Mit der Ohrakupunktur lässt sich eine ganze Menge anfangen, außerdem ist sie eine relativ einfache und sichere Methode. Wenn die Autoren bei späteren Untersuchungen die Schwachpunkte beseitigen, was sie ja vorhaben, dann werden ihre Ergebnisse noch eindrucksvoller ausfallen als in der vorliegenden Arbeit, da bin ich sicher."
Quelle: Usichenko TI et al: Auricular acupuncture for pain relief after total hip arthroplasty - a randomised controlled study. Pain 2005; 114: 320-7.




