Operation & Untersuchung
Vollnarkose ohne "übles" Erwachen
Trotz verbesserter Narkosemittel und vorbeugender Medikamente erleben längst nicht alle Patienten ein sanftes Erwachen nach ihrer Operation: Vielen wird erst einmal schlecht oder ihnen dreht sich der Magen um. Betroffen sind vor allem Frauen. "Um die 70 Prozent der Frauen, die sich einer größeren Brustoperation mit Vollnarkose unterziehen, leiden unter dieser Komplikation", sagt Tong Joo Gan, Mediziner an der Duke University in North Carolina. Deshalb wollten er und seine Kollegen herausfinden, ob Akupunktur mit Hilfe elektrischer Reize eine Alternative zur Behandlung mit Medikamenten darstellt.
Wissenschaftler aus aller Welt beschäftigen sich bereits seit einigen Jahren mit der Akupunktur zur Behandlung von Übelkeit und Erbrechen nach Operationen. Dabei geht es um die Stimulation des so genannten Akupunkturpunkts KS 6, der an der Innenseite des Unterarms unter der Handgelenksfalte liegt.
Eine kleiner Punkt am Handgelenk im Focus der Wissenschaftler
Erst kürzlich veröffentlichten Forscher der Universität Heidelberg eine Studie, an der sich 220 Frauen beteiligten (vgl. Akupunktur mindert Übelkeit nach Operation). Alle Teilnehmer wurden vor ihrer Brust- oder Unterleibsoperation am Akupunkturpunkt KS 6 mit Hilfe von Nadeln akupunktiert oder sie erhielten - zum Vergleich - eine vorgetäuschte Akupunktur-Behandlung. Die Frauen, bei denen eine Unterleibsoperation durchgeführt wurde, profitierten deutlich von der Akupunktur. Bei den anderen Patientinnen war kein deutlicher Behandlungserfolg erkennbar - die Studienergebnisse bleiben umstritten.
Eine weitere, in diesem Sommer veröffentlichte Untersuchung beschäftigt sich mit der Akupunktur des Punkts KS 6 zur Linderung von Übelkeit und Erbrechen nach Operationen. Dazu hatten zwei australische Wissenschaftlerinnen alle bis dato erschienen Studien zum Thema gesammelt, gesichtet und evaluiert. In ihre anschließende Bewertung flossen nur solche Untersuchungen mit ein, die strengen wissenschaftlichen Kriterien standhalten konnten. Fazit: Die Stimulation von Akupunkturpunkten am Handgelenk stellt eine sinnvolle Behandlungsalternative dar, lindert die Beschwerden jedoch nicht effektiver als entsprechende Medikamente.
Hilft Akupunktur noch besser gegen Übelkeit als die üblichen Medikamente?
Dass die elektrische Stimulation des Akupunkturpunkts KS 6 den Standard- Medikamenten überlegen ist, zeigen nun die Ergebnisse der vorliegenden Studie von der Duke University. An den Untersuchungen nahmen insgesamt 75 Frauen teil, die wegen einer längeren Brustoperation (zur Verkleinerung, Vergrößerung oder Entfernung der Brust) über zwei bis vier Stunden in Vollnarkose versetzt wurden. Nach dem Zufallsprinzip teilte man die Frauen in drei Gruppen ein: Bei einer Gruppe wurde der Akupunkturpunkt KS 6 mit Hilfe elektrischer Impulse über eine Elektrode gereizt. Zum Vergleich erhielt die zweite Gruppe statt der Akupunktur-Behandlung das Medikament Ondansetron, das standardmäßig zur Vorbeugung von Übelkeit und Erbrechen eingesetzt wird. Die dritte Gruppe diente als Kontrollgruppe: Die Elektroakupunktur am Handgelenk wurde hier nur vorgetäuscht (Placebo-Kontrolle).
Nach Abschluss der Operation kontrollierte man den Zustand der Patientinnen in regelmäßigen Abständen: Zunächst direkt nach dem Eingriff und dann in dreißigminütigen Abständen über zwei Stunden, dann nochmals nach 24 Stunden. Die Ärzte überprüften dabei das Auftreten von Übelkeit oder Erbrechen und ob zusätzliche Mittel dagegen verabreicht werden mussten. Die Patientinnen wurden außerdem nach ihren momentanen Schmerzen und ihrem Wohlbefinden befragt.
Vorteile bei der Bekämpfung von Übelkeit und Schmerzen
Wie die Studienergebnisse verdeutlichen, waren nach zwei Stunden 77 Prozent der mit Elektroakupunktur behandelten Frauen frei von Übelkeit und Erbrechen, ohne weiteren Einsatz von Medikamenten. Für 64 Prozent der Medikamenten-Gruppe galt das gleiche Ergebnis, aber nur 42 Prozent der Kontrollgruppe war beschwerdefrei. Sowohl Elektroakupunktur als auch Ondansetron wirkten also effektiv gegen Übelkeit und Erbrechen - dieser positive Effekt war auch noch nach 24 Stunden deutlich sichtbar.
Bemerkenswert dabei ist, dass - was die Linderung von Übelkeit betrifft - die Akupunktur sogar signifikant besser wirkte als das Medikament Ondansetron. Die akupunktierten Frauen berichteten auch über vergleichsweise weniger Schmerzen als die anderen Patientinnen, die keine Akupunktur erhalten hatten.
"Die Patientinnen, die wir im Rahmen unserer Studie mit Akupunktur behandelten, fühlten sich während ihrer Aufwach- und Erholungsphase nach der Operation deutlich wohler als diejenigen Frauen, die Medikamente gegen Übelkeit erhalten hatten", fasst Tong Joo Gan die Studienergebnisse zusammen. Einen weiteren Vorteil sieht der Autor der Studie darin, dass nach der Akupunktur keine oder fast keine Nebenwirkungen auftraten.
Akupunktur kann noch viel mehr
Immer mehr internationale Studien bestätigen die Wirksamkeit der Akupunktur zur Therapie verschiedener Leiden und Erkrankungen. Inzwischen belegen viele Untersuchungen, dass die Akupunktur gerade Menschen mit chronischen Schmerzen effektiv helfen kann. Die Wirkmechanismen geben den Wissenschaftlern jedoch noch eine Menge Rätsel auf und die Forschung steht hier erst am Anfang. "Natürlich benötigen wir weitere und vor allem gut konzipierte Studien, um die Wirksamkeit der Akupunktur besser verstehen zu können und bisherige Behandlungsmethoden zu verbessern", sagt Dr. Bernd Ramme von der Deutschen Akademie für Akupunktur und Aurikulomedizin (DAAAM). "Immer deutlicher wird jedoch, dass nur eine fachgerecht durchgeführte Akupunktur-Behandlung, die auf der individuell am Patienten orientierten Diagnose beruht, zu bestmöglichen Behandlungserfolgen führen kann", betont Dr. Ramme.
Quelle: Gan TJ et al.: A Randomized Controlled Comparison of Electro-Acupoint Stimulation or Ondansetron Versus Placebo for the Prevention of Postoperative Nausea and Vomiting. Anesth Analg (2004); 99: 1070-1075.




